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Junta gerät in Bedrängnis

Asean lädt Putschgeneral Min Aung Hlaing nicht zu Gipfel ein, Opferzahlen beim Militär steigen stark

  • Von Thomas Berger
  • Lesedauer: 3 Min.

Wenn die Gemeinschaft südostasiatischer Staaten (Asean) vom 26. bis 28. Oktober seinen nächsten Gipfel abhält, wird einer nicht mit dabei sein: Mynamars Putschanführer Min Aung Hlaing. Beim Jakarta-Gipfel im April war er noch dabei, diesmal ist er explizit nicht eingeladen, so die Entscheidung am Wochenende. »Tief enttäuscht« äußerte sich die Junta, der die übrigen Asean-Staaten vorwerfen, sogar minimale Zusagen nicht eingehalten zu haben. Auch Asean-Sondergesandter Erywan Yusof, Vizeaußenminister von Brunei, will seinen anstehenden Myanmar-Besuch nun aussetzen. Hintergrund ist, dass ihm das Regime keinen Zugang zur inhaftierten Aung San Suu Kyi gewähren wollte, deren Gesundheitszustand angeschlagen ist. Das so unter Druck geratene Militärregime verkündete am Montag, 5000 Gefangene anlässlich eines buddhistischen Feiertages freilassen zu wollen. Noch immer sind über 7000 Menschen eingesperrt, die gegen den Putsch demonstriert haben.

Es ist nicht der erste Dämpfer, den das Regime hinnehmen musste. Bereits am 7. Oktober hatte sich das EU-Parlament in einer Resolution zur Unterstützung der demokratischen Kräfte im Land bekannt. Auch der Senat, Oberhaus des französischen Parlaments, rief zur Anerkennung der demokratischen Schattenregierung (NUG) auf.

Der »defensive Volkskrieg« gegen das Regime, den die Schattenregierung im September ausgerufen hatte, ist längst in vollem Gange. Am Sonntag explodierte in der Hauptstadt Naypyidaw ein Sprengsatz, der auf einen lokalen Verwaltungssitz geworfen wurde. Opfer gab es dabei keine. Ob am Freitag bei einer ähnlichen Aktion auf eine Filiale der dem Militär gehörenden Myawaddy Bank zwei Wachleute getötet wurden, dazu gibt es widerstreitende Aussagen. Kürzlich meldete jedenfalls das Innenministerium der Schattenregierung, dass zwischen 7. September und 6. Oktober 1562 Soldaten ums Leben kamen, 552 sollen verwundet worden sein. Für die Putschisten war es der bisher tödlichste Monat: Der Blutzoll der Armee lag demnach doppelt so hoch wie im August, als sich die Zahl der Zusammenstöße stark erhöht hatte.

Einheiten des Militärs stehen vor allem den People’s Defense Forces gegenüber. Diese Art Bürgermilizen, eher loses Bündnis als eine organisatorische Einheit mit klaren Befehlsketten, sind eine Art demokratische Alternativstreitkräfte der Schattenregierung. Sie sind sogar in der Lage, Konvois militärischer Fahrzeuge anzugreifen, zeigen jüngste Vorfälle.

Dennoch bilden die Rebellengruppen der diversen ethnischen Minderheiten im Vielvölkerstaat weiterhin die stärkste militärische Gegenmacht zur »offiziellen« Armee. Die sogenannten »Ethnischen bewaffneten Organisationen« halten Abertausende Männer und Frauen unter Waffen. Eigentlich hatten schon unter der semi-zivilen Übergangsadministration des ehemaligen Generals Thein Sein als Präsident (2010-2015) acht Rebellengruppen ein Nationales Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet, später kamen weitere hinzu. Das Abkommen sei inzwischen »faktisch tot«, heißt es als Zustandsbeschreibung in einem aktuellen Beitrag des Nachrichtenportals »The Irrawaddy«. Zwar hatte das Regime Anfang Oktober mit 18 ethnischen Kleinparteien an einem Tisch gesessen. Der Dialogfaden zu den Rebellengruppen ist aber größtenteils abgerissen, und eine Mehrheit von ihnen hat sich nunmehr offen an die Seite des demokratischen Widerstands gestellt.

Derzeit versucht die Armee zum Beispiel einen Vorstoß in Richtung des Hauptquartiers der Chin National Front. Dabei wurden allein vorige Woche entlang einer wichtigen Verbindungsstraße etliche Wohnhäuser und eine Kirche in zwei Dörfern von Soldaten niedergebrannt. Das gewaltsame Vordringen der Militäreinheit habe 300 Bewohner zur Flucht gezwungen, meldete der kirchliche Verband Chin Baptist Convention. In der Region hatten die Kämpfe zuletzt stark zugenommen.

Für die Putschisten ist es ein Alarmsignal, dass sich auch in den Reihen der Armee angesichts des immer brutaleren Vorgehens Bedenken und Widerstand zeigen. Am 7. Oktober wurde bekannt, dass der Oberkommandierende der Nordwest-Region, zu dem auch der Chin State gehört, festgenommen wurde: Phyo Thant habe versucht, zur demokratischen Opposition überzulaufen. Der Brigadegeneral wäre damit bisher der ranghöchste Militär, der zum Seitenwechsel bereit war.

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