»Alles kann, nichts muss«

João Gilberto: »Chega de saudade«

  • Von Frank Jöricke
  • Lesedauer: 2 Min.

Die Revolution kam auf leisen Sohlen. Ihre Parole »Schluss mit der Sehnsucht« (»Chega de saudade«) wurde nicht geschrien, sondern fast geflüstert. Auch taugte ihr Anführer João Gilberto nicht zum Che Guevara. Eher erinnerte er an Dustin Hoffman in »Die Reifeprüfung« - ein scheuer, etwas verstört wirkender Twen.

Und doch gelang es diesem Antihelden, einem ganzen Land ein neues Lebensgefühl einzuhauchen. Während man im Rest von Südamerika dem beinharten Machismo frönte, wurde Brasilien Ende der 50er Jahre von einer neuen Welle, der Bossa Nova, erfasst. In jeder Hinsicht und an jedem Ort: Auf dem Fußballplatz dribbelten Pele und Garrincha die gegnerischen Abwehrreihen schwindlig. In der Retortenhauptstadt Brasilia trat Architekt Oscar Niemeyer den Beweis an, dass Beton luftig und schwerelos sein kann. Und in der Politik verfuhr Staatspräsident Juscelino Kubitschek nach der Devise: »Alles kann, nichts muss.« So wurde Brasilien zum lässigsten und modernsten Land der Welt.

Das sprach sich bis in die USA herum. Spätestens nach dem Bossa-Nova-Festival 1962 in der New Yorker Carnegie Hall wollte jeder ein Brasilianer sein. Sogar Frank Sinatra, der mit Antônio Carlos Jobim 1967 ein Bossa-Nova-Album einsang - ein Fall von Hochverrat, den João Gilberto seinem Freund Jobim nie verzieh. Doch zu diesem Zeitpunkt war Brasilien längst wieder eine stinknormale Militärdiktatur geworden. Und Bossa Nova nur noch die Erinnerung an eine unbeschwerte Zeit, in der alles möglich schien.

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