Rechte kapern linken GEZ-Verweigerer

#FreeGeorgThiel auf Twitter

  • Von Katharina Schwirkus
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Name Georg Thiel dürfte Ihnen nicht unbedingt etwas sagen. Es geht nicht um den gleichnamigen Bundeswahlleiter, sondern um einen EDV-Zeichner, der seit drei Monaten wegen einer Zahlungsaufforderung des WDR in Haft ist. Der Grund: Seit Jahren weigert sich Thiel, seinen Beitrag für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu zahlen.

Einige AfD-Politiker*innen arbeiten gerade auf Hochtouren daran, dass die ganze Republik vom tragischen Fall des Georg Thiel erfährt. So twitterte die AfD-Abgeordnete Joana Cotar am Donnerstagmorgen: »Du lebst in Deutschland, wenn die Verweigerung Rosamunde Pilcher oder Kai Pflaume zu finanzieren, ein Verbrechen darstellt.« Darunter setzte sie den Hashtag #FreeGeorgThiel, den rechtsgesinnte Menschen für sich gekapert haben. Sie wettern darunter gegen die böse, staatlich absolut kontrollierte Medienlandschaft Deutschlands. Cotar hat sich gut überlegt, welche Programme sie kritisiert. Bei einem Stammtisch, in einem Bierzelt würde sie diese Beispiele eher nicht nennen. Aber auf Twitter sind überwiegend unter 50-Jährige und gebildete Menschen unterwegs. Dementsprechend erfolgreich war ihre Botschaft: Binnen Stunden wurde sie mehrere Hundert Mal geliked und retweetet.

Dabei ist Georg Thiel selbst nicht rechts gesinnt. Er finde es unfair, dass er genauso viel für das Angebot von ARD, ZDF und Deutschlandradio zahlen müsse wie jemand, der 28 Mal mehr verdient. Das sagte er einem »Bild«-Reporter in einem Interview, der ihn vor knapp einem Monat in der Justizvollzugsanstalt Münster besuchte. Früher habe er die Piratenpartei gewählt, und er definiere sich selbst als links, so der EDV-Zeichner weiter.

Thiel bekommt auf Twitter nicht wegen dieses Interviews viel Aufmerksamkeit, sondern weil ein Anrufer in der WDR-Sendung »Domian Live« mit dem Moderator Jürgen Domian über den Fall sprechen wollte. Der Anrufer gab sich als »Tobias« aus, wobei in der Sendung grundsätzlich nur die Vornamen der Anrufer*innen genannt werden. Oftmals tragen diese ihre Anliegen anonymisiert vor, weil es um familiäre Angelegenheiten geht. Ein Mitschnitt der Sendung wurde am Dienstagabend von einem Twitter-Nutzer veröffentlicht, der sich »Liberal Mut« nennt und alle paar Stunden, manchmal sogar im Minutentakt konservative Inhalte teilt. Das Video wurde mehr als 500 Mal weiterverbreitet und mehr als 80.000 Mal angesehen.

»Bild« berichtete online in der Nacht zu Donnerstag über den Vorfall in der WDR-Sendung. In dem Artikel ist das Video durch einen Tweet von Andreas Hallaschka eingebettet. Der 59-Jährige schrieb früher für den »Stern« und ist ein Star der rechten Twitter-Blase. So werden seine Tweets gerne von Personen oder Accounts geteilt, die ansonsten extrem rechte Inhalte verbreiten. Hallaschka kritisierte in seinem Tweet, dass der WDR-Moderator Domian nicht mit dem Anrufer über Thiel sprechen wollte. Als Grund gab Domian an, wie in der Videosequenz zu sehen ist, dass der Anrufer in der Warteschleife ein anderes Thema genannt habe.

Man kann sich darüber streiten, ob der Telefonseelsorger Domian die richtige Entscheidung traf, nicht mit dem Anrufer »Tobias« zu reden. Zumal sein Sender für die Inhaftierung verantwortlich ist. Die Instrumentalisierung von Thiel auf Twitter zeigt aber, wie schwierig es ist, über die eigentliche Sache zu sprechen, wenn sich einmal rechts gesinnte Scharfmacher und Trolle einmischen.

Natürlich sollte man in Frage stellen, ob es gerecht ist, dass jemand mit niedrigem Einkommen genauso viel für die öffentlich-rechtlichen Sender zahlen muss, wie jemand, der*die ein hohes Einkommen hat. Wer jedoch, wie Rechte, von Gesprächsbeginn an den Zweck von öffentlich-rechtlichen Sendern per se infrage stellt, führt diese Debatte ad absurdum.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
Mehr aus: Netzwoche