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Weder Pferd noch Kuh

Gefährlicher Corona-Hype um ein Entwurmungsmittel für Tiere - Ivermectin kann für Menschen hochgiftig sein

  • Von Sebastian Fischer
  • Lesedauer: 4 Min.
Auch in Bolivien glauben Menschen, das Ivermectin eine gute Covid-19-Prophylaxe sein könnte.
Auch in Bolivien glauben Menschen, das Ivermectin eine gute Covid-19-Prophylaxe sein könnte.

»Sie sind kein Pferd. Sie sind keine Kuh«, twitterte im Spätsommer die US-Arzneimittelbehörde FDA. »Im Ernst, Leute, hört auf damit.« Was war passiert? Seinerzeit wuchs das Interesse an einem Arzneistoff namens Ivermectin zur Covid-19-Behandlung beim Menschen.

Der Hype hält in bestimmten Foren und Kanälen bis heute an. Genutzt wird das Mittel regulär zur Bekämpfung von Würmern bei Tieren. Zudem wird es in geringeren Dosen beim Menschen etwa bei bestimmten Krankheiten, vor allem gegen Parasitenbefall, eingesetzt - unter anderem gegen bestimmte Fadenwürmer und Krätzemilben. Gegen Covid-19 ist das Medikament weder zugelassen, noch sehen Experten eindeutige Effekte gegen Covid-19. Bei falscher Dosierung kann Ivermectin hochgiftig sein.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) kennt bisher keinen Hinweis auf eine Wirksamkeit von Ivermectin gegen Covid-19 in Bezug auf die Notwendigkeit künstlicher Sauerstoffzufuhr oder die Sterblichkeit nach einer Corona-Infektion. Dazu verweist die Behörde auf eine übergreifende Analyse von 14 klinischen Studien vom Juli 2021. Insgesamt sprächen die verfügbaren zuverlässigen Erkenntnisse nicht für die Verwendung zur Covid-19-Behandlung oder -Vorbeugung außerhalb gut konzipierter Studien.

Genauso empfiehlt die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) eine Ivermectin-Anwendung nur im Rahmen klinischer Untersuchungen. Sie schrieb im März über uneinheitliche Studienergebnisse: Einige hätten keinen Nutzen gezeigt, andere einen möglichen. »Die meisten von der EMA geprüften Studien waren klein und wiesen zusätzliche Einschränkungen auf, darunter unterschiedliche Dosierungen und die Verwendung von Begleitmedikamenten«, begründete die EU-Behörde ihre Entscheidung.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hält ihre Einschätzung vom März weiter aufrecht, wonach die Beweise für Auswirkungen von Ivermectin auf Sterblichkeit, künstliche Beatmung, Hospitalisierung, Dauer des Klinikaufenthalts und Virusbeseitigung »unsicher« seien. Dafür wurden 16 Studien mit insgesamt 2400 Teilnehmern untersucht.

Bei Tieren wird Ivermectin in Form von Injektionen oder Pasten zur Behandlung von Parasitenbefall verwendet. Hoch konzentrierte Dosen für große und schwere Lebewesen wie Kühe oder Pferde unterscheiden sich stark von denen, die für Menschen gedacht sind. Für diese sind in ganz bestimmten Dosierungen Ivermectin-Tabletten zur Behandlung einiger parasitärer Würmer oder Hautkrankheiten wie Rosazea zugelassen.

Nach Angaben auf dem Beipackzettel kann die Verwendung des Medikaments zu Lebererkrankungen, Blut im Urin, Übelkeit, Erbrechen, Zittern, Atembeschwerden, Hodenschmerzen, Gleichgewichtsstörungen oder Krampfanfällen führen. Bei Überdosierung drohen Koma oder Tod, schreiben die Experten der FDA.

Zu dem Hype kam es dadurch, dass Impfgegner in dem Medikament schon länger ein Wundermittel in der Pandemie sehen. In Österreich, wo etwa Politiker der rechtspopulistischen FPÖ immer wieder Ivermectin anpreisen, wurde zeitweise von einem Run auf Apotheken berichtet. Ende August wies die US-Gesundheitsbehörde CDC auf immer mehr Anrufe bei Giftnotrufzentralen nach der Einnahme von Ivermectin hin. Die Zahl der Verschreibungen in US-Einzelhandelsapotheken sei von im Schnitt 3900 pro Woche vor Beginn der Pandemie auf knapp 90 000 Mitte August angestiegen.

Angefeuert wird der Hype vor allem von unseriösen Seiten im Internet, die zuweilen auf vermeintlich vielversprechende Studienergebnisse im Zusammenhang mit Ivermectin verweisen. Vor allem positive Ergebnisse kleinerer Studien veranlassen Lobbygruppen dazu, den Einsatz als Covid-Medikament zu fordern. Es stimmt, dass es einzelne Erhebungen gibt, die einen angeblichen Nutzen zeigen. Dabei muss man die einzelnen Untersuchungen aber genauer betrachten.

Im Juni hieß es zum Beispiel von der Universität Oxford, Ivermectin habe in kleinen Laborstudien vielversprechende Ergebnisse erzielt. Eine frühe Verabreichung reduziere die Viruslast und die Dauer der Symptome bei einigen Patienten mit leichter Erkrankung, so die damalige Annahme. Doch seinerzeit wurde bereits eingeschränkt: Da es nur wenige Belege aus kontrollierten Studien gebe, solle Ivermectin in eine groß angelegte Erhebung einbezogen werden, um Aussagekraft zu erhalten. Soll heißen: Beweiskraft eher überschaubar.

Bereits im April 2020 wiesen die Autoren einer australischen Laborstudie darauf hin, dass Ivermectin in Zellkulturen die Sars-CoV-2-Vermehrung hemmen könnte. Forscher etwa der Donau-Universität im österreichischen Krems ordneten die Ergebnisse ein: »Die dabei verwendete Dosis lag jedoch weit über jener, die für Menschen als unbedenklich gilt.« dpa/nd

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