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Dritter, Zweiter, Erster?

Karl Geiger vor dem Duell mit Ryoyu Kobayashi um den Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee

  • Von Lars Becker
  • Lesedauer: 4 Min.
Im Allgäu beginnt jedes Jahr die Vierschanzentournee: Springer auf dem Weg zum Absprung in der Oberstdorfer Arena
Im Allgäu beginnt jedes Jahr die Vierschanzentournee: Springer auf dem Weg zum Absprung in der Oberstdorfer Arena

Karl Geiger hat sich in seiner Skisprungkarriere alles hart erarbeiten müssen. Auch bei der Vierschanzentournee ist sein Weg von Rückschlägen gepflastert: Gleich dreimal verpasste er als 31. beim Auftaktspringen in seiner Heimat Oberstdorf hauchdünn den zweiten Durchgang.

Der inzwischen 28-Jährige stand jedoch stets wieder auf und kam gestärkt zurück: Vor zwei Jahren schaffte er es in der Gesamtwertung zum ersten Mal als Dritter aufs Podest. Im vergangenen Winter gewann der Oberstdorfer den Tourneestart vor seiner Haustür und wurde Gesamt-Zweiter hinter Kamil Stoch. Folgt nun nach den Plätzen drei und zwei in diesem Jahr endlich der in Seiner Heimat lang ersehnte Triumph? Die Bedingungen für den ersten deutschen Gesamtsieg seit Sven Hannawald vor 20 Jahren scheinen in diesem Winter jedenfalls so gut wie nie. Schließlich geht Geiger mit dem Gelben Trikot des Gesamtweltcup-Spitzenreiters in den ersten Saisonhöhepunkt.

»Daheim mit dem Gelben Trikot als Letzter oben auf der Schanze zu sitzen, ist natürlich ein Privileg. Ich will bei der Tournee richtig angreifen«, hat Geiger dazu gesagt. Er ist davon überzeugt, dass ein deutscher Tourneesieg nur eine Frage der Zeit ist: »Klar konnten wir bisher nicht den Gesamtsieger stellen, sind aber immer nah dran gewesen. Wir wissen, dass wir die Schanzen können, wir sind gut aufgestellt und nehmen die Herausforderung als Team an.«

Passend zu seiner Arbeitsphilosophie hat der ausgebildete »Bachelor of Engineering« - nicht nur deshalb wird der grandiose Analytiker gern »Skisprungingenieur« genannt - in der Saisonvorbereitung an seinen bisherigen Schwächen bei der Tournee gearbeitet. Im Sommer trainierte das deutsche Team häufiger auf dem Innsbrucker Tourneebakken, »weil wir in den vergangenen Jahren dort immer wieder Rückschläge im Kampf um den Tourneesieg hinnehmen mussten«. (Bundestrainer Stefan Horngacher). Vor einem Jahr wurde Geiger auf der Bergiselschanze nur 15., vor zwei Jahren Achter. Damals büßte er damit alle Chancen im Kampf gegen den späteren Gesamtsieger Ryoyu Kobayashi ein.

Der Japaner dürfte auch in diesem Winter der große Konkurrent von Geiger um den Tourneesieg sein. Bei der Generalprobe im schweizerischen Engelberg standen beide jeweils einmal ganz oben, im Gesamtweltcup liegt Kobayashi mit 496 Punkten auf Platz zwei hinter Geiger (594). Möglicherweise würde der 25 Jahre alte Flieger aus Fernost die Nummer eins sein, wäre er nicht am zweiten Weltcupwochenende in Finnland positiv auf Corona getestet worden.

»Ich durfte das Quarantänehotel in Finnland für endlose Tage nicht verlassen«, berichtet Kobayashi. Statt zu trainieren habe er versucht, »zu entspannen«. Seiner Leistungsstärke tat das keinen Abbruch: Beim Weltcupcomeback in Klingenthal feierte er gleich einen Sieg. »Ryoyu war zuletzt wirklich in einer Überform«, sagt auch Geiger.

Der Respekt der beiden Duellanten voreinander könnte größer nicht sein, auch wenn sie komplett unterschiedliche Typen sind. Dort der deutsche Skisprungingenieur, ein bodenständiger Familienvater, der sich in seinem Skispringerleben alles hart erarbeiten musste. Auf der anderen Seite der umschwärmte Social-Media-Posterboy aus Fernost, Liebhaber schneller Autos und ein Naturtalent in der Luft. Auch der Sprungstil der beiden ist komplett unterschiedlich: Geiger lebt vor allem von seinem kraftvollen Absprung, Kobayashi schießt wie ein Pfeil vom Schanzentisch und nimmt in einer flacheren Flugkurve mehr Geschwindigkeit mit.

»Er ist deshalb nicht so hoch über dem Hang und kann deshalb Sprünge im größeren Weitenbereich besser landen als Karl. Das kann zum Vorteil für den Japaner werden«, glaubt der letzte deutsche Gesamtsieger Sven Hannawald. Auch die Statistik in Sachen Gelbes Trikot spricht nicht für Geiger: Fünfmal startete ein deutscher Skispringer bisher als Gesamtweltcup-Spitzenreiter in die Tournee, zum Gesamtsieg reichte es nie. Zuletzt scheiterte 2017 Richard Freitag nach einem Sturz in Innsbruck.

Karl Geiger war allerdings schon immer einer, der Unmögliches möglich gemacht hat. Zum Beispiel mit seinem Gold bei der Skiflug-WM auf einer der größten Schanzen der Welt. »Wer hätte gedacht, dass Kleinschanzen-Karle mal beim Fliegen ganz oben steht?«, fragte Geiger danach grinsend. Mit harter Arbeit ist halt (fast) alles möglich.

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