Schätze und Probleme

Ressourcenabbau soll soziale Probleme in Grönland lösen

  • Von Andreas Knudsen, Kopenhagen
  • Lesedauer: 4 Min.
Schnee liegt in Nuuk, der Hauptstadt Grönlands
Schnee liegt in Nuuk, der Hauptstadt Grönlands

Es ist eine ungleiche Koalition, die in Grönland seit kurzem die Regierung stellt: Sozialisten und rechte Nationalisten übernahmen die Regierungsverantwortung von der sozialdemokratisch orientierten Siumut-Partei, die die autonome Nation im Nordatlantik fast ununterbrochen seit 1979 regiert hat. Die neue Regierung steht nun vor den gleichen Problemen, die schon vorherige Regierungen versprochen haben zu lösen und die eher gewachsen sind, als dass sie verringert wurden.

Der Ausbildungsstand der Mehrheit der rund 56 000 Grönländer ist gering und die meisten haben nur die 9. Klasse als höchste Ausbildung. Ein Drittel der Schüler verlässt die Schule ohne Abschluss, weil sie in den wichtigen Fächern Mathematik und Dänisch durchfallen. Grönländisch ist die offizielle Hauptsprache des Landes und Dänisch nur Zweitsprache, aber weiterhin der Schlüssel zu höheren Ausbildungen im fernen Europa. Die forcierte Förderung des Grönländischen durch die Politik hat zwar positiv zum kulturellen und sozialen Gefühl der Menschen beigetragen, hat aber ihren Preis bei der Wissensaneignung. Dem Mangel an Facharbeitern muss weiter mit der Beschäftigung dänischer Handwerker begegnet werden, zur Frustration in der Bevölkerung. Arbeitslosigkeit, Alkohol- und Drogenmissbrauch und hungernde, oft auch sexuell missbrauchte Kinder sind weit verbreitete Probleme.

Múte Egede, der junge und dynamische Regierungschef, hat versprochen, hier anzusetzen. Dafür aber braucht er viel mehr Geld, als Grönland bereitstellen kann. Knapp die Hälfte des Staatsbudgets sind direkte oder indirekte Zuschüsse aus Dänemark und der EU, die Letztere für Fischereirechte in grönländischen Gewässern zahlt. Fisch ist die am meisten ausgebeutete Ressource und die Grenze der Ausbeutungsmöglichkeit längst erreicht, wahrscheinlich bereits überschritten. Die andere Ressource, die lange als Hoffnungsträger für Entwicklung und Arbeitsplätze galt, ist der Tourismus. Die Coronakrise zeigte jedoch gnadenlos die Verwundbarkeit dieses Wirtschaftszweiges. Übrig bleibt also nur der Bergbau, um Einkünfte zu erwirtschaften, die nicht bloß die Löcher im Haushalt füllen, sondern auch die wirtschaftliche Grundlage der erträumten Unabhängigkeit sichern.

In der Theorie ist Grönland ein Füllhorn an Rohstoffen - Seltene Erden, Zink, Blei, Eisenerz, Gold und Wolfram gibt es in attraktiven Mengen. Eine ganze Reihe internationaler Konzerne hat Büros in der Hauptstadt Nuuk, um Vorkommen zu orten und bei der Regierung zu lobbyieren. Trotzdem ist in den letzten Jahren nicht mehr passiert als die Eröffnung einer kleinen Rubinmine. Die Gründe liegen in der Geografie Grönlands mit großen Entfernungen, mangelnder Infrastruktur und der Distanz zu den Weltmärkten. Polarnacht und arktisches Klima sind trotz Klimawandel Faktoren, die die Förderung verteuern. Dazu kommen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die von der Politik festgelegt werden und wenigstens einigermaßen mit den Wünschen der Bevölkerung in Einklang stehen müssen.

Die beiden Regierungsparteien verdanken ihren Wahlsieg zu einem guten Teil ihrem langjährigen Widerstand gegen das geplante Kvanefjeld-Bergwerk in Südgrönland. Im Einklang mit der Lokalbevölkerung und der urbanen Mittelschicht in Nuuk fürchten sie die Umweltfolgen einer offenen Mine und der Gewinnung Seltener Erden, die unvermeidlich mit dem Abbau von Uran verbunden ist. Egedes Regierung hat versprochen, das Projekt endgültig zu beerdigen und zu Grönlands früherer Nulltoleranzpolitik beim Abbau von Uran zurückzukehren. Diese Haltung wird aber auch einfließen ins Kalkül von Rohstoffkonzernen, die langfristige, stabile Bedingungen verlangen, bevor sie Hunderte Millionen Euro oder US-Dollar investieren.

Egedes junge Regierung hat mehrfach ihr Interesse an der Rohstoffausbeutung bekundet, falls sie nachhaltig und uranfrei vor sich geht. Vor mehreren Jahren wurde eine dänisch-grönländische Expertengruppe eingesetzt, um die wirtschaftlichen Möglichkeiten und sozialen Folgen des Bergbaus im großen Stil zu berechnen. Sie kam zu dem Schluss, dass ständig 24 Bergbauprojekte mit überlappenden Phasen von Erschließung, Ausbeutung und Schließung aktiv sein müssten, um Steuereinnahmen für Grönland zu erwirtschaften, die den Traum von der Unabhängigkeit finanzieren könnten. Ob die wirkliche Anzahl letztlich 10 oder 30 sein müsste, ist uninteressant, wenn der De-facto-Stand null ist. Der Spagat ist sehr weit zwischen Zukunftsambitionen und den sozialen und ökologischen Herausforderungen des Bergbaus. Grönland könnte noch viele Jahre auf seinen Schätzen sitzenbleiben, bis profitable und umweltverträgliche Lösungen gefunden sind, diesen Widerspruch aufzulösen.

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