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  • Corona-Pandemie in Moskau

Leugnen und verharmlosen

In Moskau sterben so viele Menschen wie noch nie an Corona. Doch die Skepsis gegenüber Impfungen bleibt groß

  • Von Ute Weinmann, Moskau
  • Lesedauer: 9 Min.

Es ist ein ruhiger Samstagnachmittag. Auf dem Puschkin-Platz im Zentrum von Moskau herrscht eine relaxte sommerliche Atmosphäre. Paare und Kleingruppen flanieren gemächlich am Springbrunnen vorbei, die meisten Parkbänke sind belegt. Kurz vor 16 Uhr trudeln mehrere Journalistinnen und Journalisten ein. Eine von ihnen in knallrotem Kleid nimmt mit dem Smartphone die Rede einer älteren Frau auf, die sich mit dem Text der russischen Verfassung in der Hand hier postiert hat.

Zehn Meter entfernt fragt eine ganz in Weiß gekleidete Frau, wo denn »unsere Leute« abgeblieben seien. »Keine Ahnung«, antwortet ihr eine in tiefes Blau gehüllte sportliche Blondine. »Wir Unzufriedenen treffen uns gewöhnlich um 14 Uhr, aber auf der anderen Seite am Puschkin-Denkmal.« »Womit denn unzufrieden?«, will die Fragestellerin wissen. »Je nachdem«, lautet die vage Antwort. »Alle kommen mit ihren speziellen Anliegen.« Offener Protest bricht an diesem Julitag nicht aus, dabei kursierten zuvor auf Kanälen im Messengerdienst Telegram anonyme Aufrufe von »unabhängigen Abgeordneten und engagierten Moskauern« für eine Kundgebung gegen Zwangsimpfungen.

Es mag sein, dass sich so mancher Impfskeptiker nicht auf den Platz gewagt hat, da öffentliche Versammlungen verboten sind. In der Woche zuvor hatte Walerij Raschkin von seinem verbrieften Recht als Duma-Abgeordneter der Kommunistischen Partei (KPRF) Gebrauch gemacht und am selben Ort und unter demselben Motto ein Treffen mit seinen Wählern abgehalten. Dutzende fanden sich am letzten Juni-Wochenende bei brütender Hitze ein und lauschten den Reden, bis die Polizei eingriff und mehrere Personen festnahm, darunter auch den KPRF-Fraktionschef im Moskauer Stadtparlament, Nikolaj Subrilin.

Vor Mitte Juni war das Impfen in Moskau kein Thema. Wer wollte, konnte sich eine Dosis Sputnik V oder eines der anderen zugelassenen Vakzine spritzen lassen; wer nicht wollte, ließ es bleiben. Die Wahlfreiheit führte dazu, dass nur knapp über anderthalb Millionen Moskauer zu diesem Zweck eine Poliklinik oder eines der zahlreichen Impfzentren aufgesucht haben. Dann aber startete Bürgermeister Sergej Sobjanin eine Offensive gegen das Virus, denn im Großraum der Hauptstadt leben 20 Millionen Menschen. Hier kreuzen sich alle Wege, weshalb sich die Pandemie besonders schnell ausbreitet.

Täglich sterben in Moskau inzwischen über hundert Covid-Patienten. Nach Angaben des Coronastabs der Hauptstadt kam es allein am Montag zu 114 Coronatoten. Rund 5500 Moskauer steckten sich an diesem Tag mit der Krankheit an. Über 650 Menschen müssen gegenwärtig in Moskauer Kliniken künstlich beatmet werden. Die Angabe von Inzidenzwerten ist in Russland nicht üblich. Nach Berechnungen der amerikanischen John-Hopkins-Universität liegt dieser Wert für die vergangene Woche im gesamten Land bei einem Wert von 109,2 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner.

Zunächst hatten nur wenige einschneidende Beschränkungen wie die Empfehlung zum Homeoffice gegolten. Dann aber schrieb Sobjanins Stadtverwaltung vor, nicht weniger als 60 Prozent der in Handel, Dienstleistungssektor und Kulturbereich Beschäftigten zu impfen. Zusätzlich führte Sobjanin ab dem 28. Juni verbindliche QR-Codes zum Besuch von Cafés und Gaststätten ein. Diese werden nur an Geimpfte, Genesene und frisch negativ Getestete vergeben. Kaum war die Nachricht veröffentlicht, rollte eine Welle der Empörung durch die sozialen Medien. In regelrechten Hasstiraden war von Apartheid die Rede und als eines der Symbole notorischer Impfgegner kam ein gelber Stern in Umlauf - oft versehen mit Stacheldraht und der Aufschrift »nicht geimpft«.

Ausgerechnet am 22. Juni, dem 80. Jahrestag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion, schaffte es das am nationalsozialistischen Judenstern orientierte Symbol sogar ins Staatsfernsehen. Der Schauspieler Jegor Berojew hatte es sich bei der Verleihung des TEFI, des wichtigsten russischen Fernsehpreises, an die Brust geheftet. Dermaßen ausgestattet zeichnete er ausgerechnet Aleksej Fedortschenko aus für sein Drama »Annas Krieg« in der Sparte beste Regie. In Fedortschenkos leisem Film geht es um ein jüdisches Mädchen, das den Kriegsverlauf aus seinem Versteck in einem Kamin heraus beobachtet. In seiner pathetischen Rede outete sich Jegor Berojew anschließend als Impfgegner und verstieg sich zu der Behauptung, dass ein neues Erkennungszeichen festlege, wer die vollen Bürgerrechte genieße und wer nicht. »Ich frage mich: Wie konnten wir, die Nachkommen der Sieger, so etwas zulassen?« Beifall für sein »mutiges Auftreten«, wie es eine Schauspielkollegin formulierte, erhielt Berojew nicht nur vom Saalpublikum. Auch im Internet kürten ihn viele zum Helden, denen seine Opferinszenierung offenbar aus der Seele sprach.

Der quer durch alle Bevölkerungsschichten zu beobachtende Drang, dem Unmut über staatliche Zwangsmaßnahmen freien Lauf zu lassen, führt überdeutlich die Gründe für das Scheitern der bisherigen Impfkampagne vor Augen. Zwischen kurzzeitigem Lockdown im Frühjahr 2020, Laissez-faire, stolzen Erfolgsmeldungen und reihenweise verbreiteten Fake News über die angeblich fatale Unwirksamkeit westlicher Impfstoffe und die extrem geringe Wahrscheinlichkeit einer dritten Welle gingen die halbherzigen Aufklärungsversuche der Behörden über die Sinnhaftigkeit flächendeckender Impfungen in Russland komplett unter.

Sputnik V wurde ein internationaler Siegeszug prophezeit, ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten der eigenen Bevölkerung. Diese fühlt sich wegen der widersprüchlichen Aussagen hinsichtlich Effektivität und möglicher Nebenwirkungen einer Impfung komplett überfordert. Anfangs hieß es noch, der Impfstoff biete zwei oder gar fünf Jahre Schutz, jetzt werden Nachimpfungen bereits nach wenigen Monaten empfohlen. Viele sehen sich angesichts der allzu schnellen Bereitstellung des Vakzins für die Massen in der Rolle von Versuchskaninchen und klammern sich an jedes noch so weither geholte Gegenargument: Sputnik V erzeuge Unfruchtbarkeit, sei bei Vorerkrankungen jeglicher Art gesundheitsschädlich, die Impfung ziele auf eine Dezimierung der Bevölkerung ab. Der angebliche Grund dafür: Die nur wenig wirksamen Impfstoffe ermöglichten hochgefährlichen Virenstämmen die Weiterverbreitung - zum Leidwesen der dem Tode geweihten Ungeimpften.

Andere macht die staatliche Lobpreisung von Sputnik V misstrauisch, weshalb sie die beiden weiteren in Russland zugelassenen Vakzine CoviVac und EpiVacCorona vorziehen, obwohl über deren Wirkungsweise viel weniger gesicherte Daten vorliegen. Die Haltung zur Impfkampagne gerät zur Glaubensangelegenheit. Gerüchte werden ergänzt durch absurd anmutende Regelungen wie eine Handschuhpflicht im öffentlichen Nahverkehr.

Ohne Zweifel: Die Verunsicherung in der Bevölkerung ist groß. Aber auch die Wut auf die Staatsmacht, von der sich viele im Stich gelassen fühlen. Eine Zeitungsverkäuferin, auf die Pandemie angesprochen, reagiert mit der Gegenfrage: »Ja gibt es sie denn überhaupt?« Für Überlegungen jenseits festgefahrener Überzeugungen ist sie wenig zugänglich. »Unter den Kommunisten würden wird uns sofort impfen lassen«, rutscht es schließlich aus ihr heraus. Für Bürgermeister Sobjanin, Wladimir Putin und die orthodoxe Kirche hat sie, obwohl selbst gläubig, kein gutes Wort übrig. Überhaupt sei sie nur wegen der Rentenreform gezwungen, ihren Lebensunterhalt im Kiosk zu verdienen. Sie gehört zu einer Altersgruppe, die wegen der Heraufsetzung des Rentenalters noch auf ihren Ruhestand warten muss. Ein Gang zu einer Impfstelle kommt für die Verkäuferin jedenfalls nicht in Frage.

Iwan, Betreiber eines kleinen Teeladens, beharrt ebenfalls auf seinem individuellen Verweigerungsrecht. Dem schlagartigen Wechsel von der Schönrederei über das fast besiegte Coronavirus hin zur verordneten Impfung begegnet er mit ausgereifter Skepsis: »Ich glaube nicht, dass für die Regierung auf einmal die Sorge um unser Gemeinwohl im Vordergrund steht.« Mehrere seiner nahen Verwandten arbeiteten im Gesundheitsbereich und alle rieten ihm davon ab, sich impfen zu lassen, genauso wie ein Bekannter von ihm, der als Biologe tätig ist. »Wer weiß schon, was das Vakzin in zwanzig Jahren in meinem Körper anrichtet?« Dazu kommt die Überzeugung, dass er als gesunder Mensch ohnehin nichts zu befürchten habe. Zwar seien auch in seiner Familie Covid-19-Opfer zu beklagen. Die Ursachen für die Tode seien letztlich jedoch andere Erkrankungen gewesen. Da ist er sich ganz sicher.

Panik bricht unterdessen bei denjenigen aus, die von Vorgesetzten zur Impfung bestimmt wurden, die Anordnung wegen bürokratischer Hürden aber nicht umsetzen können. Von diesem Problem betroffen sind beispielsweise russische Staatsbürger ohne Meldeadresse in Moskau, deren Krankenversicherung über ihren Heimatort läuft. Auch viele der im Dienstleistungssektor tätigen Arbeitsmigranten aus Zentralasien konnten ihren Anspruch auf eine Impfung nicht geltend machen. Sie alle sind nun gezwungen, innerhalb kürzester Zeit ihre Versicherungsunterlagen in Ordnung zu bringen oder überhaupt erst eine entsprechende Police zu beantragen - für viele eine echte Herausforderung.

Im Flur eines unscheinbaren Gebäudes nördlich des Stadtzentrums ist es an diesem Freitagnachmittag Anfang Juli so stickig, dass sich die schier endlose Warteschlange allein schon wegen Sauerstoffmangels nicht fortzubewegen scheint. Eine Stunde vor Büroschluss tritt Jelena Jurjewna, die einzige an diesem Tag arbeitende Versicherungsangestellte, aus ihrem Arbeitsraum und versucht, die Versammelten nach deren Anliegen zu ordnen. Doch damit schafft sie nur Unruhe, weil die Wartenden ihre Chancen rapide schwinden sehen.

Einige Neunmalkluge nutzen das entstandene Chaos und drängen sich bis zur ersehnten Tür mit der Nummer 3 vor. Minuten später erklingen von dort hysterische Schreie. »Sie haben hier nichts zu suchen«, brüllt eine in Gelbtönen gekleidete Dame. Eine Schwarzhaarige, der der Zornesausbruch gilt, zeigt sich unbeeindruckt: »Ich gehe hier nicht weg, ich brauche nur einen Stempel.« »Aber ich verliere meine Arbeit, wenn ich den Wisch heute nicht bekomme«, klagt die Gelbe. »Ich auch!«, kontert die andere mit zitternder Stimme. Die Versicherungsangestellte Jelena Jurjewna schielt mit einem amüsierten Lächeln Richtung Tür. Sie scheint nichts gegen den emotionalen Ausbruch zu haben, der ihren monotonen Arbeitsalltag unterbricht, während sie weiter stoisch Namen und Nummern in ihren Computer tippt.

Die Moskauer Gastronomie schreibt derweil rote Zahlen. Manche Betreiber haben ihre Restaurants gleich ganz geschlossen. Zwar wurden 2,5 Millionen der für einen Besuch notwendigen QR-Codes generiert, aber für rentables Arbeiten ist das zu wenig. Vor einer McDonald’s-Filiale im Osten der Stadt drängen sich Kuriere von Essenslieferdiensten mit ihren leuchtend gelben, grünen und rosafarbenen Boxen. Sie werden nicht wie gewohnt zur Abholung hereingelassen, denn der Großteil stammt aus Zentralasien und ist noch nicht geimpft. PCR-Tests sind teuer. Gegenüber bei PanSapekan, einer Kette mit Kantinenessen, herrscht gähnende Leere, obwohl zur Mittagszeit normalerweise fast alle Plätze belegt sind. Am Eingang wird der QR-Code samt Ausweis überprüft. Doch gegen Abend fragt niemand mehr nach dem Ausweis und in der zweiten Woche nach Einführung der Covid-free-Regelung - wonach nur vollkommen covidfreie Kunden die Einrichtungen betreten dürfen - gibt es gar keine Kontrollen mehr. Stattdessen trennt nun eine Absperrung den Kassenbereich vom Großteil der Sitzplätze.

Im Internet finden sich mittlerweile Listen von Cafés, die Einlass ohne den Code gewähren. »Kaffee ist mein Freund« ist ein solcher Ort, an dem sich für gewöhnlich Hipster unter 30 und Fans der ukrainischen Rockgruppe Nerwy (Nerven) tummeln. Im hinteren Teil der Einrichtung befindet sich ein Shop mit Fan-Artikeln, die Stühle vor der Theke stehen auf den Tischen. Essen gibt es nur zum Mitnehmen. »Wir sind keine Kette und die Codes hätten ohnehin zu Einnahmeeinbußen geführt«, sagt eine junge Frau mit überdimensionierter Brille. »Außerdem wollen wir niemanden diskriminieren. Wer hier nur in Ruhe sitzen will, kann auch einfach in den Park gehen.«

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