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»Wir versuchen, sie am Leben zu halten«

Die Psychologin Katrin Glatz-Brubakk kümmert sich um traumatisierte Kinder und Jugendliche, die in Flüchtlingslagern auf der griechischen Insel Lesbos gestrandet sind

  • Von Philipp Hedemann
  • Lesedauer: 10 Min.

Frau Glatz-Brubakk, worunter leiden die Kinder und Jugendlichen in den Flüchtlingslagern auf Lesbos?
Albträume, Konzentrationsschwierigkeiten, extrem niedrige Frustrationstoleranz, Aggressivität und Panikattacken. Manche Kinder ziehen sich fast vollständig von der Welt zurück. Sie spielen nicht mehr, manche haben seit acht Monaten kaum ein Wort gesprochen. Andere sind so apathisch, dass sie nicht mehr selber essen und gefüttert werden müssen. Sie sind so antriebslos, dass sie nicht einmal mehr selber zur Toilette gehen.

Welche weiteren Probleme haben die Kinder?
Seitdem das Lager Moria abgebrannt ist, gibt es hier viele Kinder, die schlafwandeln. Das Feuer hat die Kinder im September letzten Jahres aus dem Schlaf gerissen. Nachts laufen sie durchs Lager und schreien: »Hilfe! Es brennt! Ich sterbe!« Da das neue Lager direkt am Wasser liegt, binden manche Eltern mittlerweile ihre Kinder nachts fest, damit sie nicht ins Meer laufen und ertrinken. Manche Kinder leiden unter schwersten Depressionen. Sie verletzen sich, indem sie sich selbst beißen, sich die Haare ausreißen oder ihren Kopf gegen die Wand oder den Fußboden schlagen, bis sie bluten.

Gibt es auch Kinder, die so verzweifelt sind, dass sie sterben wollen?
Ja. Ärzte ohne Grenzen hat im vorigen Jahr 50 Kinder wegen schwerer Selbsttötungsgedanken oder Suizidversuchen behandelt. Zum Glück wissen kleine Kinder noch nicht genau, wie man sich umbringt. Sie wissen nicht, wie viele Tabletten man schlucken muss oder wie lange man unter Wasser bleiben muss, um zu sterben. Darum führt nicht jeder Suizidversuch zu akuter Lebensgefahr. Aber darum geht es nicht. Es geht um den unerträglichen Zustand, dass Kinder so sehr leiden, dass sie nur noch einschlafen und nicht mehr aufwachen wollen!

Wie alt sind die Kinder, die nicht mehr leben wollen?
Das jüngste Mädchen war acht Jahre alt. Es hat versucht, sich zu erhängen. In diesem Jahr haben wir schon drei Kinder nach Suizidversuchen behandelt. Unter ihnen ist ein 13-jähriger Junge aus Afghanistan, der schon sehr viele Selbstmordversuche hinter sich.

Wie hat er versucht, sich umzubringen?
Er hat Tabletten geschluckt, er ist ins Meer gerannt, um sich zu ertränken; er hat versucht, vor ein fahrendes Auto zu springen; er hat sich mit Scherben und Rasierklingen aufgeschnitten. Die Familie versteckt jetzt alles, was scharf ist und lässt ihren Sohn nicht mehr aus den Augen. Immer, wenn ich eine Nachricht auf mein Mobiltelefon bekomme, schlägt mir das Herz bis zum Hals, denn ich habe ständig Angst, eine schlimme Nachricht von den Eltern zu bekommen. (Katrin Glatz-Brubakks Augen füllen sich mit Tränen, sie braucht Zeit, um sich zu sammeln.)

Das Schicksal dieses Jungen nimmt Sie offensichtlich stark mit ...
Natürlich! Es macht mich fertig, wenn Kinder nur noch sterben wollen und wir sie wieder zurück in die Bedingungen schicken müssen, die sie krank gemacht haben. So geht eine ganze Generation von Flüchtlingskindern kaputt.

Ihr Job ist offensichtlich sehr belastend. Was motiviert Sie, dennoch weiterzumachen?
Wenn ein Kind nach monatelangem Schweigen endlich wieder spricht und lacht oder eine Mutter mir vor Freude um den Hals fällt, weil ihre Kinder endlich wieder spielen.

Die Eltern von Patienten fallen Ihnen um den Hals? Verstößt das nicht gegen die Corona-Vorschriften?
Manchmal ist es einfach wichtiger, eine Menschenseele zu retten, als sich an alle Regeln zu halten.

Wie können Sie dem Jungen helfen, der schon mehrmals versucht hat, sich umzubringen?
Wir sehen ihn und seine Eltern mehrmals pro Woche. Wenn nötig, verschreiben wir Medikamente und erstellen mit den Eltern Sicherheitspläne. Wir versuchen, die Lage – soweit es unter den Bedingungen hier geht – zu stabilisieren, bis die Kinder in eine psychiatrische Klinik auf dem griechischen Festland verlegt werden können. Nur in so einer Einrichtung kann eine richtige Behandlung erfolgen.

Wie können Sie anderen psychisch kranken Kindern helfen?
Indem wir mit ihnen sprechen, spielen und malen. Beim Spielen können die Kinder sich zumindest kurz entspannen. Das baut das Stresshormon-Level im Körper ab. So werden Kinder wieder in die Lage versetzt, sich zu konzentrieren und zu lernen. Gestern habe ich einen sechsjährigen Jungen aus Syrien, der seit vier Monaten bei uns in der Therapie ist, beim Spielen das erste Mal lächeln sehen. Ein kleines Wunder! Mit den älteren Kindern sprechen wir, um gute, Mut machende, aber verschüttete Erinnerungen wieder hervorzuholen. Viele Kinder malen Schulen, weil sie endlich wieder zur Schule gehen wollen. Ein siebenjähriger Junge aus Syrien malt ständig sein grünes Fahrrad, das bei der Bombardierung seines Elternhauses zerstört wurde. Er würde so gerne wieder Fahrrad fahren! Wenn Kinder keine Träume, Wünsche und Pläne mehr haben, sehen sie keinen Grund mehr, morgens aufzustehen und weiterzuleben. Das müssen wir verhindern.

Machen die Flüchtlingslager Kinder psychisch krank?
Auf jeden Fall! Viele, die vorher noch nicht psychisch krank waren, werden es hier. Die meisten Kinder sind aber bereits von dem traumatisiert, was sie in ihrer Heimat oder auf der Flucht erlebt haben. Sie haben erlebt, wie Familienangehörige verhungert sind oder vor ihren Augen enthauptet wurden. Ein Mädchen, das ich behandele, hat auf der Flucht durch die Berge mitbekommen, wie ihre Mutter und ihr Bruder erfroren sind. Viele haben erlebt, wie Angehörige ertrunken sind, als die völlig überladenen Schlauchboote zwischen der Türkei und Griechenland sanken. Vor allem Mädchen, die alleine flohen, wurden vielfach vergewaltigt. Im abgebrannten Lager Moria haben Kinder mitansehen müssen, wie Menschen bei Messerstechereien verletzt oder getötet wurden. Im neuen Lager fürchten sie sich davor, dass ein Wintersturm ihr Zelt wegweht oder jemand ins Zelt einbricht. Mädchen haben Angst vor Vergewaltigungen. Es gibt im Lager keinen einzigen Ort, an dem sie sich sicher fühlen.

Sind die Bedingungen im neuen Lager besser?
Nein! Zwar wurden vor Kurzem ein paar Paletten unter die Zelte gelegt, so dass sie nicht ständig überflutet sind, sondern nur manchmal. Zwar hat man jetzt Plastikplanen über ein paar Zelte gezogen, damit es nicht ständig reinregnet, sondern nur manchmal. Und es gibt jetzt ein paar Duschen im Lager, damit man sich zumindest einmal pro Woche waschen kann. Früher war das hier gar nicht möglich. Aber es gibt immer noch viel zu wenig Toiletten. Und die sind so dreckig, dass viele Menschen möglichst wenig essen und trinken, damit sie nicht so oft aufs Klo müssen. Das Essen, für das sie lange Schlange stehen müssen, ist oft zu wenig und manchmal vergammelt. Immerhin haben die verschärften Sicherheitsmaßnahmen dazu geführt, dass es weniger Messerstechereien gibt. Aber alles in allem kann man das doch nicht Verbesserung nennen! Den meisten Menschen geht es jetzt schlechter als im katastrophalen Lager Moria.

Warum?
Weil ihre Hoffnung schwindet. Fast 80 Prozent der Menschen, die jetzt in den Flüchtlingslagern auf Lesbos leben, sind seit mindestens 15 Monaten hier. Sie sind zermürbt. Mittlerweile geben viele die Hoffnung auf, dass das Leben jemals besser wird. Bei vielen Menschen sind die Reserven aufgebraucht. Sie brechen einfach zusammen.

Zeichnungen der Kinder aus dem Lager auf Lesbos.
Zeichnungen der Kinder aus dem Lager auf Lesbos.

Leiden Kinder stärker als Erwachsene unter der Perspektivlosigkeit?
Kinder leiden sehr stark unter Perspektivlosigkeit. Wir Erwachsenen haben Lebenserfahrung. Wir haben in unserem Leben bereits Probleme erlebt und gelöst und wissen aus Erfahrung, dass nach schwierigen Zeiten oft bessere Zeiten kommen. Vor allem Kinder, die ihr gesamtes bewusstes Leben auf der Flucht oder in einem schlimmen Flüchtlingslager verbracht haben, wissen das nicht.

Was macht es mit einem Kind, wenn es unter solch schlimmen Bedingungen aufwächst?
Das hat katastrophale Folgen. Kinder sind stärker als Erwachsene von der Umgebung abhängig. Sie brauchen Sicherheit, Geborgenheit und Planbarkeit, um sich gesund entwickeln zu können. All das ist im Lager nicht gegeben. Die Kinder stehen unter Dauerstress. Wenn man chronisch in Alarmbereitschaft ist, kann der Teil des Gehirns, der unter anderem fürs Planen, Lernen, die Regulierung von Gefühlen und die Etablierung guter zwischenmenschlicher Beziehungen zuständig ist, sich nicht richtig entwickeln.

Im Lager können die Kinder auch nicht zur Schule gehen. Welche Folgen hat das?
Wenn sie irgendwann an einem sicheren Ort leben, wird es für viele von ihnen eine große Herausforderung werden, zur Schule zu gehen. Viele von ihnen haben noch nie eine Schule besucht, andere seit Jahren nicht mehr. Sie müssen erst lernen, sich zu konzentrieren, stillzusitzen und zuzuhören. Je älter sie sind, desto größere Wissenslücken haben sie.

Zeichnungen der Kinder aus dem Lager auf Lesbos.
Zeichnungen der Kinder aus dem Lager auf Lesbos.

Werden sie das Versäumte je aufholen können?
Sobald Kinder gute Lebensbedingungen erhalten, können ihre Gehirne oft Unglaubliches leisten. Aber je länger die Kinder zuvor im Lager gelebt haben, desto länger werden sie brauchen, um sich zu integrieren und desto mehr Unterstützung werden sie dabei brauchen. Abgesehen davon, dass wir schon jetzt eine moralische Pflicht haben, diesen Kindern zu helfen, verursachen wir durch die unterlassene Hilfeleistung auch riesige sozioökonomische Kosten, die unsere Gesellschaften später tragen müssen. Auch deshalb müssen wir die Kinder hier so schnell wie möglich rausbringen. Jeder Tag zählt!

Zeichnungen der Kinder aus dem Lager auf Lesbos.
Zeichnungen der Kinder aus dem Lager auf Lesbos.

Können psychisch kranke Kinder im Lager vollständig geheilt werden?
Nein, denn das Lager hat sie ja krank oder noch kränker gemacht. Hier können wir uns nur darum bemühen, sie am Leben zu halten. Wir kleben nur ein Pflaster auf eine Brandwunde, während die Menschen noch im Feuer stehen. Als Therapeutin macht mich das total fertig, denn ich weiß, dass es möglich wäre, diese Kinder unter normalen Bedingungen zu heilen.

Wer ist schuld daran, dass Kinder so leiden?
Das sind politische Entscheidungen! Die Bedingungen im Lager sind nicht das Resultat einer Naturkatastrophe. Seit über fünf Jahren machen ich und viele andere immer wieder auf diese Schande Europas aufmerksam. Politische Entscheidungsträger versprechen uns dann, dass es besser wird – aber das Gegenteil ist der Fall! Nicht nur die Lagerbewohner sind deshalb enttäuscht und wütend. Ich bin es auch. Europa guckt zu, wie diese Menschen langsam zugrunde gehen.

Wenn Sie nicht für Ärzte ohne Grenzen im Einsatz sind, unterrichten Sie Klinische Kinderpsychologie an der Universität Trondheim. Warum tun Sie sich die belastenden Einsätze auf Lesbos an?
Wenn die geflüchteten Kinder auf Lesbos sich einmal in dein Herz geschlichen haben, lassen sie dich nicht los. Mein Mann ist nicht gerade happy darüber, dass ich jedes Jahr für mehrere Monate auf Lesbos im Einsatz bin. Aber auch ihm ist klar: Ich werde es nicht lassen können, denn ich weiß, dass meine Arbeit hier einen Unterschied macht.

Notruf für Suizidgefährdete

Fast eine Million Menschen begehen nach Schätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit jährlich Suizid. In Deutschland sind es rund 10 000, darunter sind 600 Menschen unter 25 Jahren. Dazu kommen nach Angaben des nationalen Präventionsprogramms mindestens 100 000 Versuche. Suizid ist in vielen Industriestaaten als Todesursache häufiger als Verkehrsunfälle, illegale Drogen und Gewaltverbrechen zusammen. Darauf soll der Internationale Suizidpräventionstag aufmerksam machen, den es seit 50 Jahren gibt. Initiatoren sind die Internationale Vereinigung für Suizidprävention und die WHO. In Deutschland bieten mehr als 100 Telefonseelsorgestellen jederzeit anonyme Beratung unter den bundeseinheitlichen und kostenlosen Telefonnummern 0800 1110111 oder 0800 1110222. Die Mitarbeiter hören zu, nehmen Anteil und verweisen bei Bedarf an andere Einrichtungen. Unter der Adresse www.u25-deutschland.de können sich Jugendliche und junge Erwachsene online und anonym beraten lassen. In Krankenhäusern und psychiatrischen Kliniken gibt es in der Regel Ambulanzen, an die man sich wenden kann. In den Nachtstunden sind dort mindestens auch diensthabende Ärzte erreichbar. dpa/nd

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