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  • Auflösung der Sowjetunion

Schmerzhafte Auflösung

Das Ende der Sowjetunion kam unerwartet, doch zeichnete sich der Kollaps schon seit den 80er Jahren ab

  • Von Karl-Heinz Gräfe
  • Lesedauer: 6 Min.

Die Welt staunte nicht schlecht, auch wenn viele vor drei Jahrzehnten die ganze Tragweite der Ereignisse wie auch den Hintergrund der Fernsehansprache des Präsidenten der UdSSR, Michail Gorbatschow, an jenem 25. Dezember 1991 nicht voll zu erfassen mochten. Nach einem neunstündigen Gespräch mit seinem politischen Rivalen Boris Jelzin wandte er sich um 19 Uhr im Staatsfernsehen an das sowjetische Volk, um sich zu verabschieden.

Gorbatschow, 1985 angetreten als - im Gegensatz zu seinen Vorgängern - junger, enthusiasmierter Generalsekretär der KPdSU, der mitgliederstärksten kommunistischen Partei der Welt, musste sein Scheitern eingestehen. Was er natürlich explizit nicht tat. Das Missglücken seiner ehrgeizigen und doch misslungenen Reformversuche kreidete er dem Widerstand der Partei- und Wirtschaftsnomenklatura, den »alten Kräften« an, womit er teils gewiss auch recht hatte. Gorbatschow erklärte vor einem erstaunten Millionenpublikum, sein Amt als Präsident der Sowjetunion, das er seit März 1990 innehatte, zu verlassen - weil er seinen Prinzipien nicht untreu werden wolle. Er sei gegen die Auflösung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken: »Die Linie der Zerstückelung und Auflösung des Landes hat sich durchgesetzt. Damit kann ich mich nicht einverstanden erklären.« Gorbatschow war der Ansicht, dass ein solch gravierender Beschluss wie die Auflösung der UdSSR und statt ihrer die Gründung einer Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) nur auf der Grundlage eines Volksreferendums getroffen werden konnte.

Abtrünnige Sowjetrepubliken

Was war geschehen? Zeitgleich mit den Umbrüchen in den realsozialistischen Staaten Osteuropas wurden auch die 15 Sowjetrepubliken von Unruhen und Aufbruch erfasst, vom Baltischen Meer bis hin zu den Steppen Zentralasiens. Nationale Unabhängigkeitsbewegungen erfuhren Zulauf. Zum Ende des Jahres 1991 eskalierte die Situation. Gorbatschows politische Gegner hatten bereits Tatsachen geschaffen, gegen die er bis zuletzt vergeblich protestierte.

Am 8. Dezember 1991 unterzeichneten die Präsidenten Russlands, der Ukraine und Belarus - Boris Jelzin, Leonid Krawtschuk und Stanislau Schuschkewitsch - den sogenannten Vertrag von Minsk. In diesem wurde die Auflösung der Sowjetunion bestimmt und damit die Gründungsverfassung der Sowjetunion von 1922 - noch zu Lebzeiten von Wladimir I. Lenin, ihres geistigen und praktischen Vaters, entstanden - annulliert. Am 21. Dezember 1991 fand in Alma-Ata ein Treffen der Staatsoberhäupter von elf Unionsrepubliken statt: Aserbaidschan, Kasachstan, Russland, Usbekistan, Armenien, Kirgisien, Tadschikistan, der Ukraine, Belarus, Moldawien und Turkmenistan. Sie signierten die Gründungsurkunde der GUS. Am 25. Dezember telefonierte Gorbatschow mit dem US-amerikanischen Präsidenten George H. W. Bush senior. Er bat diesen devot um Anerkennung und Unterstützung der GUS als einer »zwischenstaatlichen Gründung, und nicht nur ihrer Mitglieder im Einzelnen«. Was den Mann im Weißen Haus wenig scherte.

Gorbatschows Auftritt im russischen Fernsehen am 25. Dezember 1991 änderte auch nichts mehr. Jelzin war dennoch empört. Ein eigentlich avisiertes Abschiedstreffen der beiden fand nicht mehr statt. Der scheidende Präsident der scheidenden Weltmacht UdSSR übergab den Mitarbeitern des russischen Präsidenten den »Atomkoffer« und die Gewalt über die Geheimarchive. Um 19.30 Uhr wurde die Staatsflagge der UdSSR über dem Kreml eingeholt und die Trikolore des russischen Zarenreiches gehisst. Noch am gleichen Tag gab Bush senior die offizielle Anerkennung Russlands, der Ukraine, Belorusslands, Armeniens, Kasachstans und Kirgisiens bekannt. Am 26. Dezember 1991 wurde in der letzten Sitzung des Obersten Sowjets der UdSSR in Moskau eine Deklaration verabschiedet, die das Ende der Sowjetunion als Staat und als Völkerrechtssubjekt fixierte.

Ein schier ungeheurer Vorgang, unvorstellbar bis dahin für viele Zeitgenossen. Und doch logisch. Die UdSSR zerbrach mit dem Zusammenbruch ihrer osteuropäischen und asiatischen Satelliten. Die wirtschaftlichen, politischen und militärischen Führer der Supermacht USA wie auch die mit ihr verbündeten oder in ihrem Einflussbereich befindlichen Staaten sahen sich als Sieger über den Staatssozialismus und die mit jenem verbündeten oder sympathisierenden kolonial-befreiten Länder. Mehr noch, mittels EU- und Nato-Osterweiterung wurde dem Kernland des sowjetischen Imperiums, der nunmehrigen Russländischen Föderation (im Westen wird fälschlich immer von Russischer Föderation gesprochen) immer mehr auf die Pelle gerückt. Nach dem Verlust der DDR und der einstigen »Bruderstaaten« Tschechoslowakei, Ungarn, Bulgarien und - ja auch - Rumänien sowie des schließlich von der Nato gewaltsam zerschlagenen Bundesstaates Jugoslawien stand Russland nahezu isoliert da. Die meisten von der Sowjetunion unterstützten national befreiten Länder wurden vom globalen Kapitalismus neokolonisiert. Mehr als ein Jahrzehnt lang war die Russländische Föderation zu einem »Schmuddelkind« abgestempelt, musste sich ohnmächtig und gedemütigt fühlen. Erst mit Präsident Wladimir Putin kehrte das mit Abstand flächengrößte Land der Erde allmählich auf die Weltbühne zurück, um sich schließlich wieder unter die Global Player zu mischen, auch wenn dies von westlicher Seite nach wie vor nicht anerkannt und mit allen Mitteln zu verhindern versucht wird.

Es dürfte nicht verwundern, dass im heutigen Russland der russische Philosoph Iwan Iljin (1883-1954), den Lenin 1922 als Agitator der »weißen Konterrevolution« aus Sowjetrussland verbannt hatte (zusammen mit 160 anderen unliebsamen Gelehrten auf einem »Philosophenschiff« gen Westen geschickt), zu neuen Ehren gelangt. Auch Putin gehört zu den Anhängern des den Bolschewiki feindlich gesinnten Slawophilen, der nach der Oktoberrevolution von 1917 vor einer »Zerstörung Russlands« durch ein »sinnloses Experiment« warnte, das zu einem »unvorstellbaren Chaos« führen würde, zur »Zerstückelung und dem Untergang des russischen Vielvölkerstaates«, worüber sich dessen Feinde nur freuen würden.

Gorbatschow und Jelzin

In der Tat war der selbst ernannte Radikalreformer Jelzin vor drei Jahrzehnten der eigentliche Zerstörer der Sowjetunion. Der populistische und machtversessene Politiker, der aus einem Dorf im Ural stammte, seine Karriere als Parteichef in Swerdlowsk begonnen hatte, 1981 ins ZK der KPdSU und zehn Jahre darauf zum ersten Präsidenten Russlands gewählt worden war, hatte im Machtkampf mit Gorbatschow die in den Unionsstaaten entstandenen (rechts)nationalistischen Bewegungen und Volksfronten unterstützt, ermuntert und nachdrücklich aufgefordert, für ihre Unabhängigkeit und Loslösung zu streiten - unter dem Beifall der USA, Europas und vor allem Deutschlands. Dennoch ist eine Mitverantwortung der gesamten sowjetischen Nomenklatura, vom einstigen mächtigen, dogmatischen sowjetischen Partei- und Staatschef Leonid I. Breschnew bis hin zu Gorbatschow, nicht abzusprechen. Sie trugen mit ihren Entscheidungen oder besser: Fehlentscheidungen zum Untergang eines in sieben Jahrzehnten geschaffenen Weltsystems bei, das eine gesellschaftliche Alternative zur kapitalistischen Ordnung sein wollen.

Der Kollaps zeichnete sich bereits in den 80er Jahren ab. Gorbatschows Versuche, durch seine zwar gut gemeinte, aber konzeptionslose »Perestroika« den Staatssozialismus zu retten, die UdSSR umzubauen und für die Herausforderungen der Zukunft fit zu machen, konnten den Zusammenbruch der multiethnischen Großmacht Sowjetunion nicht verhindern. Zumal der Generalsekretär und Präsident mit russisch-ukrainischen Wurzeln nach dem Operettenputsch konservativer Kräfte im KGB und Militär am 19. August 1991, den Jelzin zu seinem Nutzen auszunutzen wusste, zu einem machtlosen Herrscher, zu »Michail ohne Land« avanciert war. Und so kam, was kommen musste. Im Dezember 1991 verabschiedete sich die einstige Supermacht Sowjetunion, für deren Erhalt im März des Jahres in einem Referendum noch 76 Millionen Sowjetbürger gestimmt hatten. Den Preis bezahlten die einfachen Menschen, die vielfach urplötzlich in völlig neue, schmerzhafte soziale und vielfach prekäre ökonomische Verhältnisse gestürzt wurden.

Karl-Heinz Gräfe ist Professor für osteuropäische Geschichte und lebt in Freiberg, Sachsen.

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