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Kunst in sowjetischen Kasernen

Großer Bildband dokumentiert ein vernachlässigtes und teils zerstörtes Kulturerbe

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 5 Min.

Die Farbe blättert großflächig ab. Das Wandbild ist schon stark beschädigt. Aber einige Details sind noch deutlich zu erkennen: Links ein Emblem mit Hammer und Sichel, auf dem in kyrillischen Buchstaben »UdSSR« steht, außerdem auf einer roten Fahne auf Russisch die berühmte Losung aus dem Kommunistischen Manifest: »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« Rechts schreitet Lenin förmlich aus dem Bild heraus und auf den Betrachter zu und weist mit der Hand den Weg in die Zukunft.

»Den Moment, als ich das erste Mal in Kummersdorf-Gut den großen Ballsaal mit dem überdimensionalen Propagandabild betrat und erst im Schein der Taschenlampe die ganze Pracht und Farbigkeit an der Wand sah, werde ich nie vergessen«, erzählt Stefan Neubauer. Als er 1999, fünf Jahre nach dem Abzug der russischen Truppen aus Deutschland, nach Berlin übersiedelte und in einer verlassenen sowjetischen Kaserne im Ortsteil Karlshorst fotografierte, sei ihm »der Wert dieser besonderen Einrichtungen und der dort befindlichen Wandbilder noch überhaupt nicht aufgefallen«. Zu spannend sei für ihn die Hauptstadt gewesen. Er habe das Potenzial erst Jahre später erkannt, als ihn ein Freund in Jüterbog auf »ein großartiges Wandbild« aufmerksam machte.

Neubauer entwickelte eine Leidenschaft für diese Kunst. Er erinnert sich: »Meine Suche nach diesen Zeugnissen aus dem Kalten Krieg war eine Mischung aus wilder Abenteuerlust, vorsichtig-diskretem Voyeurismus und hoffnungsfroher Schatzsuche. Manche Besuche und Besichtigungen empfand ich als museales Erlebnis, wenn ich in den Theater- und Kultursälen meine Kamera auspackte und auf die großen verlassenen Bühnen blickte.«

Mehr als 1000 Fotografien aus seinem Archiv, die im Lauf von zehn Jahren entstanden sind, hat Neubauer gesichtet. Eine Auswahl hat er nun in einem Bildband publiziert, der den anerkennenden Titel »Kulturerbe« trägt. »Ich bin davon überzeugt, dass das öffentliche Interesse an dieser deutsch-russischen Vergangenheit hoch ist und die Menschen ein starkes Verlangen danach haben, diese Orte zu sehen und zu erkunden«, sagt Neubauer. Das sei aber nicht so einfach.

Teilweise ist der Zugang reglementiert oder ganz unmöglich, weil sich einzelne ehemalige sowjetische Kasernen heute in Privatbesitz befinden oder wegen der Munitionsbelastung gesperrt sind. Etliche Gebäude sind inzwischen auch abgerissen, was Neubauers Aufnahmen noch wertvoller macht. Denn auf seinen Fotos ist zu sehen, was zerstört wurde. Und wo die Wände noch stehen, ist nicht selten der Verfall fortgeschritten.

Es finden sich Fotos aus sämtlichen ostdeutschen Bundesländern, aber nur sehr wenige aus Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern, allein mehr als drei Viertel der Aufnahmen hat Neubauer an 41 verschiedenen Stationen in Brandenburg gemacht, etwa in Rathenow, Beelitz und Bernau, in Sperenberg und Wünsdorf, in Bad Saarow und Cottbus. Abgelichtet hat er Turnhallen, Unterkünfte, Waschräume, Kantinen und Offizierskasinos, Freibäder, aus denen das Wasser längst abgelassen ist, Flugzeughangars voller Schrott, Panzergaragen, aus denen die Holztore beim Abzug der Truppen als noch zu gebrauchendes Material ausgebaut wurden, Lagerhallen, deren Dächer einstürzten - und immer wieder Wandbilder.

Es sind anspruchsvolle Werke dabei, die an die berühmten Wandbilder mexikanischer Künstler wie Diego Rivera erinnern, aber auch offenbar von Laien in Uniform an die Wand der einen oder anderen Sauna gemalte Landschaften oder für den Kindergarten gedachte Figuren aus Zeichentrickfilmen. Es finden sich außerdem Abbildungen, die offenkundig Ausbildungszwecken dienten, beispielsweise eine Darstellung vom Cockpit eines Düsenjägers. Beim Betrachten werden Erinnerungen wach und es kommt Wehmut auf, die einst so belebten Orte in trauriger Verlassenheit zu sehen. Denn ganz so abgeschottet, wie es in den Begleittexten geschildert wird, waren die sowjetischen Kasernen dann doch nicht. DDR-Bürger konnten sie bei offiziellen Freundschaftstreffen betreten und durften oft im Magazin, also im Laden, einkaufen. Das dort angebotene Konfekt erfreute sich großer Beliebtheit.

Bis zu 600 000 sowjetische Soldaten warnen in der DDR stationiert, zuletzt noch 400 000. Die Offiziere und ihre Familien traf man in der Stadt. Die Mannschaften freilich sah man draußen im Ausgang oder im Arbeitseinsatz nur gruppenweise unter Aufsicht von Vorgesetzten - abgesehen von den Soldaten, die für Militärkonvois den Verkehr regelten und dazu an Kreuzungen abgesetzt wurden, zuweilen Passanten nach Feuer für eine Zigarette fragten. Nicht alle, aber doch einige Ostdeutsche entwickelten Mitgefühl für die jungen Männer, die so fern ihrer Heimat zwei Jahre oder sogar drei Jahre Wehrdienst leisten mussten, wenngleich sie es damit wesentlich besser hatten als jene Altersgefährten, die in den Kampfeinsatz nach Afghanistan geschickt wurden. Immerhin 32 Prozent der Bevölkerung betrachteten die sowjetischen Soldaten durchaus als Freunde, ermittelte nach der Wende das Meinungsforschungsinstitut Allensbach.

Aber das alles war Geschichte, als Neubauer begann, in den Kasernen zu fotografieren, die oft noch aus der Kaiserzeit stammten, aber zum Teil auch neu gebaut waren. Die Fotos sind mit einigen Erläuterungen in deutscher, englischer und russischer Sprache versehen. Dazu gehören Übersetzungen der abgelichteten Schriftzüge und Losungen, die jedoch nicht vollständig sind. So bleibt für den gelernten DDR-Bürger eine Menge Rätselspaß. Er erkennt etwa in einem Wandbild, das nur als folkloristisches Motiv betitelt ist, eine Darstellung des schönen russischen Märchens vom Rübchen, das so groß gewachsen ist, dass es der Großvater nicht allein aus der Erde ziehen kann. Er ruft die Großmutter zu Hilfe, diese dann die Enkelin und schließlich kommen noch Hund, Katze und Mäuschen hinzu, bis es allen vereint endlich gelingt.

Die großformatigen Fotos, die sich oft über eine Doppelseite erstrecken, machen neugierig. Man wünscht sich immer wieder mehr Erklärungen. Aber das spricht nicht gegen diesen Bildband. Es zeigt nur, wie interessant er ist. Für den sehr großen, dicken und schweren Wälzer sind 29,95 Euro ganz gewiss nicht zu viel verlangt.

Stefan Neubauer: Kulturerbe, Verlag Könemann, 420 Seiten, 29,95 Euro

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