Schwalbe fahren ist pure Leidenschaft

Der Mopedklub Die Zweitaktpioniere aus Sauen begeistert sich für Fahrzeuge aus DDR-Produktion

  • Von Jeanette Bederke
  • Lesedauer: 4 Min.
Männer machen zum Vatertag eine Ausfahrt auf alten Mopeds und Motorrädern aus DDR-Zeiten
Männer machen zum Vatertag eine Ausfahrt auf alten Mopeds und Motorrädern aus DDR-Zeiten

Wenn Silke Gute Schwalbe, Sperber oder Spatz aus der Scheune holt, sind das nicht etwa Vögel. Vielmehr bekennt sich die 46-Jährige aus Sauen (Oder-Spree) zu ihrer Leidenschaft für alte Zweitaktmopeds aus DDR-Produktion. Für sie ist nichts entspannender, als sich zum Feierabend den Helm aufzusetzen, um auf einem ihrer fünf Mopeds mit knatterndem Geräusch eine Runde zu drehen. »Andere setzen sich aufs Pferd, um den Stress zu vergessen, ich steige aufs Moped«, erzählt die Gründerin des Klubs Die Zweitaktpioniere.

Erstes Moped auf dem Flohmarkt gekauft

Ihre Liebe zu den alten Maschinen, von denen 6,5 Millionen zu DDR-Zeiten in den damaligen Simson-Werken in Suhl und in den Industriewerken in Ludwigsfelde gebaut wurden, begann für die gebürtige Zwickauerin schon früh. Ihr Vater arbeitete im VEB Sachsenring Zwickau, wo der Pkw Trabant produziert wurde, sie selbst jobbte in den Ferien dort. Von den liebevoll »Rennpappe« genannten Zweitakt-Autos war es für sie nicht weit zu den Mopeds. »Ich wollte schon immer Simson fahren, hatte aber nie Zeit dafür«, bekennt sie. Erst als der Sohn erwachsen war, stieg die selbstständige Ergotherapeutin vor sieben Jahren erstmals auf ein Moped. Ihre Schwalbe, Baujahr 1982, erstand sie auf einem Flohmarkt.

Damals lebte sie bereits in Sauen und sah Nachbarn mit ähnlichen Mopeds durchs Dorf düsen. Schnell wurde ihre Scheune zum Treffpunkt. Zudem baute sie sich dort eine kleine Hobbywerkstatt und tüftelte mit Gleichgesinnten. »Freitags wurde unser Stammtisch, auch Silvester feiern wir jedes Jahr zusammen und machen an den Wochenenden gemeinsame Touren, also gründeten wir 2015 den Klub.« Die Zweitaktpioniere zählen derzeit 20 Mitglieder, die zwischen 15 und 60 Jahre alt sind. Dazu kommen laut Silke Gute rund 500 Fans, die über die sozialen Medien Kontakt halten.

Einer, der die Faszination für alte DDR-Mopeds nachvollziehen kann, ist Detlef Pasenau. Der Kfz-Meister im Ruhestand führte seine Simson-Werkstatt in Frankfurt (Oder) noch bis 2005 und kam auch als Rentner nicht von den Zweirädern los: Auf seinem Grundstück in Alt Zeschdorf (Märkisch-Oderland) präsentiert er 60 Mopeds und Roller in einem kleinen Museum. Darunter ist die komplette Typen-Palette aus den Simson-Werken bis Baujahr 1980. Die »alten Dinger«, wie er sie liebevoll nennt, würden einfach mehr Fahrspaß bieten, als neue Marken. »Da kannst du schalten und treten und mit bis zu 60, 70 Stundenkilometern losdüsen«, berichtet Pasenau. In der Regel seien es Männer, die bei einem Besuch in Alt Zeschdorf mit ihm ins Fachsimpeln geraten. Frauen wie Silke Gute seien in der »Szene« eher selten, sagt Pasenau.

In der Szene sind Frauen selten

Das kann auch Maren Katerbau bestätigen. Die Fotografin und Autorin hat für ihr im vergangenen Jahr erschienenes Buch »Zweitakt« fünf Jahre lang recherchiert und deutschlandweit Dutzende Klubs besucht. Mehrere Hundert gebe es in der Bundesrepublik, schätzt sie. »Die meisten finden sich natürlich im Osten, aber auch in Westdeutschland, beispielsweise rund um Stuttgart werden ›Schwalbe‹ und ›Sperber‹ als kultige Oldtimer verehrt.«

Geballte Frauenpower - immerhin gibt es fünf weibliche Zweitaktpioniere - traf Katerbau nur in Sauen. »Aus meiner Erfahrung ist das eher eine Männerkultur in einer ganz eigenen Welt. Auch wenn die Fans der DDR-Zweitakter von Herkunft und sozialer Stellung unterschiedlicher nicht sein könnten, über die Maschinen entsteht so ein ganz eigenes Gemeinschaftsgefühl«, hat sie beobachtet.

Im Obergeschoss ihrer Scheune hat Silke Gute ein Gästezimmer speziell für Bikerinnen eingerichtet. »Das lief 2019 gut an, motorisierte Frauen, aber auch Radlerinnen auf der Durchreise, haben hier übernachtet - für eine Spende in Form einer Tankfüllung«, sagt sie. Aufgrund der Corona-Beschränkungen ging es zuletzt nicht.

Könnte sich Silke Gute heute noch einmal entscheiden, würde sie eine Ausbildung zur Feinmechanikerin machen. »Ich kann einen Vergaser reinigen, aber da gehört nicht viel dazu. Da gibt es Fans mit weit mehr Ahnung«, sagt sie. Einer von ihnen ist Zweitaktpionier Kay Bandte aus Briesen. »Wenn Du fahren willst, musst Du auch reparieren können«, sagt der 32-Jährige, der mit den Simson-Maschinen seines Opas groß wurde. Gemeinsam mit ihm eröffnete Silke Gute im vergangenen Jahr eine professionelle Werkstatt für DDR-Zweitakter im benachbarten Pfaffendorf. »Da wurden wir förmlich überrannt. Wenn der Motor tropft oder das Nadellager hin ist, muss ein Profi ran«, erzählt sie. »Schwalbe, Spatz oder Sperber sind inzwischen Kult und im Wert immens gestiegen. Sie zu fahren, ist einfach ein Lebensgefühl und pure Leidenschaft«, schwärmt Gute. dpa

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