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Aus der Pampa nach Potsdam

Studierende weichen wegen hoher Mieten und fehlender Wohnungen ins Umland der Landeshauptstadt aus

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 3 Min.

Vor Jahren bestand zu Semesterbeginn die Chance, auf dem letzten Drücker an einem konkreten Stichtag studentische Unterkünfte nicht nach Warteliste, sondern frei zu vergeben. Das hatte zu tumultartigen Szenen geführt, Bewerberinnen und Bewerber hatten sich quasi Tage vorher mit Schlafsäcken vor dem Büro des Studentenwerks am Hauptbahnhof auf die Lauer gelegt. Heute ist auch der »Tag der freien Vergabe« digitalisiert. Unter Hunderten Bewerbern wurden 64 Plätze verlost. Doch mindestens 800 Neuankömmlinge suchen definitiv weiter.

Mit der zunehmenden Zahl an Präsenzveranstaltungen an den Universitäten und Hochschulen in Potsdam kehrt auch ein altbekanntes Problem zurück: der Mangel an geeignetem und bezahlbarem Wohnraum. Das Potsdamer Studentenwerk zählte in diesem Herbst fast 3500 Bewerbungen, konnte aber nur 700 Plätze anbieten.

Lange vorbei ist die Zeit, als mit der Zulassung zu einem Studium auch der Eintritt in ein Studentenwohnheim verbunden war. Obwohl in Potsdam einige Wohnheime aus DDR-Tagen – rekonstruiert und ausgebaut – heute weiter betrieben werden, obwohl schon in den 90er Jahren mit dem »Studentendorf« in Potsdam-Babelsberg eine Entspannung angestrebt wurde und obwohl erst vor einigen Monaten ein neues Wohnheim in Golm seiner Bestimmung übergeben wurde, reicht die Zahl der angebotenen Plätze vorn und hinten nicht. Zumal der Standard vor 30 Jahren – das 4-Personen-Zimmer – heute keine Option mehr darstellt.

Ein Ausweg sind studentische Wohngemeinschaften, bei denen zwei, drei oder auch mehr junge Menschen sich eine Wohnung teilen. Für Vermieter ist das meist attraktiv, weil auf diese Weise eine höhere Miete erzielt werden kann. Da aber ohnehin in Potsdam akute Wohnungsnot herrscht, sind diese WGs nicht sehr zahlreich. Und billig sind sie schon gar nicht, wie ein Blick in die einschlägige Internetplattform beweist: Die Mieten liegen zwischen 550 und 700 Euro für ein WG-Zimmer.

175 Euro kostet heute ein Wohnheimzimmer, wenn Küche und Bad mit anderen Bewohnern geteilt wird, das sind finanziell gesehen die Favoriten, Einschränkungen beim Wohnstandard inklusive. Im neuen, schicken Golmer Wohnheim kostet ein Zimmer mit eigener Kochnische und Bad schon 325 Euro im Monat. Dort immerhin baute man auch 2-Personen-Zimmer – übrigens mit »verschließbarem« Bett, um zu sichern, das bei Abwesenheit nicht irgendwer dort nächtigt. Hier kommt man für monatlich 195 Euro unter.

Das Studentenwerk bietet gut 2500 Unterkünfte verschiedener Kostenklassen an. Ein Tropfen auf dem heißen Stein, denn allein in der Potsdamer Universität sind rund 20.000 Studierende eingetragen, Fachhochschule und Filmuniversität eingerechnet, sind es fast 28.000.

Früher war es die Regel, dass Studierende in Potsdam in Berlin wohnten, weil es dort preiswerten Wohnraum gab. Nun, mit dem in ganz Brandenburg gültigen Semesterticket rückt das Potsdamer Umland als möglicher Wohnort in den Fokus. Die Fahrzeit mit dem Regionalexpress von Brandenburg/Havel nach Potsdam zur Universität beträgt 30 Minuten – nicht länger als so manche Stadtfahrt.

Während Potsdam gleichsam aus allen Nähten platzt, existiert an anderen Orten Brandenburgs das gegenteilige Problem. Die Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg und die Viadrina in Frankfurt (Oder) sind eher in der Position, dass sie Studierende suchen. Daher ist die Suche nach studentischen Unterkünften dort ein geringes oder gar kein Problem. Und es könnte weiter zurückgehen: Ein Drittel der rund 6800 Studierenden in Cottbus und Senftenberg kommt aus dem Ausland, vor allem aus Indien, Nigeria, der Iran, China und Bangladesch. Deren Rückkehr aus der Corona-Welt ist alles andere als sicher. Auch an der Frankfurter Europa-Universität mit ihren rund 5000 Studierenden kommen rund ein Drittel aus dem Ausland. Schon im Herbst 2020 ging die Studierendenzahl messbar zurück.

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