Warten in Eisenhüttenstadt

In der brandenburgischen Erstaufnahmeeinrichtung kommen von Polen aus mehr Geflüchtete an

  • Von Paula Bohm und Dinah Rothenberg, Eisenhüttenstadt
  • Lesedauer: 5 Min.

Zwei Männer vom Wachschutz öffnen in gelben Warnwesten am Eingang der Erstaufnahmeeinrichtung in Eisenhüttenstadt die Schranke für einen Polizeiwagen. Auf der Wiese hinter dem Zaun fallen Eisenstangen zu Boden, Stimmen und Zurufe sind zu hören. Eine Gruppe von Menschen baut große Militärzelte auf, abgesehen davon ist es still.

»Es ist eine besondere Situation«, sagt der stellvertretende Leiter der Einrichtung, Jens Dörschmann. »Aber es ist noch händelbar«, fügt er hinzu. Seit dem Sommer sind die Ankunftszahlen von Geflüchteten in Brandenburg kontinuierlich gestiegen. Mit knapp 1200 Personen ist die Erstaufnahmeeinrichtung inzwischen bis an die Kapazitätsgrenze belegt. Täglich bringt die Bundespolizei Menschen aus Afghanistan, dem Irak und Syrien nach Eisenhüttenstadt. Sie fliehen von Belarus über Polen nach Deutschland. Hinzu kommen sogenannte Sekundärmigrant*innen, die bereits in einem anderen europäischen Mitgliedsstaat ein Asylverfahren aufgenommen oder einen Schutzstatus erhalten haben. Viele reisen aus Griechenland ein. Wegen mangelnder Versorgung dürfen Geflüchtete nicht mehr dorthin abgeschoben werden. Dörschmann gibt sich gelassen. »Führungskräfte müssen ruhig bleiben«, sagt er, während er über den kahlen Innenhof läuft. Sein Handy klingelt ständig. In den Wohngebäuden mit den markanten roten Dächern sind vereinzelt Fenster geöffnet, aus einigen blicken Menschen auf den Hof.

Dort warten etwa zwei Dutzend Personen mit Gepäck vor einem Reisebus. Manchmal, sagt Dörschmann, fühle man sich hier wie auf einem Busbahnhof. Über 400 Personen wurden in den letzten zwei Monaten auf andere Bundesländer verteilt. Das sind in etwa so viele, wie allein im August ankamen. Beheizte Militärzelte mit Feldbetten, die Turnhalle und sogar das Gebäude der ehemaligen Abschiebehaft sollen mit 200 zusätzlichen Plätzen Abhilfe schaffen.

Vor der Kantine unterhalten sich Arman und Wahed, die ihre vollständigen Namen nicht in der Zeitung lesen wollen. Arman ist freundlich und zuvorkommend, spricht gutes Englisch und hilft manchmal als Übersetzer aus. Die Brüder aus Afghanistan sind zum zweiten Mal in Eisenhüttenstadt. Das erste Mal waren sie im Februar hier, zusammen mit ihren Eltern und vier kleinen Geschwistern.

Von Belarus aus überquerte die Familie mitten in der Nacht die Grenze nach Polen. »Es ist wie ein dunkler Dschungel, wir hatten solche Angst. Es ist furchtbar.« Während Arman spricht, steht sein jüngerer Bruder mit verschränkten Armen daneben. Sein halblanges Haar hat er mit einem Band aus dem Gesicht geschoben. Manchmal schüttelt er ungläubig den Kopf, so als könnte er selbst kaum glauben, was sein Bruder erzählt. Vier Monate lang wurde die Familie in verschiedenen geschlossenen Lagern in Polen untergebracht: »Vor den Fenstern sind Gitter und drum herum eine Mauer mit Stacheldraht.« Die Erinnerung ist für Arman schmerzhaft, doch er betont, dass es ihm wichtig ist, davon zu berichten: »Ich kann diese Gefängnisse nicht vergessen. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte sie nie gesehen.« Nachdem sie Polen endlich verlassen konnten, stellten sie in Eisenhüttenstadt Asylanträge. »Alles war sehr gut hier, endlich ging es uns besser.« Die Familie erhielt jedoch einen ablehnenden Bescheid, denn nach der Dublin Verordnung ist Polen für sie zuständig. Trotzdem wurden sie in ein Wohnheim gebracht, die kleinen Geschwister gingen zur Schule, Arman, Wahed und ihre Eltern besuchten einen Deutschkurs.

Vor einer Woche reißt ein Dutzend Polizist*innen die Familie in den Morgenstunden aus dem Schlaf: »Wir hatten fünf Minuten Zeit, unsere Sachen zu packen.« Arman und Wahed werden nach Polen abgeschoben, der Rest der Familie darf vorerst bleiben. »Meiner Mutter ging es sehr schlecht, auch mein Vater und mein Bruder weinten«, erzählt Arman voller Sorge. »Es war der schlimmste Tag meines Lebens.« Wenige Tage später stehen sie wieder am Eingang der Erstaufnahmeeinrichtung in Eisenhüttenstadt, dieses Mal zu zweit. »Was sollen wir in Polen? Unsere Familie ist doch hier in Deutschland.« Registrierung, Interview, Abwarten, alles noch einmal von vorne.

Arman wird unruhig: »Wir haben nur noch drei Minuten, um unser Mittagessen abzuholen.« Wenn sie das schmale Zeitfenster verpassen, müssen sie bis zum Abendessen warten. Einkaufen gehen können sie nicht, erst nach ihrer Registrierung dürfen die Brüder das Camp verlassen.

Schief stehende Bauzäune aus Stahl trennen die einzelnen Container-Komplexe der Ankunftsquarantäne. Hier gelten Abstandsregeln und das Tragen einer Maske, aber kaum jemand hält sich daran. Etwa zwei Prozent der neu Ankommenden werden positiv auf Covid-19 getestet. »Ohne Corona wäre das Ganze wesentlich unkomplizierter«, sagt Jens Dörschmann. Auch wenn er selbst einen eher entspannten Eindruck macht, so klingt überall durch, dass die Mitarbeitenden überlastet sind. »Jede Minute zählt, wir arbeiten am Limit«, berichtet eine von ihnen.

Jessy aus Kenia wohnt seit ihrer Ankunft vor zwei Wochen in einem der blauen Container, da sie Kontakt zu einer positiv getesteten Person hatte. Auch sie wartet auf die Registrierung und auf Auskunft, wann und wie es für sie weitergeht. »Niemand hat uns informiert, wir wissen nicht was als nächstes passiert«, sagt sie. Das Camp verlassen darf sie nicht, aber in einem kleinen Radius auf dem Hof frische Luft schnappen.

Wenn sie auf der Wiese spazieren geht, fällt ihr Blick auf eine Handvoll Polizeiwagen, auf Zäune und Stacheldraht: »Wir haben einfach Angst, alles ist hier neu für uns und unseren Raum können wir nicht abschließen. Als Frau fühle ich mich damit nicht wohl«, sagt Jessy. Aber sie weiß nicht, an wen sie sich wenden soll.

Über dem Hof der Erstaufnahme liegt Ungewissheit. Alle hier warten. Doch anders als an einem normalen Busbahnhof weiß niemand, ob und wohin es im Anschluss gehen wird. Am späten Nachmittag sind die grünen Militärzelte aufgebaut. Noch stehen einige von ihnen leer. Arman möchte endlich seine Familie wieder sehen, doch darauf muss er warten. Wann er erfährt, ob er sie besuchen darf, weiß er nicht.

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