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Das Theatralische wird gestrichen

Plattenbau. Die CD der Woche: »Covers« von Cat Power

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 3 Min.
Es gibt gute Coverversionen, wirklich: Cat Power
Es gibt gute Coverversionen, wirklich: Cat Power

Coversionen von Songs, die man in- und auswendig kennt und liebt, können etwas sehr Schönes sein. Man hört das Vertraute, aber, bestenfalls, durch die Verschiebung noch einmal neu und anders. Das Abgenudelte kann wieder anfangen zu schimmern, und wenn der Versuch schiefgeht, hört man, was in der Neuinterpretation fehlt und wird so daran erinnert, was das Original eigentlich für einen ausmacht.

Chan Marshall hat unter dem Namen Cat Power bislang zwei Alben und eine EP mit Neueinspielungen der Songs anderer Musikerinnen aufgenommen. Auf »The Covers Record« (2000) und »Jukebox« (2008) folgt jetzt »Covers«: Eine sehr schöne Platte. Die Stücke werden nicht dekonstruiert oder gegen den Strich gebürstet (obwohl die auf »The Covers Records« nachzuhörende Idee, bei »Satisfaction« von den Rolling Stones die ikonischen Refrain-Zeilen einfach mal wegzulassen, schon auch lustig war). Aber Hommagen sind es auch nicht, was Marshall hier spielt.

Sehr gut kann man das an den Stücken auf »Covers« nachhören, die Klassikerstatus haben. Ein eigentlich zu Tode gecoverter, aber eben auch perfekter Song wie Jackson Brownes »These Days« verwandelt sich hier in etwas, das klingt wie heute morgen komponiert. Marshall nimmt die Rezeptionsgeschichte auf und schließt an Nicos Version an, die 1967 aus Brownes Pop-Folk auf ihrem Album »Chelsea Girl« getragene Düstermusik gemacht hatte. Cat Power verlangsamt Nicos Version und nimmt die Streicher raus. Das Theatralische wird gestrichen, und der Song erstrahlt neu in aller Klarheit.

Bei jüngeren Stücken ist die Verwandlung umfassender. Sehr anders klingt Frank Oceans »Bad Religion«: Ursprünglich eine fette Neosoul-R&B-Ballade, ist der Song hier in ein weltabgewandtes Stück Indiepop transformiert worden, das die Atmosphäre des Originals so gleichsam in ein anderes Genre überführt. Bei »I Had a Dream Joe« vom selten erwähnten, aber besten Nick-Cave-Album »Henry’s Dream« wird in ähnlicher Weise der Gospel rausgenommen. Übrig bleibt spartanischer Gothic-Folk.

Mit »Unhate« hat Marshall dann auch noch ein eigenes Stück neu arrangiert, »Hate«, vom Album »The Greatest«. Was 2006 noch eine Skizze aus einer besonders simplen Klaviermelodie und zurückgehaltenem Gesang war, wird jetzt zu einem durchkomponierten Popsong, der an die frühen Sachen von Lana del Rey erinnert (deren Stück »White Mustang« auf »Covers« ebenfalls interpretiert wird).

Chan Marshall hat auf den drei Cat-Power-Cover-Alben eine Herangehensweise an die Musik anderer Künstler*innen entwickelt, die die ursprünglichen Stücke erhält und sie zugleich umbaut. Cat Power hat die Kunst, Musik behutsam neu zu arrangieren, dass sie erhalten bleibt und trotzdem neu klingt, perfektioniert - »perfektioniert« im Sinne auch von »sie wie beiläufig entstanden klingen lassen«. Das jeweilige Lied wird als Material für eine Anverwandlung verwendet, die den Eigensinn dessen, der an und mit ihm arbeitet, erhält.

Cat Power: »Covers« (Domino)

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