Vom Malen besessener Außenseiter

Mosaik eines unangepassten Lebens: Die Autorin Shorena Lebanidze legt eine persönliche Annäherung an den zu Lebzeiten verkannten georgischen Künstler Pirosmani vor

  • Von Matthias Klingenberg
  • Lesedauer: 5 Min.
Pirosmanis Bilder sind eine radikale Abkehr von dem, was die offizielle Kunstwelt Anfang des 20. Jahrhunderts in Georgien postulierte – Niko Pirosmani: »Still Life« (1904)
Pirosmanis Bilder sind eine radikale Abkehr von dem, was die offizielle Kunstwelt Anfang des 20. Jahrhunderts in Georgien postulierte – Niko Pirosmani: »Still Life« (1904)

Die georgische Autorin und Saba-Preisträgerin Shorena Lebanidze begibt sich mit ihrem biografischen Essay »Das bin ich. Pirosmani« auf die Suche nach dem georgischen Art-Brut-Künstler Nikolos Pirosmanaschwili, kurz Pirosmani.

Der Autodidakt Pirosmani, verkannt zu Lebzeiten, post mortem in Georgien und im postsowjetischen Raum gottgleich verehrt, ist einer der Mitbegründer der georgischen Moderne. Seine zumeist auf schwarzem Wachstuch gemalten Menschen, Tiere und Szenen aus dem georgischen Alltag begeistern durch ihre Einfachheit in Form, Farbauftrag und Komposition, durch ihre unbestechliche Authentizität und Unmittelbarkeit. Seine Bilder sind eine radikale Abkehr von dem, was die offizielle Kunstwelt Anfang des 20. Jahrhunderts in Georgien postulierte. Anstatt Ikonen und Kircheninnenräume zu verzieren, malte Pirosmani Schilder für Kneipen und verzierte die Wände und Decken berühmter Tifliser Weinstuben.

Pirosmani war ein Underdog, ein Außenseiter, ein vom Malen besessener Alkoholiker - einer von ganz unten, einer aus dem Volke. Kein Wunder, dass ihn die junge sowjetische Avantgarde für sich entdecken wollte: die Brüder Kirill Zdanevič und Ilya, genannt Iliazd (Pirosmani verewigte ihn 1913 in einem Porträt) huldigten der Schule des Neoprimitivismus, bei der es um die Entdeckung authentischer, von den industrialisierten Gesellschaftssystemen vermeintlich unverdorbener, ursprünglicher Kunstwerke und Künstler ging.

Dies hatte auch politische Implikationen. So verbanden sich mit dieser Lust auf indigene und volkstümliche Kunst auch sozialistisch-romantische Weltvorstellungen: die gute, weil einfache Kunst vom ehrlichen kleinen Mann aus dem Volke. Die Diktatur des Proletariats in der Kunst sozusagen. Erworbene Fähigkeiten, handwerkliches Können im althergebrachten Sinne galten als bourgeois und waren damit abzulehnen.

Pirosmani selbst, und das erzählt Shorena Lebanidze ganz hervorragend, wollte sich so gar nicht in dieses Bild einpassen, er entzog sich Vereinnahmungsbestrebungen durch kontinuierlichen Alkoholkonsum und schlichtweg Desinteresse. Pirosmani stirbt am Ende mittel- und obdachlos und geistig verwirrt. Er wird in ein namenloses Grab mit vier anderen Namenlosen gelegt; unklar bis heute, wo genau sich dieses Grab - es soll am Rande der Friedhofsmauer sein - tatsächlich befindet.

Umso erstaunlicher ist es, dass Pirosmani mittlerweile aus dem georgischen Nationalhelden-Elysium nicht mehr wegzudenken ist. Er ist fester Bestandteil der offiziell proklamierten kulturellen Identität des Kaukasuslandes, das nach 70 teils schweren Jahren als Teil der Sowjetunion und den sogenannten dunklen Jahren der Kriminalität, der Korruption und des (Bürger-)Krieges in den 90ern nur langsam seine eigene Mitte wiederfindet.

Shorena Lebanidze beschreibt den gesamten Lebensweg des Georgiers und nutzt hierbei ganz unterschiedliche Textsorten und Erzählstile: Mal wird aus Tagebüchern berühmter Zeitgenossen zitiert, mal lässt sie Menschen aus der nächsten Nähe des Malers zu Wort kommen, mal wird eindeutig Überliefertes im Sinne von »So hätte es tatsächlich gewesen sein können« gekonnt ergänzt. So entsteht ein eindrucksvolles Mosaik des Künstlerlebens und ein mindestens ebenso intensives Bild seiner Zeit und der Stadt, in der Pirosmani den wichtigsten Teil seines Lebens verbrachte und wirkte: Tiflis.

Lebanidzes Buch ist fast mehr eine Hommage an das gute alte Tiflis, als dass es vordergründig Kunstgeschichte lehren will. Das Buch eignet sich gut als Einstieg in ein Tiflis-Gefühl, für das ich selbst immer wieder versucht habe, Menschen, die die Stadt (noch) nicht kannten, zu begeistern. Es ist diese Mischung aus Jugendstilhäusern mit morbidem Verfallscharme, Wein aus Tonkaraffen, Kvevri genannt, und einer ausufernden bohemegenehmen Café- und Kneipenlandschaft. Nicht zu vergessen die Wirkungsstätten der Intelligenzija und des Tifliser Kulturadels, sei es nun das orientalisch anmutende Opernhaus, das Konservatorium, das Literaturmuseum oder das Schriftstellerhaus in der Machabeli-Straße.

Neben all den offiziellen Kunst- und Kulturpalästen hatte Tiflis auch immer schon Platz für das Andere, das Neue, das Moderne und das Verrückte. Denken wir nur an Pirosmanis Seelenverwandten, den armenisch-ukrainisch-georgischen Filmemacher, Dadaisten und Konzeptkünstler (lange bevor es Konzeptkunst im Westen überhaupt gab): Sergej Parajanov.

Parajanovs verspielte Filmkunstwerke erinnern in ihrer Kompromisslosigkeit und Nonkonformität unmittelbar an das Werk Pirosmanis, beide unbeirrbare Neuerer der kaukasischen Kunst. Beide eckten sie an: Parajanov ging für seine Werke in den Knast (und bekritzelte von nun an Streichholzschachteln, die im großartigen Parajanov-Museum in Eriwan zu besichtigen sind); Pirosmani, verspottet vom Kunstestablishment, verhöhnt als Dilettant.

Sicher kein Zufall, dass Parajanov dem Seelenverwandten einen ganzen Film widmete. »Arabeski Na Temu Pirosmani« (Arabeske zum Thema Pirosmani) heißt er und zeichnet die Lebensgeschichte des Künstlers anhand ausgewählter Bilder und gespielter Filmszenen in der für Parajanov typischen surreal-symbolistischen Bildsprache nach. Fast könnte man meinen, Lebanidze hätte sich Parajanovs Erzählweise zum Vorbild genommen.

Nach der Lektüre der ersten 20 Seiten des Buches von Shorena Lebanidze musste ich auch immer wieder an den russischen Avantgardisten Daniil Charms denken. Zum Beispiel wenn die Ich-Erzählerin gegenüber der greisen Enkelin des Malers anmerkt: »Vielleicht gab es Nikala gar nicht? Oder er existierte und verstreute sich zu dem Zweck in verschiedene Sphären, dass wir endlose und verzweifelte Mühe aufwenden sollen, um seine Spur zu finden.«

Das ist dann in etwa so wie bei Charms’ Säufer Nikolai Iwanowitsch Serputschow und seiner Flasche Schnaps: »Die Flasche, sagen wir, sie ist noch da. Und wo ist die Spirituose? Eben war sie noch da, und jetzt ist sie weg. ›Nikolai Iwanowitsch existiert ja nicht‹, werden Sie sagen. ›Wie kann das sein?‹« Charms, der es verstand, seine Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen in humorvolle slapstickartige Kurzgeschichten zu verpacken, war ganz wie Pirosmani Außenseiter und Neuerer; er verhungerte während der Leningrader Blockade vergessen im Gefängnis.

Shorena Lebanidze legt ein wunderbar lesbares, amüsantes, tief tragisches georgisches Heldenepos über einen Säufer und ein Malergenie vor. Unbedingt lesen und danach Parajanovs Film über ihn (im Internet zu finden) ansehen!

Shorena Lebanidze: Das bin ich. Pirosmani. Roman. A. d. Georg. v. Lia Wittek, Dağyeli, 248 S., geb., 20 €.

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