• Netzwoche
  • Bild-Berichterstattung über Seilbahnunfall

Auflage mit Toten

»Bild« schlachtet Seilbahnunfall am Lago Maggiore aus

  • Von Katharina Schwirkus
  • Lesedauer: 2 Min.
Manchmal kommt die
Manchmal kommt die "Bild" frei Haus, ob man will oder nicht.

Die »Bild« ist dafür bekannt, keine Rücksicht auf Familien zu nehmen. Tote werden immer wieder schamlos für Profit ausgenutzt. Und dennoch löst das jüngste Beispiel dieser »Berichterstattung« - wenn man den betriebenen Skandaljournalismus so überhaupt noch nennen möchte - großes Entsetzen aus. Bereits am vergangenen Wochenende berichteten Medien weltweit über einen Seilbahnabsturz am italienischen Lago Maggiore, bei dem 14 Menschen ums Leben kamen. Das größte deutsche Boulevardblatt machte sich umgehend auf die Suche nach dem einzigen Überlebenden, einem fünfjährigen Jungen, der seinen Bruder, Vater und auch seine Mutter durch die Tragödie verlor.

Seither erfuhren die Leser*innen des Blattes alles, was die Journalisten - bis jetzt schrieben ausschließlich Männer in dieser Sache - über den israelischen Jungen herausbekommen konnten. Fotos der Familie wurden veröffentlicht; eins wurde ohne Balken auf den Gesichtern oder andere Unkenntlichmachung sogar auf das Titelblatt der etwa eine Million auflagenstarken Zeitung gedruckt. Der Unfall ist ein gefundenes Fressen für »Bild«.

Die pietätlose Herangehensweise an die Geschichte, besonders die Veröffentlichung der Fotos auf der Titelseite am Mittwoch, wird in sozialen Medien scharf kritisiert. Der Gesellschaft-Ressortleiter des »RedaktionsNetzwerk Deutschland«, Imre Grim, fragte am Mittwoch auf Twitter: »Wie kaputt muss man sein, um die komplette Familie unverpixelt zu zeigen? Selbst den ZWEI- und den FÜNFjährigen Jungen? Es ist eine verdammte Schande.« Binnen kürzester Zeit wurde der Tweet mehr als zehntausendmal geliked und mehr als tausendmal weiterverbreitet. Zudem antworteten mehrere Hundert User*innen. Einer, der sich »Micha555« nennt, fragte, ob es »Ausstiegsprogramme für Bild-Angestellte« gebe. Es könne sein, »dass man da reinrutscht und jung ist und das Geld braucht«, spekulierte er. Zudem fragte er, ob andere Zeitungen Ex-Springer-Angestellte einstellten und »die dann Eingliederungshilfe« bekämen.

Tatsächlich war ich selbst einige Monate bei »Bild« tätig. Es gab dort viele Artikel und Überschriften, die mich zur Weißglut brachten. Ich suchte immer wieder mit Kolleg*innen das Gespräch. Dabei habe ich gemerkt, dass es einige gab, denen es ähnlich ging wie mir. Trotzdem entschieden sie sich, bei »Bild« zu bleiben - auch als es andere Optionen für sie gegeben hat. Manche Ex-Kolleg*innen waren davon überzeugt, schlimme Schlagzeilen verhindern zu können. Andere wollten tatsächlich nicht auf das Geld verzichten. Gewissenlos sind keinesfalls alle »Bild«-Redakteur*innen, doch mit dem Business der Zeitung müssen sie klarkommen. Oder gehen.

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