Asien lockert Corona-Regeln

Asiatische Länder suchen nach einer Balance zwischen Pandemiekontrolle und Lockerungen

  • Von Felix Lill, Tokio
  • Lesedauer: 4 Min.

Wer in Europa Zero-Covid fordert, verweist oft nach Asien: Neben dem mit Überwachung reagierenden China ist da Taiwan, das sich von Anfang an vom Virus abschottete. Oder Südkorea, welchem es nach einem Ausbruch gelang, die Infektionen mit Isolation, Desinfektion und Tracking einzudämmen. Auch mehrere Länder in Südostasien verzeichneten lange Zeit kaum Ansteckungen mit Covid-19 - auch weil die meisten Menschen strenge Anweisungen ihrer Regierungen befolgten.

Doch in vielen Staaten ist mittlerweile ein Wandel zu verzeichnen. Abgesehen von China, das weiterhin auf komplette Infektionseindämmung setzt, ist man trotz der Ausbreitung der Deltavariante pragmatisch geworden. Die Hoffnung ruht auf allmählich eintretenden Impfeffekten, die ein gewohntes Leben wie vor der Pandemie ermöglichen - allerdings mit dem Virus.

Etliche Regierungen setzen inzwischen auf eine Balance zwischen Wirtschaftswachstum und Gesundheitspolitik. Als erste Zentralbank Asiens verkündete die Bank of Korea Ende August, den Leitzins von 0,5 auf 0,75 Prozent anzuheben, um so die in Südkorea steigende Verschuldung privater Haushalte, anziehende Immobilienpreise und die wachsende Inflation unter Kontrolle zu bringen. Dies ist auch deshalb als Fokus auf Wirtschaftspolitik zu werten, weil Analysten von einer Fortführung der bisherigen Zinspolitik ausgingen. Denn Südkorea ist mit 255 000 Infektionsfällen zwar relativ milde von der Pandemie betroffen. Doch im August hat das Land seine bislang höchste Infektionswelle erlebt. Zudem sind nur gut 30 Prozent vollständig geimpft.

Auch auf den Philippinen, wo bisher erst elf Prozent zwei Impfungen erhalten haben, ist eine Kehrtwende zu beobachten. Seit Monaten verschlimmert sich die Infektionslage, Anfang der Woche verzeichnete das 108-Millionenland einen Höchstwert von gut 22 000 Neuinfektionen. Mehr als zwei Millionen Menschen steckten sich bisher an, rund 33 000 starben, darunter gut 100 Menschen aus dem überlasteten Gesundheitssektor. Zuletzt demonstrierten Pflegekräfte für bessere Bezahlung und mehr Ressourcen für Krankenhäuser. Die Regierung aber kündigte Mitte August an, den bisherigen strikten Lockdown zu lockern, was die Last aufs Gesundheitssystem erhöhen dürfte, die wirtschaftliche Aktivität aber ankurbeln soll.

Der wohlhabendere 5,7-Millionenstadtstaat Singapur, wegen strenger Grenzschließungen bisher kaum vom Virus betroffen, beginnt nun eine Öffnung. Im September dürfen vollständig Geimpfte mit einem deutschen Pass wieder unabhängig vom Reisegrund ins Land. Singapur zählt bisher nur rund 66 000 Infektions- und weniger als 60 Todesfälle. Mit einer Impfquote von bisher gut 75 Prozent ist das kleine Land seiner Region weit voraus, zuletzt stiegen jedoch die Fallzahlen. Allerdings wird erwartet, dass bald weitere Grenzöffnungen unter Auflagen folgen. Laut Regierung sei man auf steigende Infektionen eingestellt.

Japans Regierung übt schon lange einen Spagat zwischen Wirtschaftswachstum und Öffnung einerseits und Infektionseindämmung andererseits, was im vergangenen Jahr auch relativ gut gelang. Dann kam die Deltavariante. Die Grenzen wurden geschlossen, das Alltagsleben aber kaum eingeschränkt. Die Austragung der Olympischen und Paralympischen Spiele in Tokio signalisierte ein Festhalten an dieser Linie. Der Preis sind steigende Infektionszahlen. Zuletzt wurde bei einer Impfquote von mittlerweile rund 45 Prozent eine 7-Tage-Inzidenz von über 120 erreicht. Das Gesundheitssystem ist überlastet, Patienten werden abgewiesen. Dennoch verpflichtet die Regierung kein Restaurant zum Schließen - sie bittet nur höflich, was aber zusehends ignoriert wird.

Das südlicher gelegene Thailand folgt dem japanischen Beispiel, wenn auch in einer brenzligen Lage. Seit Wochen gibt es Proteste, um stärkere Coronamaßnahmen zu erzwingen. Bei einer Impfquote von elf Prozent wurden im 70-Millionenland bisher an die 1,3 Millionen Infektions- und 12 000 Todesfälle registriert. Mitte August wurde mit 23 000 Neuinfektionen ein Höchststand erreicht, nachdem die Werte wieder etwas fielen. Eine seit Juli geltende Einreiserlaubnis, mit der geimpfte Touristen aus dem Ausland auf die Ferieninsel Phuket reisen dürfen, wurde aber nicht zurückgenommen.

Anders verhält sich Taiwan. Im letzten Jahr machte der Inselstaat mit 24 Millionen Einwohnern Schlagzeilen, weil es lange gelang, Neuinfektionen komplett vorzubeugen. Mit der Deltavariante änderte sich dies, im Frühsommer gab es Hunderte Neuinfektionen am Tag, woraufhin Schulen und Grenzen wieder streng geschlossen wurden. Verantwortlich machte Taiwans Regierung dafür die internationale Diplomatie. Nachbarstaat China sieht Taiwan als Teil des eigenen Territoriums, womit bilateral vereinbarte Impfzulieferungen an Taiwan als Verletzung chinesischer Souveränität gesehen werden könnten. Auch deshalb, so Taiwans Regierung, sind bisher nur rund vier Prozent der Menschen in Taiwan vollständig geimpft. Hier ist die Priorität zuletzt daher eine andere gewesen als vielerorts in der Region: In Taiwan wurde mit aller Kraft ein eigener Impfstoff entwickelt. Dieser wird nun schnellstmöglich verteilt.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal