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Vom Gebirge in den Hinterhof

Die Felsenbirne mit ihren beerenartigen lilafarbenen Früchten gedeiht auch in der Stadt

  • Von Anke Nussbücker
  • Lesedauer: 5 Min.

Zarte, schlanke Stämme, die auf Hinterhöfen dem Lichte entgegenstreben - so können Felsenbirnen aussehen. Es gibt auch zahlreiche Strauchvarianten. Bei Straßen- und Wohnhaus-Sanierungen kommen immer wieder Diskussionen auf, die entsprechenden Pflanzen während der Bauarbeiten zu entfernen, um später neue Exemplare zu setzen. Doch Naturschutzexperten wissen: Wenn Stadtbäume zwischen versiegelten Flächen und mehrstöckigen Häusern Wurzeln schlagen und gedeihen, ist es jedes Mal ein kleines Wunder. Im Prinzip ist es so, als würden die Bäume auf Felsen wachsen. Das gilt auch für die Felsenbirne, die in kargen Gebirgsgegenden beheimatet und an einen steinigen, felsigen Untergrund angepasst ist. Bei manchen Sorten lässt sich vom Namen her auf den Standort schließen, etwa bei der »Basaltbewohnenden Felsenbirne«.

Die gewöhnliche Felsenbirne (botanisch Amelanchier ovalis) gehört zu den Rosengewächsen. Ihre Früchte sehen jedoch nicht wie Birnen aus, sondern haben eher die Größe von Heidelbeeren. Sie sind essbar, dunkellila gefärbt und botanisch nahe verwandt mit Äpfeln, Vogel- und Aroniabeeren. Im Vergleich zu letzteren schmecken sie lieblicher und süßer. Wie Aronia- und Vogelbeere wird die Felsenbirne zum Wildobst gezählt, das definitionsgemäß in der Natur oder auch in der Stadtnatur ohne Pflege durch den Menschen gedeihen und Früchte ausbilden kann.

Die kleinen Früchte der Felsenbirne enthalten die Vitamine C, E, B1, B2, B3, B6 und Folsäure, die Mineralstoffe Kalium, Calcium und Magnesium sowie die farbgebenden, gesundheitsförderlichen Anthocyane. Bereits Ende Juni färben sich die Früchte hellrot, die dunkle blauviolette Tönung zwischen Mitte Juli und Anfang August zeigt die Vollreife an. Sie sind roh genießbar, können aber auch getrocknet werden, um im Winter als Zutat für Müsli zu dienen oder als Früchtetee gekocht zu werden.

Aufgrund des geringen Säuregehaltes schmecken sie sehr süß, eine Eigenschaft, die sie mit der Tafelbirne gemeinsam haben. Außerdem enthalten die kleinen Früchte der Felsenbirne hohe Mengen von Pektin, weshalb sie gern zu einem Drittel mit verschiedenen Beerensorten kombiniert werden, um daraus Konfitüre zu kochen. Der natürliche Pektingehalt der Früchte kommt einer zuckerreduzierten Zubereitung entgegen. Sie sind für Diabetiker geeignet, jedoch wie bei allen Obstarten in kleinen Portionen im Rahmen ihres Therapieplanes. In 100 Gramm Felsenbirnen sind durchschnittlich zwölf Gramm Gesamtzucker enthalten.

In den letzten Jahren wurde die herzstärkende, blutdrucksenkende und schlaffördernde Wirkung der Felsenbirne bekannt. Ob für die Unterstützung des Schlafs ähnliche Zusammenhänge wie bei der Sauerkirsche eine Rolle spielen, ist bislang noch nicht untersucht oder gar bewiesen worden. Es scheint aber naheliegend, dass die enthaltenen entzündungshemmenden Anthocyane mit Spuren von Melatonin in den Früchten synergistisch zusammenwirken. Auch darin vorkommendes Magnesium und Kalium können dabei helfen, den Herzmuskel zu entspannen und zur Schlafbereitschaft des Organismus beizutragen.

Des Weiteren enthalten die Samenkerne der Felsenbirne Blausäure abspaltende Glykoside, die bei einem versehentlichen Zerkauen vom Darm resorbiert werden und bei empfindlichen Menschen Kopfschmerzen auslösen können. Man erkennt Blausäure abspaltende Stoffe vor allem am Marzipangeruch, den Menschen entweder mögen oder verabscheuen.

Will man Konfitüre oder Likör aus den Beeren zubereiten, gilt es, die Kerne nach dem Kochen bzw. mehrwöchigem Ansetzen mit Alkohol durch ein Sieb abzuseihen - wie man auch bei Schlehen verfährt. Die Samenkerne von Äpfeln enthalten diese Blausäure abspaltenden Stoffe in noch höherer Konzentration, nur ist es aufgrund der Größe von Äpfeln leichter, die Apfelkerne oder gleich das ganze Kerngehäuse vor dem Verzehren zu entfernen. Für den kommerziellen Anbau wurden auch deshalb spezielle Hybridsorten gezüchtet, die sich durch besonders große Früchte auszeichnen, welche schneller, effizienter und gewinnträchtiger zu ernten sind. Langfristig haben sie einen großen Nachteil: Die Hybridsorten sind nicht vermehrungsfähig und werden nicht durch Vögel wie Drossel oder Star verbreitet. Diese Sorten mit etwas größeren Früchten haben die wichtigste definitionsgemäße Eigenschaft von Wildobst verloren. Jeder naturnahe und verantwortungsvolle Kleingärtner wird die besonders großfrüchtige Felsenbirne deshalb meiden.

Ein Lichtblick im System von Naturausbeutung und Kommerz: Verschiedene Sorten der Felsenbirne wurden von der britischen Non-Profit-Organisation »Plants For A Future« als zukunftsträchtige, ausdauernde, essbare Pflanze in Südwestengland versuchsweise angebaut. Dabei wurde ermittelt, welche Ansprüche die einzelnen Varietäten an Licht, Wasser und Boden stellen. Anspruchslose und pflegeleichte Felsenbirnensorten können sich als weitgehend wild gebliebene Pflanzen ornithochor, also durch Singvögel oder auch Tauben, quasi »allein« verbreiten. Zahlreiche Arten der Felsenbirne stammen aus Kanada, in Europa ist nur die Gewöhnliche Felsenbirne beheimatet.

Als Bäume oder Sträucher dienen sie der Regeneration von Naturflächen, Industriebrachen und kleinen Baulücken in Städten. Für ökologisch arbeitende Obstbaubetriebe können die Sträucher der Felsenbirne dazu beitragen, ein wichtiges Bio-Prinzip zu verwirklichen, nämlich Vogelschwärme gezielt von großfrüchtigem Obst abzulenken und wegzulocken. Ornithologen erklären das Anpicken von Obst im Hochsommer vor allem durch den Durst, den die Vögel haben. In der Nähe von Gärten oder anderen Obstbaumpflanzungen eine Vogeltränke anzubringen, kann deshalb zusätzlich helfen, Ernteverluste durch Vögel zu reduzieren.

Auch wenn die Felsenbirne gegenwärtig noch eine recht geringe Bedeutung für die Ernährung des Menschen hat, so können Baum und Strauch dieser Pflanzenart für das psychische Wohlbefinden in der Stadt, am Feldrand und in Parks wesentlich beitragen. Singvögel laben sich daran, im Frühling bilden die weißen Blüten eine willkommene Futterstation für Bienen. Im Herbst schmücken sich die länglichen Blätter mit bunten Farben. Die Felsenbirne dient in Parks als attraktives Ziergehölz mit essbaren, gesunden Früchten und lädt nicht nur Kinder zum Naschen ein.

Für halbschattige Hinterhöfe eignen sich die hochwüchsigen ein- bis zweistämmigen Bäume. Sie lieben einen kalkhaltigen, durchlässigen Boden und vertragen beim Anpflanzen auch kalkhaltiges, hartes Gießwasser gut. Andere Pflanzen aus der Familie der Rosengewächse sollten in einem größeren Abstand gesetzt werden, um einer Übertragung mit Mehltau vorzubeugen, für den die Felsenbirne recht anfällig ist. Gegenüber typischen Abgasen in der Stadt ist die Felsenbirne dagegen sehr robust.

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