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  • 67. Kurzfilmtage Oberhausen

Ins Nichts starren

Die 67. Kurzfilmtage Oberhausen überzeugen mit den verschiedensten Entwürfen einer fragmentierten Wirklichkeit

  • Von Sarah Pepin
  • Lesedauer: 4 Min.

Machen wir uns nichts vor: Wir durchleben einen absurden Moment in der Menschheitsgeschichte. Entfesselter Kapitalismus, Überwachung durch Großkonzerne, eine sich ewig hinziehende Pandemie und der lebensbedrohliche Klimawandel. Die 67. Kurzfilmtage Oberhausen, die dieses Jahr zum zweiten Mal komplett online stattfinden und am Samstag ihren Auftakt feiern, bieten ein facettenreiches Film-Kaleidoskop, das sich ästhetisch und formal mit einer globalisierten Gesellschaft und ebendiesen Herausforderungen auseinandersetzt.

Im Programm des ältesten Kurzfilmfestivals der Welt, bei dem schon George Lucas und Cate Shortland ihre ersten Arbeiten vorstellten, werden dieses Jahr knapp 400 kurze Filme und Musikvideos aus 60 Ländern laufen, die in acht Wettbewerben konkurrieren. Für einen thematischen Einblick bietet sich ein Fokus auf den Internationalen Wettbewerb an, der 44 Filme beinhaltet.

Natürlich spiegelt sich die Realität des pandemischen Jahres 2020 und dessen ganz haptisches Erleben in der Auswahl. Besonders gelungen hierzu ist John Smith’ Film »Covid Messages« in sechs Teilen. Zu Beginn wäscht sich der Regisseur - ein ehemaliger Preisträger der Kurzfilmtage - ausgiebig die Hände, während er »Happy Birthday« säuselt. Und das nicht nur zweimal, wie der britische Premierminister Boris Johnson es verordnet hat, sondern schön kontinuierlich. Um Johnsons zum Teil abstruse Corona-Politik geht es in diesem Zusammenschnitt von Pressekonferenzen dann auch - allerdings haben sich Magie und Zaubersprüche hineingesellt.

Unglaublich, was für eine starke Wirkung einfache Schnitttechniken wie Loops, Überblendungen und Rewinds hier entfalten. Das Publikum verfällt in einen Sog, der dem Zeitgefühl der Endlosschleife des letzten Jahres in nichts nachsteht. Und obwohl das Erlebte tragisch ist, lässt sich hier genau die Art von Humor und Resilienz feststellen, die uns Menschen irgendwie über diese Zeit hinweggeholfen hat.

Auch »20-20«, ein Werk von nicht einmal zwei Minuten, dreht sich um das vergangene Kalenderjahr und lässt uns an der Pandemie-Lebensrealität der kanadischen Regisseurin Karen Trask teilnehmen. Mit einfachen filmischen Mitteln kreiert sie eine Art Video-Tagebuch mit Eindrücken ihres Alltags. Das ist lustig anzuschauen, auch weil man sich darin so gut wiedererkennt: Im Warten, noch mehr Warten - und im Zwang, irgendwie kreativ zu werden, um während dieser Zeit nicht ganz verrückt zu werden.

Neben der Chronifizierung der Realität vermag Film es aber auch, uns in fiktive Gefilde zu transportieren. Der chinesische Regisseur Su Zhong - ein weiterer ehemaliger Preisträger der Kurzfilmtage - kehrt dieses Jahr mit seinem Werk »8’28’’« zurück. Es ist ein Film voller Gewalt, eine Art apokalyptische Horror-Animation, voller Blut und mit videospielartigen Zombies. Verstörend, wie bei Jesus’ letztem Abendmahl menschliche Hände und Füße gegessen werden, wie unaufhörlich eine Armee an scheinbar fremdgesteuerten, blutüberströmten Quasi-Menschen durch die Welt wandert, während im Hintergrund gigantische Metropolen flimmern. Genauso albtraumhaft wie ästhetisch gelungen - und eine schöne Erinnerung daran, wie gut die menschliche Spezies darin ist, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Daran ändert auch ein Virus nichts.

Da ist es Zeit für etwas realitätsflüchtende Schönheit. Denn wenn wir im letzten Jahr eines gelernt haben, dann sicherlich, dass wir viele Dinge als viel zu selbstverständlich empfunden haben. Aus Japan gibt es zu diesem Zwecke Sol Miraglias »Café de Kinema«, ein poetisch atmosphärisches Stimmungsbild aus einem Café in Tokio, in dem im Hintergrund Musik von Nino Rota ertönt, und dessen Wände mit Old-School-Filmpostern bestückt sind. Ein Ort, an dem die Zeit wie stillgestanden scheint, an dem man Menschen dabei beobachten kann, wie sie rauchen, die Zeitung lesen, in Ruhe ins Nichts starren, Kaffee trinken. Hach.

Auch »The Town« von Lindiwe Makgalemele besticht durch seine Schönheit. Der südafrikanische Beitrag folgt dem siebenjährigen Mädchen Lesedi, das sich nichts dringender wünscht, als dass endlich mal Bewegung in ihr Leben kommt. Sie lebt an einem isolierten Ort, die Hitze flirrt, selten fährt ein Auto vorbei. Lesedi lutscht Wassereis und unterhält sich mit ihrer besten Freundin, der Ladeninhaberin Marta. Als eine unbekannte Frau eine Autopanne direkt neben ihrem Haus hat, freundet sich Lesedi kurzzeitig mit ihr an. Ein filigranes, zärtliches Porträt eines aufgeweckten Mädchens - und ein Film, der mitunter auch durch die hervorragenden Schauspielerinnen überzeugt.

Insgesamt ist die Vielfalt an Filmsprachen, die sich hier findet, beeindruckend. Einige Werke überzeugen durch ihre Form, doch man kann sich keinen Reim auf den Inhalt machen. Dennoch: Die Kurzfilmtage Oberhausen haben sich seit ihrer Gründung der Gesellschaftsanalyse verschrieben und sie zeugen auch dieses Jahr von einer Welt im Wandel: von Gewalt zerschlissen, aber trotzdem voller Hoffnung und Schönheit.

Die 67. Kurzfilmtage Oberhausen, 1. bis 10. Mai, auf: www.kurzfilmtage.de. Auftakt ist am 1. Mai, 19.30 Uhr; Festivalpässe gibt es für 15 Euro. Neben dem Filmprogramm sind im »Festival Space« Diskussionen und virtuelle Empfänge geplant.

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