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Die deutschen Nachbarn grüßen nicht

Zehn aus dem Ausland nach Cottbus gekommene Menschen berichten über Rassismus im Alltag

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.

»Zur Wende war ich ein Teenager. Anfangs habe ich mich über die neue Zeit sehr gefreut«, berichtet der Journalist Chadi Bahouth. Dann aber kamen die Bilder der Neonazis mit Springerstiefeln. Bahouth speicherte in seinem Gedächtnis das »Bild des gefährlichen Ostens ab«. Es kam wieder hoch, als er von Ende 2020 bis Mitte 2021 zehn Cottbuser interviewte, die Erfahrungen mit rassistischer Anfeindung gemacht haben. Einige erlebten rechte Gewalt. Anderen blieb das erspart, doch auch sie kennen Menschen, denen das widerfuhr.

Der Verein Opferperspektive erstellte mit Bahouth eine 55-seitige Broschüre, in der die zehn zu Wort kommen. »Wie ein Fisch im Aquarium«, lautet der Titel, angelehnt an eine Aussage, wie sich die Betroffenen oft angeschaut fühlen wegen ihrer tiefschwarzen Haare oder ihrer dunklen Haut. Sie bleiben anonym, in einigen Fällen muss man raten, ob es Männer oder Frauen, Junge oder Alte sind. Nicht immer finden sich Angaben zur Herkunft wie etwa: »mein iranisches Abitur«. Herauszulesen ist aber, dass Befragte zum Beispiel aus Syrien, Afghanistan, Tschetschenien und Kenia stammen und als Flüchtlinge, als Au Pair oder zum Studium nach Deutschland kamen. Von denen, die zunächst in Westdeutschland lebten, bevor sie nach Cottbus gelangten, wünschen sich einige, die Stadt möglichst bald wieder verlassen zu können. Zu schlimm sind die Erfahrungen mit Rassismus. Einer sagt, mit offenem Rassismus komme er sogar besser zurecht als mit unterschwelligem Alltagsrassismus. Den erleben die Befragten, wenn Kassiererinnen alle Kunden freundlich behandeln, nur sie nicht, wenn Busfahrer grundlos mit ihnen schimpfen und wenn Nachbarn partout nicht zurückgrüßen.

Zum Glück gibt es auch freundliche und hilfsbereite Menschen, die bei der Polizei als Zeugen gegen die Täter aussagen oder selbst einschreiten. Etwa den Busfahrer, der einen Fahrgast hinauswirft, der rassistisch herumpöbelt. Aber viele schauen leider weg. Und dabei klopfen nicht nur Einheimische rassistische Sprüche. Eine Frau aus Zimbabwe muss sich von Arabern in der Straßenbahn anhören, sie sei eine »Sklavenschlampe«.
»Ich weiß nicht, ob ich heute noch mal nach Cottbus käme«, beginnen die Erzählungen. Seit es die AfD gebe, sei es noch schlimmer geworden. »Offene Beleidigungen waren früher verpönt. Heute werden sie herausgeschrien.« Und weiter: »Als ich mit 13 Jahren nach Cottbus kam, damals noch DDR, lebte ich ganz unauffällig mit den deutschen Kindern zusammen. Die Mentalität der Menschen war damals noch eine andere – wir wurden freundlich aufgenommen, herzlich willkommen geheißen. Alles war organisiert: Das Deutschlernen für die Kinder, die Eltern konnten ihren Berufen nachgehen.« Doch nach dem Mauerfall änderten sich die Dinge. Schockierend das Erlebnis, im Einkaufszentrum ohne Anlass des Diebstahls verdächtigt zu werden: »Alles was fremd ist, klaut, nimmt die Arbeit weg, stinkt.« Und die Nachbarn sagen: »Du hast schon in der DDR hier gelebt, mit dir haben wir kein Problem.« Aber wenn jemand erst jetzt dazukommt, mit dem gehen sie unfreundlich um.

Autor Bahouth diskutiert am 11. November um 18 Uhr im Cottbuser Glad-House mit Hassaan Al Hassan vom hiesigen Geflüchteten-Netzwerk und mit der in der Stadtverwaltung für die Integration zuständige Fachbereichsleiterin Stefanie Kaygusuz-Schurmann. Die Broschüre kann im Internet unter www.adb-brandenburg.de/veroeffentlichungen heruntergeladen oder unter der Telefonnummer 0331- 58 10 76 76 bestellt werden.

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