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  • Wirtschaftsethik

Es hapert an einem fruchtbaren, argumentativen Dialog

Ein Gespräch mit der Wirtschaftsethikerin Tanja von Egan-Krieger über die Anfänge der Pluralen Ökonomik in Deutschland und darüber, was daraus geworden ist

  • Von Kathrin Gerlof
  • Lesedauer: 5 Min.
Nur mit Blöcken kommt man im wissenschaftlichen Diskurs nicht weit
Nur mit Blöcken kommt man im wissenschaftlichen Diskurs nicht weit

Sie gehören zu jenen Ökonom:innen, die man als »Pluralos der ersten Stunde« bezeichnen könnte. Wie hat es angefangen, warum schien Ihnen und einigen Ihrer Kolleg:innen wichtig, aus dem orthodoxen Einerlei der VWL auszusteigen und andere Denkansätze zu diskutieren?

Es gab in Teilen der Studierendenschaft großen Unmut über die einseitig auf neoklassisch fundierte Ansätze ausgerichtete Lehre in der VWL. Im VWL-Teil meines Studiums zum Beispiel lernte ich ausschließlich die Neoklassik und die auf ihr aufbauende Umweltökonomik kennen. Auf die Ökologische Ökonomik dagegen stieß ich erstmals in einem Ethik-Seminar zum Thema Nachhaltigkeit. Dieses Seminar und die daran anschließende intensive Beschäftigung mit dem Thema Nachhaltigkeit hat mir deutlich gemacht, dass es einen Unterschied in unserem politischen wie ökonomischen Denken und Handeln macht, mit welchem Blick wir auf die Ökonomie schauen. Das hat mich neugierig auf weitere alternative ökonomische Ansätze gemacht. Letzteres war der Grund, mich den Pluralos anzuschließen. Ich denke, diese Neugierde auf alternative ökonomische Denkansätze war für viele von uns damals ausschlaggebend.

Was hat Sie damals gestört sowohl am Zustand der Lehre als auch an der medialen und politischen und ökonomischen Praxis, über Ökonomie nachzudenken, zu reden, zu schreiben?

Neben der Einseitigkeit in der Lehre war das die häufig implizit bleibende (durch die formalen Modellkonstrukte »verschleierte«) Normativität: das Modell des Homo oeconomicus, das in der Gefahr steckt, zum Menschenbild substanzialisiert zu werden, der verengte Rationalitätsbegriff, die unzulängliche Einbeziehung der kulturellen Lebenswelt und der natürlichen Umwelt und die Gleichsetzung von Lebensqualität mit Lebensstandard.

Welche Erfahrungen haben Sie damals gemacht? Wie wurde auf Ihre Ansätze reagiert?

Beispielsweise ist unser erster Versuch, auf der Tagung des Vereins für Sozialpolitik eine eigene Veranstaltung zu organisieren, damals noch an der Ablehnung der Verantwortlichen gescheitert. Da war keine Diskussionsbereitschaft vorhanden. Wenn ich auf ökonomische Tagungen gegangen bin, dann auf solche, die von vornherein heterodox ausgerichtet waren. Die gab es auch damals schon. Allerdings musste man sich dann immer entscheiden, ob man nun bei den Ökologischen, den Kritisch-Institutionellen oder den Feministischen Ökonominnen auftritt. Diese erforderliche Einordnung in Schubladen hat mich schon immer gestört.

Hat sich im Laufe der Zeit etwas am Klima der – sagen wir mal – Ignoranz und Unversöhnlichkeit verändert?

Ich habe den Eindruck, dass heute in Teilen des Mainstreams durchaus eine größere Diskussionsbereitschaft vorhanden ist. Allerdings bezieht sich dieser Eindruck zum einem vor allem auf Veranstaltungsformate und weniger auf Fragen der Stellenbesetzungen an Universitäten. Immer noch sitzen viele neoklassische Haudegen, zumeist Männer, fest im Sattel und bestimmen, qua Kooptation, ihre eigenen Nachfolger. Zum anderen gibt es zwar eine ganze Reihe von widerstreitenden Ansätzen im Bereich des Mainstreams, die althergebrachten Gewissheiten stürzen, ohne jedoch das neoklassische Kernparadigma in seinem geltungslogischen Kern anzugreifen bzw. zurückzuweisen. Ökonom:innen, die Letzteres tun, haben es immer noch schwer, Gehör zu finden. Selbst in sich selbst als heterodox verstehenden Zeitschriften ist es bisweilen schwierig, Artikel unterzubringen, die bestimmte Kernbestandteile des Mainstreams in Frage stellen.

Wie schätzen Sie die Plurale Ökonomik heute ein? Hat sie an Einfluss gewonnen, Deutungsmacht bekommen, ist eine Debatte zwischen den verschiedenen Schulen entstanden – gar ein fruchtbarer Dialog? Oder macht jede/r ihrs und seins?

Zunächst einmal ist meines Erachtens der Begriff Plurale Ökonomik ein methodologischer und wissenschaftsethischer Aufruf, aber kein ökonomischer Ansatz. Es geht ihr wohlverstandenerweise darum, dass unterschiedliche, durchaus widerstreitende Positionen miteinander in einen redlichen argumentativen Wettstreit darüber kommen, welches Paradigma am besten begründet ist. Statt dass eine Schule – natürlich die Neoklassik in all ihren Spielarten – a priori als die einzig wahre Lehre bereits feststeht. Aber dafür muss irgendwer schon eine alternative, dem Anspruch nach besser begründete, Position entwickeln und sich mit seinen Ansichten exponieren. Letzteres geschieht zwar, aber es hapert noch am fruchtbaren, argumentativen Dialog.

Wo sind die Akteur:innen von damals gelandet? Wo und woran arbeiten Sie momentan?

Die damaligen Akteur:innen sind in der Mehrzahl nicht an Universitäten untergekommen. Es wurden stattdessen eigene außeruniversitäre Forschungsinstitute (ZOE Institut für zukunftsfähige Ökonomien, Denkfabrik für Wirtschaftsethik) oder NGOs (Goliathwatch) gegründet. Einige sind direkt in die Parteipolitik eingestiegen. Manche sind aber auch an großen außeruniversitären Forschungsinstituten, wie dem IMK, oder an etablierten Universitäten gelandet.

Wie sehen Sie die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses? Gibt es hoffnungsvolle Entwicklungen?

Lange Zeit sah die Situation eher düster aus. Heterodox ausgerichtete Professor:innen, die in den 68er Jahren berufen wurden, wurden nach und nach emeritiert und die Nachfolger:innen waren fast ausschließlich im Mainstream zu Hause. Erst seit etwa fünf Jahren sind vermehrt Möglichkeiten für Student:innen entstanden, Ökonomik mit pluraler und heterodoxer Ausrichtung zu studieren. An der Universität Siegen gibt es heute eine Forschungsstelle Plurale Ökonomik und einen dort angesiedelten MA Plurale Ökonomik. Am Institut für Sozioökonomie der Universität Duisburg-Essen gibt es seit 2019/2020 einen MA Sozioökonomie. Zusätzlich gibt es neben Einzelstudiengängen an etablierten Universitäten auch neu gegründete Institutionen, wie die Cusanus-Hochschule, die von vornherein als plurales, heterodoxes Projekt angelegt ist.

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