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Werke und Tage

Politik jenseits des Fernsehens: Die Hamburger Dokumentarfilmwoche ging am Sonntag zu Ende

  • Von Stefan Ripplinger
  • Lesedauer: 4 Min.
Der Eröffnungsfilm »The Works and Days« verlangte vollen Einsatz von den Zuschauern, die mit ihm einen ganzen Tag verbringen mussten.
Der Eröffnungsfilm »The Works and Days« verlangte vollen Einsatz von den Zuschauern, die mit ihm einen ganzen Tag verbringen mussten.

Monatelang kein Kino, und dann dauert der erste auf der Leinwand zu sehende Film ganze acht Stunden. Es war, als ob die 18. Hamburger Dokumentarfilmwoche, die am Sonntag zu Ende ging, prüfen wollte, ob das so lange vernachlässigte Medium uns noch reizen kann. Der Eröffnungsfilm »The Works and Days« (der Titel lehnt sich an Hesiods »Werke und Tage« an) verlangte vollen Einsatz von den Zuschauern, die mit ihm einen ganzen Tag verbringen mussten. C.W. Winter und Anders Edström führen uns in ein Bergdorf nördlich von Kyoto. Wir verfolgen den Alltag von alten Leuten, die noch ein wenig anbauen, ihre Produkte nachbarschaftlich teilen, die buddhistischen Riten einhalten und den Rest der Zeit bei Fernseh-Wettbewerben im Go totschlagen.

»The Works and Days« ist genau genommen gar kein Dokumentar-, sondern ein Spielfilm, der monumental beginnt und melodramatisch endet, sich allerdings eng an die Geschichten seiner Protagonistinnen und Protagonisten hält, allen voran die von der wunderbaren Tayoko Shiojiri, die ihren sterbenden Mann pflegt. Ihr eingesprochenes Tagebuch ist der rote Faden durch die acht Stunden, in denen das Medium immer wieder seine Grenzen abtastet. Die Kamera bleibt zwar an den Raum gebunden wie die von Yasujiro Ozu, dessen »Reise nach Tokio« (1953) zitiert wird, aber sie kann durchaus die Alten plappern lassen und sich dabei minutenlang mit Wasserflecken auf einer Wandbespannung befassen. Überhaupt ist das Bearbeitete, das Gebrauchte, das Abgeschabte das große Thema des Films, der in einem ganz schlichten Sinn materialistisch wirkt.

Jeder neue Block des Werks beginnt mit völliger Schwärze und einer Geräuschcollage à la Luc Ferrari. Obwohl die Landschaft ums Bergdorf ihre Schönheiten besitzt, ist sie doch so zersiedelt und zugerümpelt, dass das Bild kleinteilig wird. Das fordert das Auge, und es darf vorausgesagt werden: Dieser Film funktioniert fabelhaft im Kino, auf der heimischen Mattscheibe wird er matt.

Nach ihm mussten alle anderen Filme des Festivals kurz und konventionell wirken. Doch haben ihm die meisten voraus, aktueller und politischer zu sein. Daniel Kötters »Rift Finfinnee« – Finfinnee meint Addis Abeba, Rift die Kante zwischen tektonischen Platten – vollzieht die brutale Urbanisierung Äthiopiens schichtenweise nach, von den bitterarmen Bauarbeitern bis hin zu den Investoren in ihren zitronengelben Villen. Urbanisierung auch in »L’artificio« (etwa: »Das Kunststück«) von Francesca Bertin: Die Modellstadt Zingonia (Bergamo) steht vor dem Abriss, ihre armen Bewohner werden in alle Winde zerstreut; fast eine Umkehrung von Pedro Costas Fontaínhas-Zyklus, wo es vom Slum in geleckte Hochhausblocks geht.

In »first in first out« (»Wer zuerst kommt, mahlt zuerst«) zeigt Zacharias Zitouni am Leben seines Vaters eine denkwürdige Ironie auf: Der frühere Abschiebehäftling bereitet heute am Flughafen Imbisse unter anderem für abzuschiebende Asylbewerber. »A River Runs, Turns, Erases, Replaces« (etwa: »Ein Fluss fließt, biegt ab, schwemmt weg, erneuert«) der jungen Filmemacherin Shengze Zhu konfrontiert in hochstilisierten Totalen die chinesische Metropole Wuhan vor der Epidemie mit Briefen der Verlassenheit, die während ihr entstanden. Das ähnelt der Struktur von Chantal Akermans »Briefe von zu Haus« (1977), wenn Zhu auch nicht deren Geheimnis besitzt. Ebenso exzellent fotografiert ist »Khans Leib«, in dem Kristina Savutsina den Alltag in ihrer weißrussischen Heimatstadt einfängt. Es geht ihr nicht nur um den Khan, also den Machthaber, sondern auch um Mikrostrukturen der Macht. Leider erinnert »Khans Leib« zu oft an den billigen Spott des Großstädters über die Provinzler im Stil von Roy Andersson oder den Brüdern Coen.

Gewinn und Gefahr eines persönlichen Zugangs zum Thema verdeutlichen »Ziyara« von Simone Bitton und »When a farm goes aflame« (nach dem Spruch der Yoruba: »Wenn es in den Ställen brennt, fliegen die Splitter ins Haus und verraten das Ganze«) von Jide Tom Akinleminu. Während Bittons Ziyara, also Pilgerfahrt, an die heiligen jüdischen Stätten in Marokko Dank all den Muslimen abstattet, die sie hüten, gewinnt Akinleminus Erkundung über seines nigerianischen Vaters Polygamie Züge eines Strafgerichts, in dem es an einem Anwalt der Verteidigung fehlt.

»Kunst kommt aus dem Schnabel wie er gewachsen ist« von Sabine Herpich zeigt die Arbeit der Werkstätte »Mosaik« aus Berlin-Spandau und macht dort mit der großartigen Künstlerin Suzy van Zehlendorf bekannt, die einen Privatkrieg gegen das Bode-Museum führt – für sie ein »Skulpturen-Knast«. Um von Fernsehsendern nicht zu faulen Kompromissen genötigt zu werden, haben Herpich und ihr Produzent sich zu einer freien Finanzierung entschlossen.

Das Hamburger Festival, das auch Meisterinnen und Meister von Stefan Hayn über Klaus Wildenhahn bis Danièle Huillet und Jean-Marie Straub würdigte, hat glänzend bewiesen, dass der relevante Dokumentarfilm jenseits der gängigen Fernsehformate entsteht.

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