Werbung

Airport nur mit Alkohol auszuhalten

Wirtschaftsprüfer stellen fest: An einer Teilentschuldung des Flughafens BER mit öffentlichen Mitteln führt kaum ein Weg vorbei

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 5 Min.
Das Personal am Flughafen BER wird im Schnitt schlechter bezahlt als an anderen Flughäfen, die ebenfalls die Bodendienste ausgegliedert haben.
Das Personal am Flughafen BER wird im Schnitt schlechter bezahlt als an anderen Flughäfen, die ebenfalls die Bodendienste ausgegliedert haben.

Das war hier heute meine letzte Sitzung, zu der ich meine Wasserflasche mitbringe», erklärt der Landtagsabgeordnete Matthias Stefke (Freie Wähler) entnervt. «Das nächste Mal habe ich Wodka dabei. Anders ist das hier nicht auszuhalten.»

Hier - das ist der Unterausschuss des Finanzausschusses des Brandenburger Landtages. In ihm werden die Angelegenheiten der Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg (FBB) behandelt. Kurz gesagt also die Geldsorgen am neuen Hauptstadtairport BER. Für weitere Schwierigkeiten ist dann auch der Infrastrukturausschuss zuständig. So gibt es regelmäßig Hudelei mit der Abgrenzung. Schließlich müssen die so kurz nach der Eröffnung des Airports Ende Oktober 2020 schon wieder notwendigen Reparaturen ja auch irgendwie bezahlt werden.

Was jedoch am späten Donnerstagnachmittag auf der Tagesordnung steht, gehört eindeutig ins Finanzressort: Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Warth & Klein hat den Businessplan der FBB unter die Lupe genommen. Kernpunkte aus dem am 7. Dezember fertiggestellten Gutachten tragen die online zugeschalteten Mitarbeiter Marc Oswald und Martin Jonas dem Ausschuss nun vor. Der Abgeordnete Stefke ist mit der Präsentation alles andere als zufrieden. «Ich fühle mich hier ein bisschen verhohnepipelt», sagt er. Mit Zahlen bombardiert zu werden, ohne das Gutachten vorher lesen zu können - da sei es nur schwer zu verstehen.

Eines ist aber klar: Die FBB fordert von ihren Eigentümern, dem Bund sowie den Ländern Berlin und Brandenburg, 2,4 Milliarden Euro frisches Geld. Ist das in dieser Höhe berechtigt, oder könnte irgendwo gespart beziehungsweise mehr eingenommen werden? Die Wirtschaftsprüfer verglichen den BER mit zwölf anderen Flughäfen, etwa denen in München, Frankfurt am Main, Kopenhagen, Rom und Zürich. Dabei kam heraus, dass vergleichbare Airports statistisch 54 Mitarbeiter benötigen, um eine Million Passagiere abzufertigen. Der BER will dafür mit 42 Leuten auskommen. Auch deshalb bildeten sich lange Schlangen vor der Abfertigung zu Beginn der Herbstferien. Das Personal erhält im Schnitt niedrigere Löhne als an anderen Airports. Dabei liegen die von den Fluggesellschaften am BER zu entrichtenden Entgelte um 44 Prozent über denen an den alten Berliner Airports Tegel und Schönefeld.

In Tegel und Schönefeld wurden im Jahr 2019 stolze 36 Millionen Passagiere abgefertigt. Im Coronajahr 2020 waren es nur 9,1 Millionen. Für das laufende Jahr rechnete die Flughafengesellschaft mit 10,9 Millionen. Das Ziel schien vom Sommer bis in den Oktober hinein in greifbarer Nähe zu liegen. In dieser Zeit seien immerhin 50 Prozent der Vergleichszahlen des Jahres 2019 erreicht worden, erläutert Flughafenchefin Aletta von Massenbach im Landtag. Im November gingen die Zahlen mit der vierten Corona-Welle runter. Was der Dezember bringt, ist unsicher. Jedenfalls sanken die Passagierzahlen Anfang des Monats von Tag zu Tag um zehn Prozent. Flüge wurden noch nicht gestrichen. Aber bei sinkender Auslastung ist dies nur eine Frage der Zeit. Vielleicht werde das Jahr mit 9,4 bis 9,7 Millionen Passagieren abgeschlossen, schätzt von Massenbach.

Trotz der neuerlichen Einbrüche sind seit 1. Dezember nun erstmals beide Startbahnen in Betrieb. Wegen der geringen Auslastung starteten und landeten die Maschinen bis dahin im monatlichen Wechsel immer nur von der Nord- oder von der Südbahn. Aletta von Massenbach ist nun froh, beide Bahnen zur Verfügung zu haben. Nicht wegen des Passagieraufkommens, das wäre wie bisher zu bewältigen gewesen, sondern wegen der Witterung. Es schneit - und da kann jeweils eine Bahn geräumt werden, während der Flugverkehr gerade über die andere rollt.

Trotz aller Sparmaßnahmen, zu denen die FBB von ihren Eigentümern angehalten ist, werden Stellen ausgeschrieben und besetzt. Auch sollen endlich die Laufbänder in Ordnung gebracht werden, auf denen Fluggäste mit ihrem schweren Gepäck Strecken im Terminal zurücklegen könnten, wenn die Laufbänder denn funktionieren würden. Der Aufsichtsrat hat gerade grünes Licht für die Ertüchtigung gegeben, berichtet dessen Vorsitzender Jörg Simon.

Als die Laufbänder 2011 und 2012 eingebaut wurden, funktionierten sie noch. Der TÜV nahm sie ab. Bevor der Aiport im Herbst 2020 nach langer Verzögerung eröffnet wurde, sind die Laufbänder ein weiteres Mal überprüft worden. Sie funktionierten immer noch. Doch den Normalbetrieb unter Volllast hielten sie nicht aus. Nun müssen sie instand gesetzt werden. Die Garantie ist abgelaufen. Die FBB muss das selbst bezahlen.

Den Einbruch bei den Passagierzahlen führen die Wirtschaftsprüfer nicht allein auf die Corona-Pandemie zurück. Sie sehen auch ein gewachsenes ökologisches Bewusstsein, auf Flugreisen zu verzichten, und den Trend, dass Geschäftsleute Absprachen in Videokonferenzen treffen, statt um die Welt zu düsen. Eingedenk dessen beziffern die Prüfer den Corona geschuldeten Finanzbedarf des BER für die Jahre 2020 und 2021 auf 507 Millionen Euro. Für 2022 und 2023 prognostizieren sie 423 Millionen.

Durchgerechnet haben sie auch, auf welche Weise der BER in die ersehnte Gewinnzone gelangen könnte. Wenn das Fremdkapital von Flughäfen eine Quote von 40 Prozent überschreite, werden sie durch die hohe Schuldenlast unwirtschaftlich, erläutert Prüfer Martin Jonas. Für den Bund, Berlin und Brandenburg sei die ins Auge gefasste Teilentschuldung des BER unterm Strich günstiger, als für neue Kredite zu bürgen.

Ob in der Geschäftsführung überlegt wurde, auf Sonderzahlungen zu verzichten, möchte die Abgeordnete Marlen Block (Linke) wissen. Doch Flughafenchefin von Massenbach tut sich angesichts der erforderlichen Summen «ein bisschen schwer», mit ihrem Gehalt einen Beitrag zu leisten. Wenigstens fällt der Verlust der FBB dieses Jahr voraussichtlich 50 Millionen Euro geringer aus als befürchtet. Aber das ist gewissermaßen ein Tropfen Wodka auf den heißen Stein.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung