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Komplizen der Stadtgestaltung

Wittenberge sammelt Ideen der Bevölkerung für eine neue Mitte

  • Von Andreas Fritsche, Wittenberge
  • Lesedauer: 4 Min.
Das Kultur- und Festspielhaus Wittenberge, rechts im Bild der Plattenbau, der zur Disposition steht.
Das Kultur- und Festspielhaus Wittenberge, rechts im Bild der Plattenbau, der zur Disposition steht.

Für den kleinen Stadtrundgang an der Bahnstraße von Wittenberge (Prignitz) haben sich Frederic Schröder und seine Kolleginnen Adriana Osanu und Juliette Cellier von der Agentur Dschungel Bureau ein Gedankenspiel ausgedacht. Die zwei Dutzend Teilnehmer unternehmen eine Zeitreise ins Jahr 2050. Die erste Frage an sie: Steht der Ende der 1980er Jahre errichtete Plattenbau neben dem Kulturhaus in der Zukunft noch? Wie aus der Pistole geschossen antwortet ein Mann klar und deutlich: »Auf jeden Fall!« Eine Mieterin, die vor 32 Jahren zu den ersten gehörte, die in dieses Gebäude der kommunalen Wohnungsgesellschaft eingezogen sind, pflichtet bei. »Sonst hätte ich ja keine Wohnung«, erklärt sie. Nur die Fassade wünscht sie sich ein bisschen schöner. Sonst ist sie zufrieden.

Es gibt jedoch bereits seit Jahren die Idee, einen Teil des Gebäudekomplexes wegzureißen. So soll der dahinter liegende Stadtraum einladender für Passanten werden. Dort gibt es einen Wochenmarkt, den jetzt nur besucht, wer von dieser Einkaufsmöglichkeit weiß. In der übrigen Zeit wird die Fläche als Parkplatz genutzt.

In Wittenberge liegen das Rathaus, die Kirche und die von Geschäften gesäumte Bahnstraße ein Stück voneinander entfernt. Ein echtes Stadtzentrum gibt es nicht. Darum versucht die Kommunalpolitik zu klären, wo die neue Stadtmitte entstehen soll und welche Ideen die Bürger für die Gestaltung haben. Im Auftrag der Stadt und mit Förderung des brandenburgischen Infrastrukturministeriums kümmert sich die Agentur Dschungel Bureau um die Beteiligung der Einwohner an der Ideenfindung. Die Bürger sind eingeladen, sich als sogenannte Stadtkomplizen umzuschauen, Anregungen zu geben und Fragen zu beantworten. Am Samstag findet im Erdgeschoss des erwähnten Plattenbaus an der Bahnstraße ein erster Workshop statt.

Als der Stadtverordnete Sören Herms (CDU) die Überlegungen für den Platz am Kulturhaus erläutert, ärgert das den Künstler Eike Laeunen, der erst im April nach Wittenberge zugezogen ist. Er gewinnt den Eindruck, dass schon mehr oder weniger fertige Pläne für die Umgestaltung vorliegen und die Bürgerbeteiligung damit eine Farce wäre. »Ich verstehe überhaupt nicht, dass Gebäude abgerissen werden sollen«, sagt Laeunen. »Das hat mich ein bisschen aufgeregt, dass ich erfahre, dass hier etwas abgerissen werden soll.«

Schließlich wohnen dort Menschen, nicht zuletzt etliche Flüchtlingsfamilien. Was soll aus denen werden? Zwar gibt es in Wittenberge genug bezahlbaren Wohnraum. Aber wer verlässt gern die vertrauten vier Wände?

Es wird Laeunen versichert, dass noch überhaupt nichts beschlossen sei. Kommunalpolitiker Herms erklärt, er habe sich erst einmal nur seine Gedanken gemacht und hören wollen, was die Bürger darüber denken. Erwogen wird auch, die Bahnstraße auf dem Abschnitt zwischen Bäcker- und Zimmerstraße für den Durchgangsverkehr zu sperren und so die Aufenthaltsqualität in der neuen Mitte zu erhöhen.

Jetzt ist es sehr laut, wenn immer wieder Autos über das Kopfsteinpflaster holpern. Eine verkehrsberuhigte Zone steht deshalb bei nicht wenigen Bürgern auf der Wunschliste ganz oben. Doch der Stadtverordnete Thomas Tiepermann (SPD) erinnert, dass die Bahnstraße bis 2011 komplett Fußgängerzone gewesen sei - was später Zugezogenen nicht mehr erlebt haben. Die Öffnung für Autos sei ein Wunsch der Einzelhändler gewesen, die fürchteten, vor allem ältere Kunden an das Einkaufszentrum am Stadtrand zu verlieren. Tiepermanns Einschätzung nach ging die Rechnung auf. Die Bahnstraße sei damit deutlich belebt worden, sagt er. Schilder weisen die Straße übrigens als Spielstraße aus, in der nur Schritttempo gefahren werden darf. Doch daran hält sich praktisch niemand.

Tiepermann berichtet - aus der Erinnerung. Tausende Beschäftigte arbeiteten zu DDR-Zeiten im Nähmaschinenwerk und in der Zellstofffabrik. Wenn sie Feierabend hatten, radelten sie über die Bahnstraße nach Hause und schauten nach, was es dort zu kaufen gibt. Beide Betriebe haben die Wende nicht überlebt. Das ist der Grund, warum es Wittenberge schlecht erging und die Jugend auf der Suche nach Lehrstellen und Arbeitsplätzen wegzog. Von fast 30.000 Einwohnern im Jahr 1990 sind nur noch knapp 17.000 übrig geblieben. Ein solches Schicksal teilt Wittenberge mit vielen ostdeutschen Industriestädten dieser Größenordnung. Die Kommune an der Elbe erwischte es aber besonders schwer. Noch vor anderthalb Jahrzehnten sah sie insbesondere in Bahnhofsnähe ziemlich traurig und verfallen aus. Inzwischen hat sich viel getan. Es sind nicht alle, aber doch etliche Gründerzeithäuser hübsch saniert worden. Ein großes Plus ist die schnelle Bahnverbindung nach Berlin und Hamburg.

»Es war sehr schwierig, ein richtiges Stadtzentrum zu identifizieren«, fasst Juliette Cellier nach dem Workshop zusammen. In Perleberg, wo ihr Dschungel Bureau eine vergleichbare Bürgerbeteiligung organisiert, ist das kein Problem. Dort ist klar, dass sich das Herz der Stadt am historischen Markt befindet. Kollege Schröder verspricht: »Wir setzen den Prozess fort.«

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