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Der Sonntag als Ruhetag kehrt zurück

Laut Branchenverband Dehoga finden Hotels und Gaststätten in Brandenburg kaum Personal - vor allem Fachkräfte fehlen

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 4 Min.
Stefanie Zander vom Babelsberger Traditionslokal «Otto Hiemke» unterhält sich vor dem Restaurant mit Gästen.
Stefanie Zander vom Babelsberger Traditionslokal «Otto Hiemke» unterhält sich vor dem Restaurant mit Gästen.

»Rund 35 000 Menschen arbeiten in unserer Branche, und 3500 - das heißt zehn Prozent - könnten mindestens noch hinzukommen«, sagt Olaf Schöpe, Präsident des Gaststättenverbandes Dehoga im Land Brandenburg. Ob er das Problem selbst spüre? »Mein Hotel, das ›Spree-Waldhotel‹ in Cottbus, wird jetzt von zwei Frauen geführt, die bei mir ausgebildet wurden«, sagt er. Als Eigentümer habe er 2016 dafür gesorgt, dass das 106-Betten-Haus zwischen dem Stadtrand von Cottbus und der Spreewald-Gemeinde Burg »quasi in der Familie« bleibt. Die Unternehmensnachfolge hat Schöpe gut geregelt, doch auch er sorgt sich um Berufsnachwuchs. »Erst schienen wir relativ verschont zu bleiben, nun aber merken auch wir den Konkurrenzdruck.«

Dabei sind Gastronomie und Hotelwesen in Brandenburg »mit einem blauen Auge« durch die schwierige Zeit der Corona-Lockdowns gekommen, so Schöpes Einschätzung. Während bundesweit der Umsatz im August noch 5,4 Prozent unter Vor-Corona-Niveau lag, seien es hierzulande nur 2,5 Prozent gewesen. Die Abhängigkeit vom internationalen und Event-Tourismus sei in der Mark nicht so groß, dadurch ließen sich die Unterschiede erklären. Der »wunde Punkt« sei der Fachkräftemangel, auch wenn durchaus ein leichter Umkehrtrend zu beobachten sei, fügte er hinzu. Dort wo die Arbeitsbedingungen und das Betriebslima stimmten, seien einstige Beschäftigte wieder an ihre alten Arbeitsplätze zurückgekehrt. Aber es gebe Betriebe, da reiche es weder hinten noch vorn.

Die Gäste würden dies daran merken, dass es verlängerte Ruhezeiten gebe, spätere Öffnungszeiten oder dass gar der Sonntag als Ruhetag wieder eingeführt werde, sagte Schöpe. In manchen Tourismusregionen müsse man sich daher vier Wochen im Voraus um Plätze im Restaurant bemühen. Die Unternehmer hätten versucht, ihr Personal während des Lockdowns unter anderem mit Aufstockung des Kurzarbeitergeldes zu halten. »Aber es ist nun einmal so, dass die Trinkgelder komplett weggefallen sind.«

Zudem reklamierten viele junge Leute heutzutage mehr Zeit für sich und ihre Familie und wählten ihren Arbeitsplatz auch unter diesem Blickwinkel. »In meiner Jugend hat man sich solche Gedanken nicht gemacht, da wurde das nicht diskutiert«, sagte der Präsident. »Da wusste man, in der Gaststätte und im Hotel wird auch sonn- und feiertags gearbeitet.« Doch erscheine ihm die Entwicklung unumkehrbar. Die Gaststätten- und Hotelunternehmer müssten eben »beide glücklich machen« - die Gäste und das Personal.

Mit einer ordentlichen Bezahlung sei das in jedem Fall verbunden, so der Dehoga-Landeschef. In den vergangenen Jahren habe es einen Lohnzuwachs von 20 Prozent gegeben, das sei zu begrüßen. »Und es wird sich fortsetzen.« Sollte eine neue Bundesregierung den Mindestlohn auf 12 Euro anheben - derzeit liegt er bei etwa 9,50 Euro -, werde das aber viele Betriebe in eine schwierige Situation bringen, zeigte er sich sicher. Vor allem, wenn das plötzlich oder mit einem geringen Zeitvorlauf passiere.

Dabei gehe es gar nicht so sehr darum, dass die Geringstverdiener dann 12 Euro statt 9,50 Euro für die Arbeitsstunde bekommen, so Olaf Schöpe. Es müsse auch der Lohnabstand zu den anderen Einkommensgruppen gewahrt bleiben, in denen Mitarbeiter heute schon mehr verdienen. Für Wirte könnte das bedeuten, dass sie am Ende eine Lohnerhöhung von 20 bis 30 Prozent stemmen müssten. Schon heute lägen die Personalausgaben bei 30 bis 45 Prozent vom Umsatz. Auch anderes wie die Energie werde ja teurer.

»Die kaufmännische Seite muss aber stimmen«, sagte Schöpe. Ein Restaurantbetreiber wisse natürlich, dass er mit den Preisen nicht überziehen darf, aber wie die Dinge derzeit nun einmal lägen, könne die Preisentwicklung in allen Bereichen »dramatisch« sein. Zu bedenken sei, dass viele Menschen, wenn sie sich weniger leisten können, auch bei Restaurantbesuchen sparen dürften. »Es ist die Aufgabe unserer Unternehmen, ein attraktives, verlockendes Angebot mit betriebswirtschaftlicher Solidität zu verbinden«, sagte Schöpe.

Einer kürzlich veröffentlichten Umfrage des Dehoga-Bundesverbandes zufolge hält »der Trend zum Kurzurlaub und Urlaub in der Heimat« an. Viele Menschen hätten Deutschland »als Reiseland neu entdeckt«, schätzt Verbandschef Guido Zöllick ein. Auch die Lust auf Ausgehen und geselliges Zusammensein sei groß. Erhebliche Umsatzausfälle beklagten dagegen weiterhin Business- und Tagungshotels, Eventcaterer sowie Clubs und Diskotheken. Laut Statistischem Bundesamt verbuchte das Gastgewerbe im ersten Halbjahr ein reales Minus von 61,4 Prozent. Es werde noch eine Weile dauern, bis die verheerenden Folgen der Pandemie überwunden seien, so Zöllick.

Der Umfrage zufolge reagieren die Dehoga-Betriebe auf die »Riesenherausforderung, geeignete Mitarbeiter zu finden« - für fast 80 Prozent von ihnen stelle das ein Problem dar - mit Anpassungen der Speisekarte (56,1 Prozent), höherer Bezahlung (54,1 Prozent), zusätzlichen Ruhetagen (51,9 Prozent), der Einstellung von mehr un- und angelernten Mitarbeitern (43,7 Prozent) sowie geänderten Arbeitszeitmodellen (37,8 Prozent).

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