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»Ein Tier zu halten gilt als Luxus«

Es gibt viele Gründe, warum Menschen sich ihr Tier nicht mehr leisten können. Ein Besuch bei der Berliner Tiertafel

  • Von Lisa Ecke
  • Lesedauer: 8 Min.
Linda Hüttmann beim Futtersortieren in der Berliner Tiertafel.
Linda Hüttmann beim Futtersortieren in der Berliner Tiertafel.

»Die Ersten stehen ab neun Uhr da«, Lydia Ecke zeigt auf die Menschenmenge vor dem Eingang der Berliner Tiertafel. »Die meisten haben vermutlich keine Lust, später sonst noch länger zu warten, oder Angst, dass es dann nichts mehr gibt,« erklärt die ehrenamtliche Helferin. »Wobei hier noch niemand leer ausgegangen ist.« Die Ausgabe startet erst ab elf Uhr.

Das zweistöckige Gebäude, in dem die Tiertafel sich eingerichtet hat, fällt inmitten der Hochaussiedlung in Berlin Neu-Hohenschönhausen sofort auf. Im Nebenraum der Futterausgabe ist immer auch eine Tierärztin in einem Behandlungszimmer vor Ort. Gerade Medikamente für chronisch kranke Tiere können sich jene, die hierherkommen, nicht leisten. Und davon gibt es viele.

Im Vorratsraum stapelt sich auf den Regalen teures Spezialfutter, das vom Tierarzt verordnet wird. Nierenfutter für Katzen, Allergiefutter oder welches für Hunde mit Gelenkproblemen. Circa dreieinhalb bis vier Tonnen Futter werden hier jeden Monat an Menschen in Armut verteilt.

Kirsa steht an diesem kalten Samstag in der Schlange vor dem Eingang der Tiertafel. Sie sagt, ihr Nachname solle nicht in der Zeitung stehen. Aus gesundheitlichen Gründen konnte sie im Sommer 2020 nicht mehr in ihrem Job arbeiten. Geplant war eine Umschulung, doch dann sei ihre Mama gestorben. Jetzt habe sie mit Depressionen zu kämpfen. »Das Leben nimmt manchmal eine andere Wendung, als gedacht.« Das Geld wurde so knapp, dass sie ihren Hund nicht mehr versorgen konnte. Sie sagt, von der Tiertafel habe sie bei einer Reha gehört. »Als ich das erste Mal bei der Tiertafel war, bin ich heulend vor Freude weggegangen«, erzählt die 49-Jährige. »Ich hätte nicht gedacht, dass ich gleich zehn Kilo Allergiefutter mitbekomme in dieser sonst so kalten Welt.« Seitdem fährt sie regelmäßig extra aus Potsdam hierher, mit dem Monatsticket einer Freundin.

»Ich habe einen relativ sicheren Job, aber auch mir kann es passieren, dass ich krank werde. Dann muss ich sehen, wie ich meine Tiere bezahle«, erklärt Lydia Ecke. »Dabei sind ja nicht mal alle arbeitslos«, fügt sie hinzu. Immer wieder wird deutlich, wie wichtig dies sowohl den ehrenamtlichen Helfern wie auch den Menschen draußen in der Schlange ist.

Schriftzug vor dem Eingang der Berliner Tiertafel.
Schriftzug vor dem Eingang der Berliner Tiertafel.

Es scheint so, als wolle jeder hier einer möglichen Stigmatisierung zuvorkommen. Und die Sorge, dass man ihnen mit Vorhaltungen und Anfeindungen begegnet, ist nicht unbegründet. Dass manche wütend auf die Tiertafel sind, auf die vermeintlich Faulen, die sich trotz Armut noch ein Tier halten, wird schon am Eingang deutlich. Dort steht mit schwarzer Schrift auf der Backsteinwand: »Bevor man sich ein Tier anschafft, sollte man sich selber ernähren können! Ihr Pfeifen.«

»Wir wollen nicht jedem mit wenig Geld die Tierhaltung ermöglichen. Wir wollen verhindern, dass Familien, die plötzlich weniger Geld haben, ihr Tier abgeben müssen«, macht auch die Vereinsvorsitzende Linda Hüttmann deutlich. »Jeder, der mal ein Tier hatte, weiß, dass man das nicht einfach abgeben kann. Das ist ein Familienmitglied.« Besonders für Rentner und arbeitslos gewordene Alleinstehende sei das Tier manchmal der letzte noch verbleibende soziale Kontakt.

Wie wichtig ein Haustier sein kann, wird immer wieder auch in verschiedenen Studien deutlich. So ergab etwa eine im Frühjahr 2020 durchgeführte Untersuchung, dass die Haustierhaltung während der Coronakrise mit psychischer Gesundheit und mit der Reduzierung von Einsamkeit einhergeht.

»Ein Tier zu haben gilt als Luxus. Daher ist in den Hartz-IV-Regelsätzen nichts dafür vorgesehen«, so Linda Hüttmann. Dabei ist ein Haustier nichts Besonderes, sondern gehörte im Jahr 2020 laut einer repräsentativen Erhebung in fast jedem zweiten Haushalt zum Alltag. »Es gibt aber nicht in jeder Stadt eine Tiertafel. Es kann daher sein, dass Menschen, die erwerbslos werden, ihr geliebtes Haustier abgeben müssen«, erklärt Linda Hüttmann.

Auch der Paritätische Wohlfahrtsverband kritisiert, dass Haustiere nicht als regelsatzrelevant anerkannt sind. »Das ist nicht nachvollziehbar«, sagt Andreas Aust, Referent für Sozialpolitik beim Paritätischen. »Sicher, für das physische Überleben ist ein Haustier nicht notwendig, wohl aber für das seelische Aushalten einer finanziell und sozial prekären Lebenslage«, erläutert Aust. »Soll das Tier abgeschafft, womöglich beim Tierarzt eingeschläfert werden, weil der Mensch von Hartz IV leben muss?«

Ein paar Monate lang musste die Tiertafel Berlin aus Infektionsschutzgründen schließen. Seit Mai ist sie zwar wieder geöffnet, dennoch kommen aktuell zu jeder Ausgabe nur etwa 140 bis 160 Personen; vor der Pandemie waren es rund 100 mehr. Aber die Menschen haben meist nicht nur ein Haustier. Versorgt werden circa 150 Hunde, noch einmal so viele Katzen, dazu einige Nagetiere und Vögel. Während in dem Gebäude ehrenamtliche Helfer hin- und herwuseln, Futter vom Lager nach vorne zur Vergabestelle tragen, ist auch draußen viel los.

Circa 30 Menschen stehen in der Schlange vor der Tür und warten, bis sie dran sind. Manche treten hin und her, um sich warmzuhalten an diesem ungemütlichen Novembertag. Andere sitzen auf mitgebrachten Klappstühlen. Eine ältere Frau erzählt, sie komme schon seit sechs oder sieben Jahren zur Tiertafel. Ihre kleine Rente reiche nicht aus, um den Hund selber zu finanzieren. Was sie ohne die Futterspenden machen würde? »Dann esse ich lieber selbst nichts.« Der Hund geht vor. Auch jetzt sitzt der kleine wuschelige Vierbeiner auf dem Rollator, eingehüllt in eine Decke, während sie sich auf den Griff der Gehhilfe stützt. Vor allem die Herztabletten für den Hund könne sie sich ohne die Tiertafel gar nicht leisten, hier brauche sie nur 50 Prozent der Kosten zu zahlen.

Linda Hüttmann, Vorsitzende der Berliner Tiertafel, übergibt einer Besucherin Futter für ihren Hund.
Linda Hüttmann, Vorsitzende der Berliner Tiertafel, übergibt einer Besucherin Futter für ihren Hund.

»Wir hören ganz oft von Leuten, dass sie lieber bei sich selbst sparen, damit das Tier ausreichend versorgt ist. Da wird dann weniger gegessen oder auf orthopädischen Bedarf verzichtet«, stellt Linda Hüttmann fest. Der klassische Fall sei, jemand geht in Rente, bekommt noch ergänzend Grundsicherung und kann sich sein Tier dann nicht mehr leisten. »Es kann doch nicht sein, dass ein Rentner Pfandflaschen sammeln muss, um nicht zu hungern«, regt Linda Hüttmann sich auf. Sie beobachte eine stete Zunahme der Zahl der Tiertafel-Nutzer. »Leider ist es so: Wer einmal hilfebedürftig ist und mit seinem Tier zu uns kommt, der bleibt in der Regel für immer hilfebedürftig. Weg bleiben die Leute meist erst, wenn das Tier verstirbt.« Vor allem jetzt in der Pandemie seien viele neu dazugekommen. Betroffene von Kurzarbeit oder Kündigung.

Kirsa ist inzwischen einige Meter in der Schlange vorgerückt, kurz vor die Eingangstür. Für den Schriftzug an der Backsteinwand zeigt sie Verständnis, fühlt sich aber keinesfalls angesprochen. »Ein Tier ist ein Lebewesen, natürlich sollte man sich das vor der Anschaffung gut überlegen.« Ihr ist wichtig, nicht alle über einen Kamm zu scheren. »Hier kommen alle möglichen Menschen her, von gut angezogen bis total verlebt«, spielt sie auf die einige Meter weiter hinten in der Schlange stehenden Männer an, deren Gesichter vom Alkohol gezeichnet sind. Einer zerrt gerade seinen Hund grob von einem anderen weg. Aber macht es einen Unterschied, warum jemand so arm ist, dass nur der Weg zur Tiertafel bleibt? So habe sie das nicht gemeint, stellt sie klar und überlegt eine Weile. »Ein Tier kann auch helfen, gerade bei psychischen Krankheiten. Man sieht den Menschen teilweise an, dass sie große Probleme haben«, so Kirsa. »Eigentlich bräuchte es hier auch Sozialarbeiter oder Psychologen. Aber dafür ist ja kein Geld da, man guckt lieber weg«, bedauert sie.

Auch bei der Berliner Tiertafel selbst ist das Geld knapp. Sie finanziert sich aus Spenden, Stiftungsgeldern und aus dem Etat der Berliner Tierschutzbeauftragten. Hat der Verein für die Jahre 2020 und 2021 noch jeweils rund 45 000 Euro erhalten, wird die Förderung im kommenden Jahr auf 12 000 Euro gekürzt. »Und auch das ist nur eine Projektfinanzierung, die irgendwann ganz endet«, erklärt Linda Hüttmann.

Kathrin Herrmann, die Tierschutzbeauftragte von Berlin, schrieb Anfang November in einer Stellungnahme an den Senat, die institutionelle Förderung der Tiertafel sei einer der fünf unaufschiebbaren tierschutzpolitischen Schwerpunkte für den neuen Koalitionsvertrag. Sie biete »Tierhaltenden in finanzieller Not eine geregelte Anlaufstelle für die Versorgung ihrer Haustiere, auch im Sinne eines regelmäßigen Sozialkontaktes, der Verschlechterungen individueller Schicksale bemerken und aufzeigen kann, sowie eine nicht zu unterschätzende gesundheitsrelevante Komponente für die Tiere«, schreibt Herrmann.

»Wir sehen uns nicht nur im Bereich Tierschutz. Diese Hilfe ist für den Menschen. Wenn jemand einsam ist, ist das Haustier der Lebensmittelpunkt. Für alle, die plötzlich Sozialhilfe beziehen müssen, steht außer Frage, ihr geliebtes Tier abzugeben«, macht Linda Hüttmann deutlich. Tierschutz sei ja schön und gut, Hunde und Katzen seien süß, aber bei vielen, gerade in der Politik, sei noch nicht angekommen: »Hier geht es ganz viel um die Menschen.«

Wie unterschiedlich die Gründe für die Nutzung der Tiertafel sind, wird bei einer jungen Frau deutlich, die ganz hinten in der Schlange steht. Sie möchte nicht einmal ihren Vornamen in der Zeitung lesen. Zu groß wohl ihre Sorge vor Stigmatisierung. Lieber als von sich spricht sie von ihrem Kater Mortimer. »Ich will keine Aufmerksamkeit«, erklärt die 20-Jährige. »Ich bin auch nicht häufig hier, weil andere Menschen noch weniger Geld haben als ich«, hat sie das Bedürfnis, sich zu rechtfertigen. Gerade versucht sie ihren Kater vor dem einsetzenden Regen und der Kälte zwischen Körper und Jacke zu schützen. Doch der Reißverschluss geht nun nicht mehr zu. Heute will sie vor allem zur Tierärztin. Das erste Mal war sie 2019 hier, kurz nachdem ihr in der Probezeit gekündigt worden war. »So was passiert halt einfach.« Aktuell macht sie zwar erneut eine Ausbildung, aber das Ausbildungsgehalt im Einzelhandel, etwas mehr als 600 Euro, reiche kaum zum Leben.

Rund drei Stunden steht Kirsa an diesem Samstag an, bis sie endlich reindarf. Als sie nach einiger Zeit wieder herauskommt, hat sie Medikamente und Leckerchen dabei. Mit der langen Anfahrt aus Potsdam sei der Besuch der Tiertafel tagesfüllend. »Der Samstag ist dann immer im Arsch, wenn man hier stundenlang steht«, stellt sie erschöpft fest. Zufrieden ist sie trotzdem: »Das ermöglicht uns allen hier einen kleinen finanziellen Puffer. Mir hilft es sehr.«

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