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Ein Jahr ohne Tagessieg

Die deutschen Straßenradprofis bleiben bei der Vuelta a España 2021 nur Mittelmaß

  • Von Tom Mustroph, Santiago de Compostela
  • Lesedauer: 4 Min.
Der formschwache Maximilian Schachmann (l.) wurde selbst von weniger stark besetzten Ausreißergruppen abgehängt. Die Vuelta brach er daraufhin vorzeitig ab.
Der formschwache Maximilian Schachmann (l.) wurde selbst von weniger stark besetzten Ausreißergruppen abgehängt. Die Vuelta brach er daraufhin vorzeitig ab.

Sachen packen, Räder verstauen und nichts wie ab in den Flieger. Dies dürfte das Motto der deutschen Vuelta-Teilnehmer zum Ende der Rundfahrt am Sonntagabend in Santiago de Compostela gewesen sein. Ähnlich der Spanischen Armada, die vor etwa 430 Jahren in den Wellen des nahen Atlantik unterging, erging es der kleinen deutschen Radsportabordnung nun zu Lande. Nur fünf Profis waren überhaupt an den Start gegangen. Als Bester schloss Neuling Ben Zwiehoff das Rennen als 47. mit mehr als zwei Stunden Rückstand ab. Für den gelernten Mountainbiker war dies zwar ein gutes Resultat. Der kletterstarke Geländefahrer war auch der tatkräftigste Helfer für den Gesamtzehnten, den Österreicher Felix Großschartner, der wie Zwiehoff für den Raublinger Rennstall Bora-hansgrohe fährt.

Bezogen auf die Ansprüche der Radnation Deutschland ist ein Top-50-Platz als beste Platzierung aber ein Armutszeugnis. Im vergangenen Jahr kämpfte sich der damalige Grand-Tour-Neuling Georg Zimmermann immerhin noch auf den 21. Platz vor - einen Rang und zwei Minuten hinter Gino Mäder. Der Schweizer wurde anno 2021 Fünfter und Gewinner der Nachwuchswertung.

Zur Enttäuschung trägt auch bei, dass kein einziger Tagessieg gelang. Im Vorjahr steuerte Pascal Ackermann noch zwei Sprintsiege bei. 2019 war Nikias Arndt einmal erfolgreich. In den Jahren zwischen 2012 und 2015 hatte John Degenkolb noch zehn Tagessiege und einmal sogar das Punktetrikot eingefahren. Nur drei Jahre ist es her, dass Emanuel Buchmann in Spanien lange auf Podiumskurs war und wie ein ernsthafter Siegkandidat wirkte. Doch diesmal war an derlei Erfolge nie zu denken.

Die aktuelle Misere hat viele Ursachen. Topfahrer Maximilian Schachmann hat sich offenbar in seiner Formkurve verkalkuliert. Der Berliner ließ die Tour aus, um sich auf Olympia vorzubereiten. Dort sprang ein 10. Platz heraus, was nicht schlecht war. Vor ihm platzierten sich aber bis auf den Neunten Adam Yates ausnahmslos Profis, die die Tour de France absolviert hatten und ihr Formhoch aus Frankreich mit in die olympischen Wettbewerbe nahmen. Im Gegensatz zu Yates, der bei der Vuelta immerhin noch auf Platz vier fuhr, wirkte Schachmann jedoch auch in Spanien schnell ausgelaugt. »Max hat seine Form nicht halten und auch nicht verbessern können. Wir müssen analysieren, was da geschehen ist«, sagte sein Sportlicher Leiter bei Bora und im Nationalteam, Jens Zemke, gegenüber »nd«. »Es hätte keinen Sinn gehabt, ihn hier weiter durchzuziehen. Mit Blick auf die Ziele, die er in dieser Saison noch hat, haben wir entschieden, dass es besser ist, wenn er die Vuelta verlässt.« Die weiteren Ziele sind die WM Ende September und danach die Klassikerrennen Paris-Roubaix und Lombardei-Rundfahrt. Schachmann ist ein spätes Formhoch zu wünschen. Besonders wahrscheinlich wirkt es derzeit aber nicht.

Die anderen vier deutschen Starter kamen allesamt lediglich mit Helferaufgaben zur Vuelta. Neben Neuling Zwiehoff schlug sich Debütant Alexander Krieger ganz gut. Er führte beim Team Fenix seinen Sprinter Jasper Philipsen zu zwei Etappensiegen und wies nach dessen Ausscheiden mit Tagesrang zehn eigene Spurtqualitäten nach.

Mit den Vorstellungen des früheren Skibergsteigers Anton Palzer durfte dessen Mannschaft ebenfalls zufrieden sein. »Er hat die drei Wochen physisch gut verkraftet und gezeigt, dass er auch technisch auf den wilden Jagden die Berge hinunter mithalten konnte«, lobte Zemke seinen dritten Deutschen im Vuelta-Aufgebot.

Nico Denz von Team DSM war der Pechvogel aus deutscher Sicht. Aus einer Ausreißergruppe wurde er von der Teamleitung zurückgerufen, um aus dem Hauptfeld heraus den Sprint für seinen Teamkollegen Alberto Dainese anzuziehen. Der Italiener gewann auch den Spurt des Hauptfeldes. Pech nur, dass sich aus Denz’ ursprünglicher Gruppe noch sieben Fahrer hatten vor dem Peloton halten können. Sein sportlicher Leiter Matt Winston verteidigte die Aktion dennoch: »Wir haben an unserem Plan festgehalten. In der Fluchtgruppe hatte Nico eine Chance von 1:24 auf den Etappensieg. Mit Dainese waren die Chancen aus dem Hauptfeld heraus größer. Nico brauchten wir wegen seiner Stärke als Anfahrer.« Denz trug die taktische Anweisung mit Fassung. Er ist kein Typ wie Miguel Angel Lopez, der nach einem Disput mit seiner Teamleitung von Movistar zornig und enttäuscht die Vuelta am vorletzten Tag einfach verließ.

Zur schlechten deutschen Gesamtbilanz trug auch noch bei, dass Rundfahrtalent Lennard Kämna, der eigentlich für die Vuelta eingeplant war, gerade eine Auszeit nimmt. Mit ihm und Buchmann ist die Rundfahrtfraktion nominell gut besetzt, mit Schachmann und Nils Politt die Klassikerabteilung sowie Pascal Ackermann der Sprintbereich auch. Ihre Generation steht im Gegensatz zu früheren Jahrgängen allerdings vor der Herausforderung, sich nicht nur mit den besten Talenten aus den traditionellen Radsportländern auseinandersetzen zu müssen. Das globale Scouting führt zu einem größeren Angebot von Spitzenfahrern auch aus kleineren Nationen wie Slowenien oder Ecuador. Der Anteil am Siegeskuchen wird daher immer kleiner.

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