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Freunde in der Pandemie

Für Mieter ist die Anschaffung eines Haustieres oft nicht einfach

  • Von Volker Stahl, Hamburg
  • Lesedauer: 8 Min.

Manchmal ist es nicht leicht, «auf den Hund zu kommen», wie der Fall der im Hamburger Stadtteil Alsterdorf zur Miete wohnenden Lena Danielzik zeigt. Lange bemühte sich die 29-Jährige vergeblich um die Erlaubnis, einen Hund halten zu dürfen. «Ich lebe allein und hatte Lust auf ein Team Mensch-Hund. Das motiviert mich, mehrere Stunden am Tag draußen zu sein, was mir gut tut», begründet die daheim als Solo-Selbstständige arbeitende Schnittdirektrice ihr Begehren. Sie wollte gerne Verantwortung für ein Lebewesen übernehmen, obwohl sie wusste: «Die Haltung eines Tieres schränkt mich zwar ein, gibt aber auch viel zurück.»

Laut Mietvertrag ist das Halten von Tieren in der Wohnanlage grundsätzlich untersagt. Lena Danielzik hoffte aber, dass ihre Vermieterin mit sich reden lässt. Doch die Verwaltung des in Privatbesitz befindlichen Mehrfamilienhauses ließ sich nicht erweichen, obwohl sie zuvor eine Zustimmungserklärung sämtlicher Nachbarn zur Hundehaltung eingeholt hatte. Sie habe eine ziemlich harsche Absage bekommen, so Danielzik. Es hieß: «Nein, auf gar keinen Fall! Wir machen das seit 80 Jahren so, die Erfahrungen haben uns recht gegeben. Wenn sie ausziehen wollen: Die Kündigungsfrist beträgt drei Monate!» Auch entwerteten Hundehaare die Mietsache, argumentierte die Verwaltung. Sogar Danielziks schriftlich nachgeschobene Selbstverpflichtung, die Wohnung nach dem Auszug durch ein Fachunternehmen von Hundehaaren reinigen zu lassen, änderte nichts an dieser Haltung.

«Auf den Hund gekommen»

Doch die Mieterin gab nicht auf: «Ich wollte es hinkriegen, ohne umzuziehen, habe gegoogelt, wusste aber nicht genau, welche Rechte ich habe.» Schließlich wandte sie sich an den Mieterverein zu Hamburg - eine Empfehlung ihrer Nachbarin, die sich mithilfe dessen rechtlicher Expertise erfolgreich gegen unzulässige Mieterhöhungen gewehrt hatte. Lena Danielzik wurde Mitglied im Mieterverein. Dort riet ihr Rechtsberater Dr. Rolf Bosse, sich endlich das ersehnte Tier anzuschaffen, denn: «Mietverträge, die ein generelles Tierhaltungsverbot enthalten, sind diesbezüglich unwirksam.» Erforderlich sei lediglich, den Vermieter über das Vorhaben zu informieren.

Kurzentschlossen holte Danielzik zu Ostern die aus Rumänien stammende junge Hündin Malu aus dem Heim des Hamburger Tierschutzvereins (HTV) - ein scheues Tier, das nur langsam Zutrauen findet und liebevoller Behandlung bedarf. Dr. Bosse informierte die Vermieterin über die Anschaffung, verbunden mit dem Hinweis auf das BGH-Urteil vom 20. März 2013 (VIII ZR 168/12), das ein generelles Verbot der Hunde- und Katzenhaltung in einer Mietwohnung durch eine Allgemeine Geschäftsbedingung untersagt. Daraufhin schaltete die Vermieterin eine Anwältin ein, die jedoch Mitte April zähneknirschend die Zustimmung «ihrer Mandantschaft» zur Tierhaltung übermitteln musste - «wenngleich ohne Präjustiz für die Sach- und Rechtslage» und verbunden mit Auflagen wie der Zusendung eines Fotos der Hündin. Denn die Zustimmung gelte nur für Malu. Ungeachtet dieses juristischen Wortgeklingels hatte Lena Danielzik endlich ihr Recht bekommen: «Das Einschalten des Mietervereins war wichtig. Endlich erhielt ich eine klare Ansage. Vorher hatte meine Vermieterin mich nicht ernst genommen.»

Mieterin ließ sich nicht einschüchtern

Natürlich empfehle es sich für die Praxis, ein Tier erst dann anzuschaffen, wenn dessen Haltung mit dem Vermieter geklärt sei, sagt Dr. Rolf Bosse. «Denn es wäre nicht zu verantworten, sollte sich der Vermieter doch durchsetzen und der Hausgenosse müsste wieder abgeschafft werden.» Im konkreten Fall habe die Vermieterin wenig Fingerspitzengefühl bewiesen, als sie die Bitte um Tierhaltung sogar durch einen Anwalt brüsk zurückweisen ließ, statt selbst auf ihre Mieterin zu zugehen und sich davon zu überzeugen, dass von der Haltung des Hundes keine Störungen für den Hausfrieden zu erwarten sind. «Umso erfreulicher ist, dass unser Mitglied sich nicht einschüchtern ließ, sondern sich mithilfe der Beratung des Mietervereins zu Hamburg durchgesetzt hat», betont Bosse.

Auch den Mieterverein-Mitgliedern Ilka Rogge und Jan Malte Dunkel konnte der erfahrene Jurist helfen. Das Mieterpaar beabsichtigte, sich während der Coronakrise im April einen Hund anzuschaffen, war sich aber wegen eines Passus im Mietvertrag nicht sicher, wie es vorgehen sollte: «Der Mieter darf Haustiere mit Ausnahme von Kleintieren (Ziervögel etc.) nur mit Zustimmung des Vermieters halten. Die Zustimmung ist zu versagen oder kann widerrufen werden, wenn durch die Tiere andere Hausbewohner oder Nachbarn belästigt werden oder eine Beeinträchtigung der Mieter oder des Grundstücks zu befürchten ist», heißt es dort. Dr. Bosse riet beiden, «auf den Vermieter zuzugehen mit der Bitte, die Genehmigung für die Haltung eines Hundes zu erteilen». Die zuständige Verwaltung reagierte positiv, nannte aber zwei Voraussetzungen für die Erteilung der Genehmigung: Es dürfe kein «Listenhund» sein und es müsse sichergestellt werden, dass der Hund nicht länger alleine in der Wohnung sei. Das Paar teilte schriftlich mit, dass beide Voraussetzungen erfüllt seien und erhielt die Zusage: «Viel Freude mit Ihrem neuen Mitbewohner.» Dem kann man nur hinzufügen: Willkommen in der Gemeinde der 53 500 Hamburger Frauchen und Herrchen, die im Jahr 2019 rund 4,4 Millionen Euro Hundesteuer berappten.

Von wo und von wem man sich seinen Hund anschaffen soll - darüber gehen die Meinungen auseinander. Vom Züchter? Aus dem Tierheim? Aus dem Internet? «Auf keinem Fall sollten Tiere über das Internet bestellt oder gekauft werden», warnt HTV-Tierärztin Dr. Urte Inkmann, «das beziehe ich vor allem auf Welpen: Dahinter verbirgt sich allzu oft eine regelrechte Tierproduktionsmaschinerie, die skrupellose Welpenmafia». Allein der Hamburger Tierschutzverein wurde seit Mai vergangenen Jahres regelmäßig mit illegalem Welpenhandel konfrontiert. Der Großteil der Fälle gehe auf das Konto eines Händlerrings, der in Norddeutschland, insbesondere in Hamburg, aktiv ist«, teilte der HTV mit. Von 63 beschlagnahmten Jungtieren überlebten acht Krankheiten, unter denen sie litten, nicht. Fast alle stammten aus Polen und waren schwer krank: Die Welpen mussten sich permanent übergeben, hatten blutigen Durchfall, waren schlapp und konnten vor Schwäche nicht mehr schlucken - oftmals ein grausames Sterben.

Doch auch wer sich für ein Tier aus seriöser Zucht entscheidet, sollte wissen, dass dahinter immer ein ökonomisches Interesse steht und oftmals Qualzüchtungen mit gesundheitlichen Problemen produziert werden. Möpse, Chihuahuas, Boxer, Schäferhunde, Pekinesen oder Amerikanische und Englische Bulldoggen leiden oftmals an tränenden Augen, unter Hüftgelenksdysplasien, Bandscheibenvorfällen oder Wirbelsäulenmissbildungen. Seriöse Züchter sollten zumindest folgende Kriterien erfüllen: 1. Es ist nur ein Wurf vorhanden. 2. Die Elterntiere sind vor Ort. 3. Die Tiere leben in der Familie, sind nachweislich geimpft und entwurmt.

Wer die Tierproduktion nicht fördern möchte, sollte ein Individuum aus einem Tierheim oder seriösen Tierschutzvereinen adoptieren. »Diese Tiere sind nachweislich gechippt, geimpft, entwurmt und gegen Parasiten behandelt und es wurde ein allgemeiner Gesundheitscheck vorgenommen«, sagt Dr. Urte Inkmann. Außerdem berieten Tierheime sowohl vor als auch nach der Anschaffung von Bello oder Muschi.

25 Millionen Katzen und Hunden

Der Trend zum Heimtier ist ungebrochen: Die Tierheime leeren sich, im Welpenhandel werden Höchstpreise erzielt - auch eine Folge der Corona-Pandemie. In 45 Prozent der deutschen Haushalte wird gebellt, miaut, gepiept oder - tja, welche Laute geben Fische oder Leguane eigentlich von sich? Laut einer aktuellen Studie des Industrieverbands Heimtierbedarf und des Zentralverbands Zoologischer Fachbetriebe Deutschlands haben Katzen mit 14,7 und Hunde mit 10,1 Millionen die Schnauze vorn. Doch wer mit Tieren in einer Wohnung zusammenlebt, sollte einige Dinge beachten, damit weder Hasso, Hexe, Hansi noch die Nachbarn leiden.

Wenn man schon notgedrungen viel Zeit Zuhause verbringt, dann muss zumindest ein Fellknäuel zum Kuscheln her! Die beliebtesten Tiere sind mit Abstand Katze und Hund, die heute in 23 beziehungsweise 20 Prozent der Haushalte in Deutschland leben. Beide Arten kommen zusammen auf fast 25 Millionen Individuen, Tendenz weiter steigend. Zum Vergleich: 1993 waren es nur knapp elf Millionen. Außerdem bevölkern heute 5,2 Millionen Kleintiere wie Hamster, Kaninchen und Meerschweinchen, 4 Millionen Vögel und in 1,6 Millionen Aquarien Abermillionen Fische deutsche Wohnzimmer. Dazu kommen Schlangen, Echsen und Amphibien, die in 1,2 Millionen Haushalten kreuchen und fleuchen.

Die meisten Tiere leben in Mehrpersonenhaushalten, aber auch ein Drittel der Singles teilt das eigene Heim mit einem Tier. Der Philosoph Arthur Schopenhauer wusste schon vor rund 200 Jahren, warum es uns unsere Hausgenossen so angetan haben: »Dass uns der Anblick der Tiere so ergötzt, beruht hauptsächlich darauf, dass es uns freut, unser eigenes Wesen so vereinfacht vor uns zu seh‘n.« Nicht ohne Grund bilden sich in Zoos die größten Menschentrauben vor dem Affengehege …

Dass immer mehr Vierbeiner unsere Zuneigung bekommen, hat auch andere Ursachen als die von Schopenhauer vermutete Nabelschau beim Betrachten derselben. Tiere avancierten in der Moderne immer mehr zum Sozialpartner, was nicht zuletzt dem Trend - besonders in Großstädten - zur Versingelung der Gesellschaft geschuldet ist. Der Anteil der Ein-Personen-Haushalte in Großstädten wie Hamburg beträgt mittlerweile 54 Prozent. Aber auch in Familien gilt es immer öfter als fortschrittlich, für »Kids« einen Gefährten auf vier Pfosten anzuschaffen. Denn die aufgeklärte Mutter und der gut informierte Vater wissen, was Studien wie die der Veterinärmedizinerin Elizabeth Paul von der Universität Bristol herausgefunden haben: Wer Wärme und Wohlwollen für Tiere übrig hat, behandelt auch seine Artgenossen gut. »Kinder, die mit einem Familienhund aufwachsen, zeigen 34 Prozent häufiger freundliche Verhaltensweisen als Kinder, die hundelos groß werden«, vermeldete kürzlich der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte. Tierquälerei dagegen ist häufig mit Menschenfeindlichkeit und Sadismus verbunden.

Herrchen und Frauchen haben weniger Stressgefühle und niedrigeren Blutdruck, Tiere in Altenheimen wecken die Lebensgeister von Senioren und haben bei Problem-Jugendlichen eine therapeutische Wirkung. Kurzum, Hunde, Katzen und andere Haustiere sind Balsam für die menschliche Seele.

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