Polen probte heißen Winter

Virtuelle Militärübung soll USA und Nato an Bündniszusagen erinnern

  • Von René Heilig
  • Lesedauer: 4 Min.

»Marsch, marsch, Dabrowski…« Polens Hymne soll auch in den schwersten Zeiten Mut machen, denn: »Noch ist Polen nicht verloren«. Dass das Ergebnis einer Stabsübung der polnischen Streitkräfte nun das Gegenteil ergab, liegt womöglich daran, dass unter den beteiligten Militärs kein General Dabrowski war. Doch so ganz genau weiß man das nicht, denn alles, was in der im Dezember abgehaltenen virtuellen Übung »Winter 20« lief, ist streng geheim. Dass dennoch so viel darüber bekannt wurde, ist nur auf den ersten Blick verwunderlich.

Nach Angaben absichtsvoll unterrichteter »Informanten« stand der Feind bereits am fünften Tag des virtuellen Konflikts an der Weichsel. Die besten Bataillone hatten zwischen 60 und 80 Prozent ihres Bestandes verloren. Die Häfen des Landes waren blockiert oder besetzt, die Luftwaffe sowie die Marine Polens existierten nicht mehr. Um Warschau wurde gekämpft. Es zeigte sich, dass Polen der geballten Wucht der Angreifer nicht gewachsen ist.

Woher die Aggressoren kamen? Aus dem Osten. Die russischen Armeen griffen von der Enklave Kaliningrad aus an. Doch anders als in zahlreichen Nato-Studien, hielten sie sich nicht lange am sogenannten Suwalki Gap auf, um die baltischen Staaten aufzurollen. Putins Militärs stürmten mit Macht gen Westen. Auch dass die Übungsmacher modernste westliche Waffensysteme einsetzten, die zum Gutteil von Polen bestellt aber noch gar nicht geliefert sind, konnte die Angreifer nicht stoppen. Kurzum: Die Situation sei »noch schlimmer als 1939«, fasst das Internetportal »Interia« zusammen.

1939? Damals benötigte Hitlers Wehrmacht 18 Tage, um Warschau einzuschließen. Die Sowjetunion rückte dann von Osten nach. Dass man derartige Vergleiche bemüht, lässt politische Absicht erkennen.

Erklärtes Ziel der polnischen Streitkräfte bei »Winter 20« war es, einem Angriff aus dem Osten einen Monat lang standzuhalten. Diese Zeit würden die westlichen Verbündeten in etwa benötigen, um große kampfkräftige Einheiten nach Polen zu verlegen. Mal abgesehen davon, dass ein Truppenaufmarsch im Westen Russlands nicht so unbemerkt bleiben kann, wie in dem polnischen Kriegsspiel – die Desaster-Inszenierung macht nur Sinn, wenn man die Bevölkerung noch stärker auf einen Feind aus dem Osten einstellen und weitere Waffenkäufe begründen will. Bereits jetzt hat Polen 32 F-35-Stealth-Bomber geordert, dazu Patriot-Flugabwehrsysteme. Man will einen neuen Panzertyp bauen und U-Boote kaufen.
Neben diesen innenpolitischen Zielen sollen die Indiskretionen um »Winter 20« nach außen wirken – als Signal an die Nato-Alliierten, dass sie nicht erst dann ins Land kommen dürfen, wenn russische Panzer vor Warschau stehen.

So ist es auch nicht. Auf dem Nato-Gipfel 2016 in Warschau war beschlossen worden, je ein Kampfbataillon in der Stärke von etwa 1000 Soldatinnen und Soldaten in Polen, Litauen, Lettland und Estland zu stationieren. Die multinationalen Verbände wechseln etwa alle neun Monate, um die Nato-Russland-Grundakte von 1997 nicht zu beschädigen. Laut der ist eine permanente Stationierung von Nato-Truppen in den östlichen Mitgliedstaaten ausgeschlossen. Freilich, dieses größte Nato-Aufrüstungsprogramm seit Ende des Kalten Krieges namens »Enhanced Forward Presence« ist von der Kampfkraft her symbolisch. Damit will sich Warschau offenbar nicht zufriedengeben.

Im Zuge der sogenannten Krim-Krise hatte das US-Militär bereits 4000 Marines nach Polen verlegt. Auch rotierend. Doch stand schon in Rede, dass die USA rund eintausend Mann ständig in Polen stationieren. Warschau verpflichtete sich gegenüber dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump, für die Unterhaltskosten der Truppen aufzukommen. Zu Ehren des US-Präsidenten könnte die neue US-Basis »Fort Trump« heißen, schleimte Polens Staatspräsident Andrej Duda.

Da hatte er wohl aufs falsche Pferd gesetzt, denn die US-Soldaten sollten nach dem von Trump geplanten Abzug aus Deutschland an die russische Grenze vorverlegt werden. Da aber der neue US-Präsident Joe Biden alle Abzugs- und Umgruppierungspläne auf Eis gelegt hat, sendete die polnische Regierung mit »Winter 20« eindeutige Zeichen des Unmuts.
In Moskau reagiert man offiziell nicht auf den »Untergang Polens«. Doch melden sich Experten, die in Medien die Überlegenheit der eigenen Iskander- und S400-Raketen priesen. In vier Tagen wäre die Polen-Aufgabe nicht zu lösen, aber in 20 ganz gewiss, ist zu lesen. Derartige Aussagen verstärken ebenso wie die »Winter 20«-Debatte die Notwendigkeit, dass Russland und die Nato sich rasch politisch über weitreichende Rüstungsbeschränkungen und vertrauensbildende Maßnahmen verständigen.

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