Beendet die Gewalt gegen Queers!

JEJA NERVT: Das weltoffene Berlin bleibt ein Hotspot queerfeindlicher Gewalt. Es kann lebensgefährlich sein, als queer wahrgenommen zu werden

  • Von Jeja Klein
  • Lesedauer: 3 Min.

Berlin feiert sich als weltoffene Hauptstadt. Doch es ist auch ein Hotspot queerfeindlicher Gewalt. Die innerhalb weniger Tage einprasselnden Nachrichten von Attacken auf Queers zeigen ein erschreckendes Maß an Verrohung.

Einige Beispiele: Vergangenen Mittwoch machte eine nichtbinäre Person auf Instagram öffentlich, dass sie in Lichtenberg attackiert worden war. Das Enbie saß gerade und aß eine Wassermelone, als ein Mann auf es zukam, transfeindliche Dinge von sich gab und ankündigte, es zu erschießen. Dann zückte der Mann tatsächlich eine Waffe und richtete sie auf die angegriffene Person. Festgehalten sind die erschütternden Szenen in einem Video, das auf Instagram einsehbar war.

Am vergangenen Montag fuhren zwei Menschen mit dem Rad zwei Männer von hinten an und beleidigten sie schwulenfeindlich. Anschließend schlugen sie auf ihre Opfer ein. Einer der Tatverdächtigen setzte sich auf sein am Boden liegendes Opfer und begann es zu würgen. Die Würgeattacke konnte durch Schläge in den Intimbereich des Täters beendet werden. Die alarmierte Polizei nahm die Tatverdächtigen fest.

In der Woche zuvor wurde ein Mann in Friedrichshain, im Hof seines Wohnhauses sitzend, von drei Männern zunächst schwulenfeindlich beschimpft. Dann traten ihm die Täter gegen die Brust. Das Opfer flüchtete in seine Wohnung und griff zum Hörer. Die Täter waren ihm gefolgt und traten nun die Tür auf. Erst als sie in der Wohnung standen und mitbekamen, dass die Polizei informiert war, flüchteten sie. In Schöneberg wurden nach dem großen CSD am 24. Juli drei Personen aus einer großen Gruppe heraus angegriffen. Eine Frau wurde niedergeschlagen. Als sie am Boden lag, trat man auf sie ein. Der mutmaßliche Täter dieser Tritte konnte festgenommen werden. Alle drei Angegriffenen wurden bei der Attacke leicht verletzt.

Ein 21-Jähriger hatte, ebenfalls im Umfeld des CSD, weniger Glück: 18 Schrauben und zwei Titanplatten setzten ihm Ärzt*innen ein, um seinen Kiefer zu stabilisieren. Sein Vergehen: Er war mit einer Regenbogenfahne in Mitte unterwegs. Die Täter traten ihn von hinten, dann schlugen sie ihm ins Gesicht und entwendeten die Regenbogenfahne. Tags zuvor wurde ein Paar in einem U-Bahn-Waggon von einem Unbekannten schwulenfeindlich beschimpft. An der U-Bahn-Station Görlitzer Park schlug der Täter einem der Männer mehrfach ins Gesicht. Seine Flucht endete im Polizeigewahrsam.

Anfang Juli wurde nachts erst ein Mann in Biesdorf aus einer fünfköpfigen Gruppe heraus zu Boden geschlagen und schwulenfeindlich beschimpft, dann trat man auf ihn ein. In derselben Nacht wurde ein lesbisches Paar in Kreuzberg in der U-Bahn beschimpft, bespuckt und verfolgt. Ein eingreifender Mann wurde ebenfalls angegangen. Im Juni wurde einem Schwulen gezielt mit dem Finger in die Augen gestochen, eine transgeschlechtliche Frau wurde beleidigt; zwei Mädchen wurden in einem Park am Gleisdreieck homophob beschimpft, geschlagen und getreten. Die Täter stahlen zudem eine Geldbörse und zerstörten ein Handy.

Dass wir so viel über queerfeindliche Gewalt in Berlin wissen, liegt auch an den Erfolgen der Bewegung für queere Rechte in der Hauptstadt. Beratungsstellen haben die Taten immer wieder skandalisiert. Inzwischen macht die Polizei die Angriffe gezielt öffentlich, LGBTI-Ansprechpersonen für die Anzeigestellung gibt es schon länger. Der ganz normale homo- und transfeindliche Alltag in Berlin ist brutal und erschreckend. Aber politische Ansätze, die Gewalt einzudämmen, gibt es nicht. Sich gegen das queerfeindliche Ungarn zu stellen, war günstig und populär. Eine Kampagne zur Beendigung die Berliner Gewalt aber, die nicht vorrangig der Profilierung dient, würde etwas kosten – finanziell wie politisch. Im September stehen die Wahlen zum Abgeordnetenhaus an.

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