Paramilitärs jagen Migranten

In Nordirland häufen sich die Angriffe durch loyalistische Gruppen

  • Dieter Reinisch
  • Lesedauer: 4 Min.

In Nordirland nimmt die Zahl der Hassverbrechen zu, in der vergangenen Woche mussten deshalb mehrere Familien aus Belfast fliehen. Die Opfer sind überwiegend Arbeitsmigranten aus Osteuropa und Asien. Bei den in der letzten Woche Vertriebenen handelt es sich um Familien aus Portugal und Rumänien. Auch irisch-katholische Familien werden wieder zunehmend Opfer brutaler Angriffe.

Die Vertreibungen finden in protestantischen Wohngegenden statt, die von loyalistischen Paramilitärs kontrolliert werden. Politiker aller Parteien verurteilen zwar die Taten, die Behörden handeln aber kaum. Ihnen sind in den Gebieten der Paramilitärs die Hände gebunden und die Polizei schaut weg.

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Im April blickte die Welt kurz auf Belfast, als Jugendliche am Lanark Way einen Bus in Brand setzten und Brandsätze über die meterhohe Betonmauer auf die katholische Seite warfen. Diese »Friedensmauer« ist eine von achtzig Barrieren, die katholische von protestantischen Wohngegenden trennen.

Hier am Lanark Way wurde die Mauer errichtet, nachdem im Juli 1969 ein protestantisch-loyalistischer Mob einen von Katholiken bewohnten Straßenzug in Brand gesteckt und die Einwohner dort vertrieben hatte. Mit den Vertreibungen in der Bombay Street, die ein breites Echo fanden, begann der lange Nordirlandkonflikt.

Anders sind die Reaktionen 2021: Nach tagelangen Ausschreitungen reisten die internationalen Journalisten rasch wieder ab. 2021 ist einfach nicht 1969 und auch der Brexit brachte den Nordirlandkonflikt nicht zurück. Doch unbeachtet von der Weltöffentlichkeit brennt es in Belfast weiter. Die Opfer sind Migranten, die Täter: loyalistische Paramilitärs.

Fünf Gehminuten von der Bombay Street liegt auf der anderen Seite der Betonmauer die Forth Parade. In der Nacht zum vergangenen Freitag brannte hier ein Auto, ein zweites wurde beschädigt. Die Fenster von Wohnhäusern wurden eingeschlagen. Nur wenig später, gegen 21 Uhr Ortszeit, schlugen vermummte Männer auch die Fenster eines Hauses in der eine Ecke entfernten Woodvale Avenue ein. Auch sie liegt in einer Wohngegend, in der die Paramilitärs der Ulster Defence Association (UDA) Einfluss haben. Dieselbe UDA steckte auch hinter den Randalen im April.

Wie die »Irish News« berichtete, waren die Opfer diesmal rumänische Familien, die als Arbeitsmigranten nach Nordirland kamen. Mitten in der Nacht mussten sie mit ihren Kindern, eines erst zwei Jahre alt, aus ihrem Zuhause fliehen. Erst eine Woche zuvor war ebenfalls aus der Woodvale Avenue eine portugiesische Familie vertrieben worden. Damals stürmten neun vermummte Männer mit Vorschlaghämmern bewaffnet gegen 22 Uhr das Wohnhaus und setzten das Auto der Portugiesen davor in Brand.

Gerry Kelly, Abgeordneter der republikanischen Sinn Féin, verurteilte die Attacken und machte loyalistische Paramilitärs dafür verantwortlich. Die Polizei stuft diese als »rassistische Hassverbrechen« ein. Viele weitere solcher Verbrechen lassen sich aufzählen. Am 5. Juli wurde eine Familie aus dem Norden Belfasts vertrieben und dabei ein Mann mit einem Vorschlaghammer geschlagen. Verantwortlich gemacht wurde für den Anschlag die Ulster Volunteer Force (UVF). Und am 2. Juni hatten drei Männer mit Messern und Schusswaffen eine migrantische Familie aus ihrem Haus in Süd-Belfast verjagt. Hier hat die UDA Einfluss.

Ab den 1990er Jahren zogen vermehrt Arbeitsmigranten aus Osteuropa und Ostasien nach Nordirland. Seit der Wirtschaftskrise 2008 werden sie zunehmend zum Ziel fremdenfeindlicher Übergriffe. Loyalisten werfen ihnen vor, einheimischen Arbeitern die Jobs wegzunehmen. Laut einem Bericht des Wohnungsamtes wurden zwischen April 2015 und Oktober 2018 über 2000 Familien aufgrund von Übergriffen wohnungslos – für drei Viertel dieser Fälle waren Paramilitärs verantwortlich.

Seit dem Brexit haben rassistische Übergriffe in Nordirland und Großbritannien wieder rapide zugenommen. Der »Belfast Telegraph« schreibt, dass sich wöchentlich im Durchschnitt acht Familien beim Wohnungsamt melden, da sie von Paramilitärs bedroht werden. Im Visier haben sie weiterhin auch Katholiken. Anfang August traf es eine alleinerziehende Mutter aus einem protestantischen Viertel im Osten Belfasts. Die »Sunday Life« zitierte einen Anrainer: »Sie wurde vertrieben, weil sie Katholikin ist. Es gibt andere Leute, die auf ihre Wohnung warten.«

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