Brandenburg - heißes Land am Meer

Das Bundesland soll im Jahr 2045 klimaneutral sein - die Regierung beginnt mit der Arbeit an einer Strategie

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 5 Min.

Ohne einschneidende Maßnahmen beim Klimaschutz steigt der Meeresspiegel der Ostsee bis zum Ende des Jahrhunderts um einen Meter. Brandenburg wäre dann kein Binnenland mehr. Die Stadt Bad Freienwalde würde an der Ostseeküste liegen. Ungefähr in dieser Gegend würde sich auch die Mündung der Oder befinden. Das Oderhaff, dessen Wellen jetzt ans Ufer der Insel Usedom schlagen, würde sich nach Süden bis in den Nationalpark Unteres Odertal verlagern. Denn dort befindet sich in einer Flusskurve eine ausgedehnte Senke, die mit Wasser volllaufen würde.

Wer als Berliner glaubt, dies wäre eigentlich ganz hübsch, der Weg zum Sommerurlaub am Meer nicht mehr so weit, der vergisst andere dramatische Ereignisse, die mit der Klimakrise einhergehen. So ist die Lufttemperatur in Brandenburg zwischen 1881 und 2018 im Jahresmittel um 1,3 Grad Celsius gestiegen. Es gibt das Ziel, die durch den Treibhauseffekt bedingte Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts auf 1,5 Grad zu begrenzen - verglichen mit dem vorindustriellen Zeitalter, das um 1850 endete. Doch dieses Ziel ist, realistisch betrachtet, nicht mehr zu erreichen, wie Bernd Hirschl vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) am Freitag erläutert. Denn dazu müsste Brandenburg sofort »dichtgemacht werden«. Die Begrenzung des Temperaturanstiegs auf weniger als zwei Grad sei noch machbar, versichert Hirschl, der an dem Institut das Forschungsfeld Nachhaltige Energiewirtschaft und Klimaschutz leitet und darüber hinaus als Professor an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) tätig ist. Es müssten aber »mutige Maßnahmen« ergriffen werden, sagt Hirschl.

Welche Strategie das Land Brandenburg verfolgen sollte, um bis zum Jahr 2045 klimaneutral zu sein, soll das IÖW nun in einem Gutachten ermitteln, bei dem ihm fünf Partner als Unterauftragnehmer helfen, darunter die BTU, das Reiner-Lemoine-Institut und die BLS Energieplan GmbH. Im Herbst dieses Jahres soll ein Zwischenbericht vorliegen, im Frühjahr 2022 dann das fertige Gutachten. Man wolle nicht »irgendwelche Zahlen ausspucken«, nicht einfach am Schreibtisch errechnen, was getan werden müsse. »Es dürfen keine Luftschlösser gemalt werden«, sagt Hirschl und wandelt damit die gängige Formulierung ab, man dürfe keine Luftschlösser bauen.

Was auch nicht gebaut werden darf beziehungsweise jetzt nicht mehr gebaut werden sollte, sind nach Darstellung von Rainer Baake von der Stiftung Klimaneutralität Gaskraftwerke, die sich später nicht auf Wasserstoff umrüsten lassen. Es soll nicht wieder Fehlinvestitionen geben wie vor Jahren, als in Deutschland noch neue Kohlekraftwerke ans Netz gingen. Zum Ziel eines 2045 klimaneutralen Landes sagt Baake: »Das ist aus meiner Sicht anspruchsvoll, aber machbar.«

Ähnlich formuliert es Brandenburgs Umweltminister Axel Vogel (Grüne): »Klimaneutralität bis 2045 zu erreichen, das ist anspruchsvoll, aber nicht utopisch.« Technische Lösungen dafür gebe es. Die erneuerbaren Energien müssten ausgebaut werden. Brandenburg sei da im Bundesvergleich Spitzenreiter. Der Ausbau der Windenergie sei zwar zuletzt gebremst erfolgt, aber auch bundesweit sei es da nicht mehr so gut vorangegangen.

Naturschutzgebiete bleiben in Brandenburg von Windkraftanlagen verschont. Auch wolle man beim Abstandsgebot von 1000 Metern zu Wohnhäusern bleiben und nicht auf 600 Meter heruntergehen, beteuert der Minister. Es gebe »regelmäßig erheblichen Gegenwind«, wenn Windräder zu nah an Ortschaften gebaut werden.

Das Gutachten des IÖW ist Teil der Arbeit an einem Klimaplan, den Brandenburg erstmals erhalten soll. Die Arbeit daran beginnt jetzt »zur goldrichtigen Zeit«, findet Axel Steffen, der für Umwelt, Klimaschutz und Nachhaltigkeit zuständige Abteilungsleiter in Axel Vogels Ministerium. Man werde sektorübergreifend arbeiten und Maßnahmepakete schnüren, kündigt Steffen am Freitag an. Einzelne Strategien zur Energie, zur Mobilität und zum Schutz der Moore sollen zusammengeführt werden. Die Unternehmen und die Bürger brauchten Planungssicherheit, erklärt der Abteilungsleiter. Das illustriert er am Beispiel der Moore, die in der Lage sind, erhebliche Mengen CO2 zu binden. Landwirte könnten aufhören, Moorlandschaften zu entwässern, und stattdessen in diesen Feuchtgebieten geeignete Kulturen anbauen.

In den vergangenen drei Jahren wurden in Brandenburg jeweils 12 Millionen Tonnen und damit 18 Prozent weniger CO2 ausgestoßen als vorher üblich. Verantwortlich dafür ist nicht zuletzt das Abschalten der ersten Blöcke im Braunkohlekraftwerk Jänschwalde. Aber auch der coronabedingt geringere Verkehr hat dazu beigetragen.

Im März 2022 soll der Klimaplan für Brandenburg im Entwurf vorliegen. Die Endfassung soll noch vor der Sommerpause 2022 im rot-schwarz-grünen Kabinett sein, sagt Daniela Setton, Referatsleiterin Klimaschutz und Nachhaltigkeit im Umweltministerium. »Wenn wir den Klimaplan haben, beginnt die eigentliche Arbeit«, weiß sie.

Aber erst einmal gilt es, diesen Plan zu erarbeiten. Experten sollen informiert und um Rat gefragt werden. Die Auftaktveranstaltung am Freitag haben 200 Personen per Videokonferenz mitverfolgt, darunter der Landtagsabgeordnete Thomas Domres (Linke). Er muss enttäuscht feststellen, dass alles ziemlich unkonkret ist und viele Fragen offenbleiben. Warum statt eines Klimagesetzes nur ein Klimaplan gemacht werden solle, habe ihm niemand gesagt. Von einer Beteiligung des Landtags hat Domres überhaupt nichts gehört. Seiner Meinung nach wäre das Parlament aber unbedingt einzubeziehen. Domres möchte nun vorschlagen, dass ein Unterausschuss des Umweltausschusses gebildet wird, um sich mit dem Klimaplan zu befassen.

Die Teilnehmer der Videokonferenz werden gleich befragt, ob sie beispielsweise das Ziel der Klimaneutralität im Jahr 2045 als »ambitioniert« empfinden (37 Prozent der Befragten tun das), als »genau richtig« (25 Prozent) oder »zu wenig ambitioniert« (38 Prozent). Gefragt wird auch, wer den Eindruck habe, sich in die Erarbeitung des Klimaplans ausreichend einbringen zu können. Ironischerweise gibt es nur die Antwortmöglichkeiten »Ja« (42 Prozent klicken hier), »teilweise« (52 Prozent) und »teilweise, ich wünsche mir noch ...« (7 Prozent). Es fehlt die Option »Nein«.

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