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Bildungsbürger denken quer

Studie: Corona-Skeptiker-Milieu im Südwesten links-grün dominiert

  • Von Dirk Farke
  • Lesedauer: 3 Min.
Impfgegner demonstrieren auf dem Wiener Ballhausplatz, nach einem Corona-Krisengipfel der österreichischen Regierung
Impfgegner demonstrieren auf dem Wiener Ballhausplatz, nach einem Corona-Krisengipfel der österreichischen Regierung

Soziologen sehen die Wurzeln der »Querdenken«-Bewegung in Baden-Württemberg vorwiegend im linksalternativen Milieu. Demnach ticken Corona-Skeptiker im Südwesten ganz anders als im Osten der Republik, wo der Anteil von AfD-Wählern in der Bewegung viel höher ist als in Westdeutschland. Das ist das Ergebnis einer Studie, die am Montag in Stuttgart veröffentlicht wurde. Demzufolge gibt es im Südwesten doppelt so viele ehemalige Grünen- und Linke-Wähler unter den Protestlern wie im Osten. Zugleich trügen die Proteste im Südwesten viel stärker esoterische Züge.

Für die von Wissenschaftlern der Universität Basel im Auftrag der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung erstellte Studie wurden die Verbindungen der »Querdenker« in ihrem Ursprungsland Baden-Württemberg zu früheren Protestbewegungen und die Rolle bestimmter soziokultureller Milieus bei ihrer Entstehung untersucht.

Und welches soziale Umfeld dominiert im Südwesten die Corona-Demonstrationen? Der Sozialwissenschaftler Oliver Nachtwey erläuterte, sein Team habe 1150 Mitglieder von Gruppen des Messengerdienstes Telegram zum Ausfüllen eines Fragebogens bewegen können. Außerdem habe man Demonstrationen beobachtet und Anhänger der Bewegung länger interviewt. Zu den gewonnenen Erkenntnissen gehört jene, dass das Alternativ- und das anthroposophische Milieu »gemeinsam die Quellen von Querdenkern im Südwesten« seien. Beide Sphären wiesen Gemeinsamkeiten wie Selbstbestimmung und Naturverbundenheit auf. Geteilte Bezugspunkte, die zur Teilnahme an den Demonstrationen motivierten, seien auch die Themen Gesundheit, Körper und Impfungen. Der Altersdurchschnitt der Befragten liege bei 47 Jahren. Es handle sich vorrangig Vertreter des Bildungsbürgertums, die in Vollzeit beschäftigt und zum Teil promoviert seien.

Einen direkten Weg vom linksalternativen Milieu zum »Querdenkertum« sehen die Forscher nicht. Es handle sich wohl um eine mittelfristige »Transformation«, nach der von linken Politikformen und Werten wie Solidarität und Gleichheit nichts mehr übrig sei, meinte Nachtwey. 30 Prozent der Befragten hätten angegeben, bei der Bundestagswahl 2017 noch die Grünen gewählt zu haben. Bei der Entstehung dieser Partei Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre hätten anthroposophische und linksalternative Einflüsse eine nicht unbedeutende Rolle gespielt, sagte der Wissenschaftler. Die Linke sähen Querdenker auch als Teil des Establishments, sie sei für sie deshalb nicht mehr wählbar. Viele von ihnen hätten im September nicht an der Wahl teilgenommen, andere experimentierten mit Kleinparteien wie Die Basis oder wählten AfD.

Nachtwey räumte ein, bei der Umfrage habe man »eher Vernünftige« erreicht und keine harten Verschwörungstheoretiker und Reichsbürger. Es handle sich nicht um eine repräsentative Befragung.

Nach den Worten der Soziologin Nadine Frei stellen sich »Querdenker« oft als kritische Experten und heroische Widerstandskämpfer dar. Sie verstünden sich als wahre Verteidiger von Demokratie und Freiheit und als Teil eines »Kerns der Eingeweihten«. Als solche glaubten sie, die wirklichen Gründe der staatlichen Maßnahmen zu kennen.

Zwischen christlich-evangelikalem und Querdenkermilieu sehen die Forscher nur eine schwache Verbindung – und eine noch geringere zu Aktiven der Protestbewegung gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21.

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