Bekenntnisse eines Hochzeits-DJs

Mit James Last durch Vorspeise, Hauptgang und Nachspeise - und nach Los Angeles

  • Von Frank Jöricke
  • Lesedauer: 4 Min.

Der Arbeit eines DJs haftet etwas Märchenhaftes an. Er ist ein Mensch, der dafür bezahlt wird, dass er feiert. Er darf Lieder spielen, die ihm gefallen. Dabei reißt er die Arme erregt hoch, die Tanzenden tun es ihm gleich, und am Ende gehen alle glücklich nach Hause. Mit dem Unterschied: Der Geldbeutel der Gäste ist hinterher leerer, der des DJs voller.

Der Arbeitsplatz eines Hochzeits-DJs ist, so gesehen, das Schlaraffenland. Denn er darf nicht nur feiern, sondern auch essen. Und zwar keine Pommes rot-weiß aus der Hand, sondern die Klassiker der Festtagsküche: Antipasti und Waldorfsalat, Lachs und Roastbeef, Schweinefilet und Garnelen, Crème Brûlée und Tiramisu – also die typischen Speisen, die bei gehobeneren Hochzeiten aufgefahren werden. Denn vor dem Schwitzen auf der Tanzfläche kommt die heiße Schlacht am kalt-warmen Büffet.

Und das Warten. Bevor der DJ den Hochzeitswalzer und die Allzweckwaffen des Discofox – »Dancing Queen«, »I Will Survive«, »Flashdance« – auspacken darf, muss er die Zeit zwischen Sektempfang und Verdauungsschnaps überbrücken. Unter drei bis vier Stunden läuft da nichts. Beziehungsweise: sehr viel Klimpermusik. Jene Art von Klängen, die häufig in Hotellobbys, Fahrstühlen, Kaufhäusern und Restauranttoiletten zu hören ist. Es ist Tonkunst, die dadurch auffällt, dass sie nicht auffällt. Sie will nicht begeistern, sondern beschallen. Sie soll an öffentlichen Orten jene Stille verhindern, die der moderne Mensch als »unangenehm« oder »peinlich« empfindet.

Der Hochzeitssaal ist solch ein öffentlicher Ort. Hier treffen Menschen aufeinander, die sich nicht kennen (Freunde aus unterschiedlichen Lebensphasen) oder nicht mögen (die liebe Verwandtschaft). Da kann es nicht schaden, wenn der DJ beim gemeinsamen Tafeln für einen »Happy Sound« sorgt, also einen Klangteppich auslegt, der etwaige Dissonanzen während der Tischkonversation einfach schluckt.

Der Vater dieses »Happy Sound« heißt Hans Last, kurz: Hansi. Bekannt wurde er als James Last; das klang internationaler, weltoffener, weniger deutsch. In seiner Glanzzeit, die Mitte der 60er begann und erst in den späten 70ern endete, brachen er und seine Tanzkapelle sämtliche Verkaufsrekorde. Allein im Jahr 1971 hatte er acht Langspielplatten in den bundesrepublikanischen Charts. Das haben nicht mal die Beatles geschafft.

Lasts Erfolgsrezept bestand darin, mit Streichern, Bläsern und Chor ein unverwechselbares Klangbild zu schaffen. Ob Pop oder Polka, ob Rock oder Rokokomusik – in den Händen von Hansi geriet alles zum »Happy Sound«, zur sanft schwingenden Orchestermucke, die gute Laune verbreitete. Zwar versprachen seine jährlich erscheinenden Alben, auf denen er aktuelle Hits neu einspielte, »Non Stop Dancing«, aber man darf sich darunter kein wildes Gehüpfe im Beatschuppen vorstellen, sondern allenfalls ein entspanntes Schwofen im heimischen Partykeller. Last lieferte die Klangkulisse für Menschen, denen »She Loves You« zu wenig Geigen und »I Can’t Get No Satisfaction« zu wenig Trompeten hatte.

Auf 162 LPs (kein Druckfehler) gelang es ihm, jede Art von Komposition in ein James-Last-Lied zu verwandeln. Mit seinen fluffigen Arrangements schaffte er es, selbst Rocksongs wie »Ballroom Blitz«, »Radar Love« und »I’m On Fire« von jeglicher Wildheit zu befreien. Und erotisch-schwitzige Stücke wie »Je t’aime…« und »Sexual Healing« strahlten bei Last so blitzeblank, als hätte er sie durch die Waschstraße gezogen.
Das kam überall an, in Großbritannien, in Kanada und sogar in Japan. Nur nicht in den USA. Also kam Last auf die Idee, die Amis mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. 1975 ging er nach Los Angeles, heuerte die besten Studiomusiker an und fand in Wes Farrell einen Top-Produzenten, der nicht weniger als 30 Songs zur populären Fernsehserie »The Partridge Family« (u.a. mit dem Teenie-Idol David Cassidy, der 1973, 1974 und 1975 den »Goldenen BRAVO Otto« als beliebtester Sänger gewann) beigesteuert hatte.

Entscheidend aber war: Last hatte eine genaue Vorstellung davon, wie das Album zu klingen hatte. Nämlich so wie Deodatos Version von »Also sprach Zarathustra« – ein wenig jazzig, ein wenig funky und jede Sekunde auf der Höhe der Zeit. Musik für den coolen Club im Dachgeschoss (und nicht für den Fahrstuhl, der dorthin führt).
Doch die Amerikaner konnten mit dem grandiosen »Well Kept Secret« genauso wenig anfangen wie die Happy Sound-konditionierten Europäer. Die LP floppte. Erst Mitte der 90er Jahre erfuhr das Werk im Zuge des Easy-Listening-Revivals seine verspätete Anerkennung. Mittlerweile ist es unter dem Titel »James Last in Los Angeles« wieder erhältlich.

Es macht Spaß, Hansi auf diesem instrumentalen Trip zu begleiten. Hier dringt ein Künstler beherzt in ungewohntes Terrain vor. Das Ergebnis ist Musik, die zwar nicht happy macht, aber glücklich.

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