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Schmerzen im Lausitzer Revier

Landtagsfraktion der Grünen schaut sich Projekte des Strukturwandels an

  • Von Andreas Fritsche, Cottbus
  • Lesedauer: 4 Min.

Aus einem dicken Rohr sprudelt das Wasser über große Findlinge in einen kleinen Kanal, stürzt schließlich ins Restloch des Braunkohletagebaus Cottbus-Nord. 2015 wurde dieser Tagebau stillgelegt. Mit Wasser, das zu 80 Prozent aus der Spree übergeleitet wird, entsteht hier in den nächsten vier bis sechs Jahren der Cottbuser Ostsee. Noch ragt eine Abraumkippe heraus, die am Ende einige Meer unter dem Wasserspiegel liegen wird.

Mitglieder der Grünen-Fraktion im brandenburgischen Landtag schauen sich am Donnerstag von einer Aussichtsplattform aus um, lassen sich alles von Franziska Uhlig-May erklären. Die leitet bei der Lausitzer Energie AG die Abteilung für die Rekultivierung alter Tagebaue.

Die Abgeordneten sind von ihrer zweitägigen Klausur im Cottbuser Piccolo-Theater vorbeigekommen. Bei einer Bustour besichtigen sie Projekte des Strukturwandels im Lausitzer Revier. Denn spätestens 2038 soll Schluss sein mit der Kohleverstromung – wenn es nach den Grünen geht, besser schon 2030. Doch Stefan Korb, in der Cottbuser Stadtverwaltung für die Strukturentwicklung zuständig, mahnt: »Nicht, dass wir das Klima nicht schützen wollen. Wir brauchen einfach mehr Zeit.« So dauere es allein fünf Jahre, nur um die Genehmigung dafür zu bekommen, den am Horizont erkennbaren Windpark mit 160 Meter hohen Windrädern auf 250 Meter große Anlagen aufzurüsten. Der künftig knapp 2000 Hektar große Ostsee soll mit einer schwimmenden Solaranlage von 16 Hektar versehen werden.

Hier ist der Wechsel von fossilen Brennstoffen zu erneuerbaren Energien augenfällig. Nicht so einfach ist das bei anderen Projekten, die aber auch neue Perspektiven eröffnen sollen und deshalb eventuell auf Strukturhilfen des Bundes für die Kohleregionen hoffen dürfen. Etwa die Idee, dass eine Außenstelle des Bundesarchivs im alten Cottbuser Gefängnis unterkommt und dort Stasi-Akten gelagert und für die Bildungsarbeit verwendet werden. Bislang ist auf dem Areal der Verein Menschenrechtszentrum mit einer Ausstellung zur Geschichte des Ortes präsent. Der Vereinsvorsitzende und ehemalige Landtagsvizepräsident Dieter Dombrowski (CDU) gehörte in den 1970er Jahren nach einer gescheiterten Republikflucht zu den politischen Häftlingen. Es kommt ihm aber weniger darauf an, den Grünen seine alte Zelle zu zeigen, als vielmehr unbedingt den Ausstellungsteil zur Nazizeit und hier die Vitrine zu Traute Lafrenz-Page. Das ist eine inzwischen 103 Jahre alte Überlebende der Widerstandsgruppe »Weiße Rose« von Hans und Sophie Scholl.

Auch auf die Kommunistin Greta Kuckhoff, die 1944 und 1945 in Cottbus inhaftiert war, macht Dombrowski aufmerksam – ganz egal, dass Kuckhoff dann in der DDR Präsidentin der Notenbank war und eine andere politische Linie vertrat als Dombrowski das tut. Er betont: »Politisch sind wir offen. Nur mit der AfD wollen wir nichts zu tun haben.«

Wenn Christina Grätz mit der Braunkohleindustrie nichts zu tun haben wollte, so wäre das nur verständlich. »Ich wurde weggesiedelt, in der Pubertät. Das hat mich sehr bewegt«, erzählt sie. Es war hart, das Heimatdorf wegen der anrückenden Bagger verlassen zu müssen. »Der Schmerz ist immer noch da. Der wird nie ganz weggehen.« Doch 2011 startete Grätz mit ihrer Firma Nagola Re mit der Anzucht von Wildpflanzen, deren Samen für die Rekultivierung der Tagebaue benötigt werden. Die Lausitzer Energie AG ist Kundin. Das Geschäft lief so gut an, dass Grätz bereits im ersten Jahr fünf Mitarbeiter einstellen konnte und musste. Inzwischen zählt Nagola Re 28 Beschäftigte und gewinnt nicht mehr nur die Samen, sondern verwertet auch die Kräuter.

Die Grünen können bei einem Zwischenstopp ihrer Bustour durch Cottbus und Umgebung probieren. Sie bekommen Schnittchen mit Kräutern serviert. Über die Wiesen, die mit den Samen der Firma entstanden, sagt Grätz: »Da sind mein ganzer Schmerz und meine ganze Liebe reingeflossen.« Die Biologin betont: »Alles was wir machen, hat ausnahmslos mit Naturschutz zu tun. Aufträge, bei denen es nur darum geht, den Schein zu wahren, nehmen wir nicht an.«

4,5 Milliarden Euro Strukturmittel von insgesamt sechs Milliarden seien bereits verplant, rechnet Oliver Huschga von der Industrie- und Handelskammer vor. Er kommt den Grünen aber nicht nur mit Zahlen, er wird auch emotional: »Ich bin ein Lausitzer Junge. Mir ist wichtig, dass es hier weitergeht.«

Dass die Bevölkerung den Strukturwandel meist sorgenvoll als Umbruch und nicht als Chance begreift, wird den Grünen bei ihrer Bustour auch von Parteifreunden deutlich gemacht. Die negative Erwartung erkläre sich aus den schlechten Erfahrungen nach der Wende, als es nicht nur in den Tagebauen und Kraftwerken Massenentlassungen gab, sondern auch noch die hiesige Textilbranche zusammenbrach. Cottbus, das zu seinen besten Zeiten in der DDR 127 000 Einwohner zählte, hat heute trotz erfolgter Eingemeindungen nur noch 98 000.

Die Fraktion beschließt am Nachmittag ein Positionspapier, wonach der Strukturwandel unabdingbar und in vollem Gange sei. »In einer solchen Umbruchphase sind klare und realistische Perspektiven umso wichtiger«, heißt es. Die Grünen malen sich für die Lausitz eine Zukunft mit Leben und Kultur, Innovation, Arbeit und Wissenschaft aus. Sie laden zum Gespräch darüber ein.

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