Als sich Ibrahimo Alberto in Schwedt durchboxen musste

Der Mosambikaner war Ausländerbeauftragter und erinnert sich nur zu gut an die Baseballschlägerjahre

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.
Ibrahimo Alberto
Ibrahimo Alberto

Gursharan Singh kam 1997 als Flüchtling nach Crussow bei Angermünde und lebte dort fünf Jahre lang in einem Flüchtlingsheim. Einmal wurde er von Rechten bedroht, flüchtete in den Wald, sprang in einem Teich und kam schließlich mit klatschnasser Kleidung zurück ins Heim. Danach hat er sich kaum noch hinausgetraut.

Ibrahimo Alberto musste ebenfalls Schlimmes erleben. Der Mosambikaner kam 1981 als Vertragsarbeiter in die DDR und zog in den 1990er Jahren nach Schwedt. Hier boxte er für Chemie PCK in der Bundesliga, musste sich aber auch sonst durchboxen – gegen Gegner ohne Handschuhe und sportliche Fairness. Im Bus pöbelte ihn ein Neonazi an: »Hey Du Neger, wo Du sitzt, ist mein Platz«, berichtet Alberto. Er setzte sich um. Aber da hieß es, da gehöre er ebenfalls nicht hin, sondern »in den Busch«. Anstatt die Polizei zu alarmieren, setzte der Busfahrer Alberto vor die Tür. Mehr als einmal wurde der Mosambikaner von zehn oder mehr Neonazis umringt, die ihm sagten, sie würden ihn jetzt totschlagen. Der Boxer wehrte sich und schickte den einen oder anderen mit einem Hieb bewusstlos zu Boden. Danach hatte er dann Angst, die Polizei werde ihn deshalb abholen, obwohl es doch Notwehr war.

Alberto berichtet davon bei einem Abend der Reihe »Brandenburger Baseballschlägerjahre«, ausgerichtet vom Verein Opferperspektive und vom Aktionsbündnis gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Bei der Folge, die am Montag per Videokonferenz aus dem Potsdamer Jugendzentrum Freiland übertragen wird, dreht es sich darum, wie Neonazis in den 1990er Jahren im Landkreis Uckermark linke Jugendliche und Ausländer attackierten. Sie traten nachts sogar Wohnungstüren ein und fielen über Schlafende her.


Skinheads machten die Straßen unsicher

Es wird am Montagabend ein Ausschnitt aus der ZDF-Sendung »Kennzeichen D« von 1998 eingespielt. Das ZDF berichtete über Anschläge auf ein linkes Infocafé in Angermünde. Sozialarbeiterin Tamara Gericke zeigte den Kameraleute alles. Heute ist sie Integrationsbeauftragte des Kreises Uckermark und wird zu dem Gespräch mit Singh und Alberto zugeschaltet. Wenn sie die Fernsehbilder von einst wieder sieht, bekommt sie »Gänsehaut«, wie sie sagt. Die Polizei sei überfordert gewesen und habe die linken Jugendlichen nicht beschützt. Gericke ist weit entfernt davon, die Taten der Skinheads irgendwie zu rechtfertigen, sagt aber doch, diese hätten nach der Wende den Halt verloren, deren Eltern seien arbeitslos gewesen ...


Heute ist die AfD das Problem

Für Heike Kleffner, Geschäftsführerin des Verbandes der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt, kann das keine Entschuldigung sein. Es habe andere Jugendliche gegeben. Deren Eltern waren genauso arbeitslos. Sie wurden trotzdem keine Neonazis. Kleffner weiß, wie es dazu kam, dass die rechte Szene fast unbeschränkt wüten konnte: »Das war das Resultat von zehn Jahren quasi Straffreiheit für rechte Gewalttäter.« Die Richter, die absurd milde Bewährungsstrafen für schwerste Delikte verhängten, seien übrigens aus dem Westen gekommen.
Rechte Einstellungen habe es in der Bevölkerung bereits in der DDR gegeben, räumt die Integrationsbeauftragte Gericke ein. Doch organisiert worden sei die Szene dann durch Parteien, die aus den alten Bundesländern herüberkamen. Die Nationalistische Front und ihre Ableger sind ein Beispiel dafür. In Schwedt erhielten sie von der Stadt noch einen eigenen Jugendclub, erzählt Kleffner. So etwas gibt es jetzt nicht mehr, nicht das Tamara Gericke wüsste. Aber es gibt neue Probleme. Die AfD sei viel stärker im Kreistag vertreten, als es die NPD jemals war. »Das ist eine ganz andere Gefahr.«

Gursharan Singh und Ibrahimo Alberto leben nun schon lange in Berlin. Ob sie sich vorstellen könnten, in die Uckermark zurückzukehren? Singh schüttelt den Kopf und Alberto sagt, er glaube nicht, dass sich dort etwas geändert habe. Es würde ihn natürlich freuen. Er war in Schwedt ehrenamtlich Ausländerbeauftragter und damit der erste Schwarze in Brandenburg in einer solchen Funktion. Er dachte, er werde es schon schaffen und seine Kinder seien in der Kita gut aufgehoben. Aber er habe sich geirrt. Sie seien »traumatisiert« wegen ihrer Erlebnisse in Schwedt. Sein Vertrauen sei »komplett zerstört«, bedauert Alberto.

Gericke lädt ihn und Singh nach Angermünde ein. Dort möchte sie ihnen Menschen vorstellen, die sich für ein demokratisches Miteinander engagieren. Alberto glaubt gern, dass es diese Leute gibt. In Schwedt habe es sie schließlich genauso gegeben. Vielleicht komme noch einmal die Zeit, in der sich Schwarze in der Uckermark angstfrei bewegen können. Aber ob es jetzt schon besser geworden ist? Alberto bezweifelt das. Die Einladung von Tamara Gericke nimmt er dennoch an. Singh will auch kommen.

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