Es ist nicht immer Burn-out

Die Medizinerin Anne Fleck geht Ursachen von Erschöpfungssymptomen auf den Grund

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.

Chronische Erschöpfung als Massenphänomen - der Befund der Internistin und Rheumatologin Anne Fleck verwundert nicht, wenn man sich die Arbeitswelt hinzudenkt und sich vorstellt, wie sich immer mehr Last auf immer weniger Schultern häuft und gerade Berufstätige mit Kindern einer Doppelbelastung ausgesetzt sind. Von Burn-out ist oft die Rede als Reaktion des Nervensystems auf dauernde Überforderung, die mit Selbstzweifeln, Frust und innerer Leere einhergeht.

Die gewachsene Aufmerksamkeit für das Psychosomatische hat allerdings eine Kehrseite: die Verführung, in der konkreten Diagnose beim Seelischen stehen zu bleiben. Gerade weil es zum Thema Burn-out schon so viele Veröffentlichungen gibt, widmet die Autorin dem Stressabbau nur ein einziges Kapitel von »Abendritual« bis »Zeit für Dinge, die etwas bedeuten«. Ihr Hauptanliegen: mit schulmedizinischem Wissen und ärztlicher Erfahrung möglichen Ursachen für Energiemangel auf den Grund zu gehen. Dabei lädt sie Leserinnen und Leser ein, sich auf Spurensuche zu begeben.

Liegt es am Verdauungssystem, an einem Mangel an Magensäure oder Verdauungsenzymen oder an einer gestörten Darmwandbarriere, die zu einer Entzündungsreaktion im Körper führt? Auch haben viele Autoimmunerkrankungen Müdigkeit als Leitsymptom: Hashimoto-Thyreoiditis, Multiple Sklerose, Diabetes mellitus Typ 1, rheumatoide Arthritis … Milch und Gluten werden als heimliche Müdemacher mit Suchtpotenzial benannt. Und was ist mit den »Mitochondrien«, die in unseren Zellen wie ein riesiges Verdauungssystem agieren und zugleich dafür sorgen, dass ungesunde Zellen abgebaut werden? »Die aktuelle, evidenzbasierte Medizin wird die Mitochondrien-Medizin in Zukunft stärker einbeziehen müssen«, meint Anne Fleck. Auch Arzneimittel, nicht nur Antidepressiva oder Antiepileptika, wie man sowieso vermutet, können Müdemacher sein. Genannt werden da Antiallergika, Antibiotika, Bluthochdruck- und Diabetesmittel, Cholesterinsenker, Rheumamedikamente oder die »Pille«. Eine solche Fülle an Informationen enthält der Band, dass er sich auf jeden Fall auch zur Lektüre für Ärzte eignet. Laien gibt die Autorin jeweils Checklisten zur Selbstbeobachtung und »Spickzettel« für den Arztbesuch mit, um auf bestimmte Symptome hinzuweisen und eine Diagnose in dieser Richtung anzuregen. Wobei über die Hälfte des Buches sich dem widmet, was jeder selbst für sich tun kann: gesunder Schlaf im eigenen Rhythmus und eine Ernährung ohne Gluten, Milch, Zucker und Transfette. Letztere können, was manche womöglich nicht wissen, auch beim Braten mit nicht hoch erhitzbaren Ölen entstehen. Positiv steht Anne Fleck der vegetarischen Ernährung gegenüber, rät aber zur Vorsicht bei Fleischersatzprodukten, die oft vor minderwertigen Fetten, Zucker, Salz, künstlichen Aromen, Konservierungs- und Farbstoffen nur so strotzen.

Ausführlich dargestellt sind Wirkstoffe zur Nahrungsergänzung, bezogen auf das jeweilige gesundheitliche Problem. Das Hauptaugenmerk liegt allerdings auf der täglichen Ernährung. Da kann das im Buch vorgestellte »30-Tage-Energy!-Programm« durchaus herausfordernd sein. Kein Marmeladenbrötchen zum Kaffee, kein Entenbraten und Schokolade sowieso nicht. Dafür zum »Spätstück« (nicht sofort essen, sondern nach dem Aufstehen erst einmal Wasser trinken) zum Beispiel einen Möhren-Papaya-Salat mit Minze und Kürbiskernen, zu Mittag eine Guacamole-Bowl mit Gurke und Minze und zum Abendessen Zucchinigemüse mit Lachs. Aber wussten wir nicht schon längst, dass es für eine Nahrungsumstellung an der Zeit wäre?

Anne Fleck: Energy! Der gesunde Weg aus dem Müdigkeitslabyrinth. Mit 30-Tage-Selbsthilfeprogramm. Deutscher Taschenbuch Verlag, 432 S., geb., 25 €.

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