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Das verstuhlte Wesen

Ein »gesellschaftlicher Zwang« zum Sitzen sorgt schnell für Gesundheitsschäden

  • Von Renate Wolf-Götz
  • Lesedauer: 6 Min.

Zu viel Zeit sollte man nicht auf Stühlen oder Sesseln verbringen, da sind sich Ergonomen einig. Langes Sitzen kann zu Muskelverspannungen und Rückenproblemen führen, wie Physiotherapeuten betonen. Fragt man bei Allgemeinärzten nach, kann es bei anhaltendem Bewegungsmangel außerdem zu Bluthochdruck, Diabetes, Arteriosklerose oder zu Thrombosen kommen. Schlechte Nachrichten. Dabei ist es so angenehm, auf einem Sitzmöbel zu verweilen, das noch dazu bequem ist, wenn beim Design ergonomische Kriterien mit eingeflossen sind. Doch das Sitzen hat inzwischen einen fast genauso schlechten Ruf wie das Rauchen. Das kommt schon bei Sprachgewohnheiten zum Ausdruck: Nachsitzen oder Sitzenbleiben sind Gruselworte aus der Schulzeit, Straftäter sitzen ein und »Sesselpupser« gelten als faul und träge. Andererseits war das Sitzen über Jahrhunderte ein Privileg der Könige.

»Der erste richtige Stuhl war der Thron«, sagt Hajo Eickhoff, der sich seit über 30 Jahren philosophisch, historisch und anthropologisch mit dem Sitzen auseinandersetzt. Er nennt den heutigen Menschen ein »verstuhltes« Wesen, denn Sitzen ist die bevorzugte Haltung an durchschnittlichen Tagen. In unausgesprochener Übereinstimmung begegneten sich die Menschen unserer Kultur immer in derselben rechtwinklig abgeknickten Körperhaltung, konstatiert der Kulturhistoriker. »Sitzen ist heute Mainstream, ausgelöst durch einen gesellschaftlichen Sitzzwang.«

Das beginnt schon im Kindergarten mit dem Stuhlkreis und setzt sich in Schule und Büro fort. Bei aller Kritik habe das Sitzen aber auch eine wichtige Funktion, betont Mijna Hadders-Algra. »Wir wären wohl kaum dieselben Menschen, wenn wir nicht sitzen könnten«, sagt die Professorin für Entwicklungsneurologie an der niederländischen Universität Groningen. Schon bei Babys könne man beobachten, wie sie es genießen, in der vertikalen Position gehalten werden. »Das erhöht ihre Aufmerksamkeit und ihre Orientierung«, so die Entwicklungsneurologin. Beim Kleinkind fördere das eigenständige Sitzen die gesamte motorische, kognitive und soziale Entwicklung.

Auch Nick Stergiou, Direktor des Instituts für Biomechanik an der Universität von Nebraska, ist sich sicher, dass sich für ein Baby alles verändert, sobald es sitzen kann: »Im Sitzen beginnt das Kleinkind, die Welt zu entdecken, allem zu folgen, was sich bewegt, und die Bewegungsabläufe zu beobachten«, sagt der Forscher. Das rege die motorische Entwicklung an. Umgekehrt könnten Kinder mit Zerebralparese, einer Bewegungsstörung, deutlich später sitzen und ihre Umwelt erforschen. »Dadurch sind sie auch in ihrer kognitiven Entwicklung verzögert«, so der gebürtige Grieche. »Ein Kind, das sitzt, kann besser nach Gegenständen greifen und sie konzentrierter als im Liegen mit Händen, Mund und Augen untersuchen.«

Später übertreiben wir es allerdings oft mit dem Sitzen. Etwa wenn wir den ganzen Tag in einseitiger Körperhaltung vor dem Computer verbringen. »Verspannungen und Schmerzen entstehen immer dann, wenn ein Ungleichgewicht zwischen muskulärer Kraft und Halteaufgabe besteht«, sagt Hans-Raimund Casser, ärztlicher Direktor und Facharzt für Orthopädie und Rheumatologie am DRK-Schmerzzentrum in Mainz.

In vielen Fällen gehen Rückenschmerzen von allein zurück. Problematisch wird es, wenn die Schmerzen zwei bis drei Monate anhalten und zu erheblichen Aktivitätseinschränkungen und Stimmungsveränderungen führen. »Dann sprechen wir Mediziner von einer drohenden Chronifizierung«, so der Orthopäde. Grundsätzlich sei das Sitzen nicht das Problem. »Wenn wir sitzen, ruhen wir uns physisch aus und können uns besser konzentrieren. Wir sollten aber so sitzen, dass wir gut atmen können«, betont der Experte. Wird die Wirbelsäule durch eine einseitige Sitzhaltung über längere Zeit gebeugt, komme es zu Verkrampfungen im Bereich des Zwerchfells und folglich zu einer flachen Atmung.

80 Prozent der Rückenschmerzen entstehen laut Casser in der Muskulatur. »Eigentlich möchten die Muskeln ihre Aufgabe gut machen, aber bei Verspannungen und Verkrampfungen wird es anstrengend«, sagt der Orthopäde. Das Tückische dabei: »Man nimmt erst einmal kaum wahr, wenn der verspannte Muskel durch eingeschränkten Blutfluss schlechter genährt wird.« Die ungenügend versorgten Kraftwerke des Körpers können im Gegenzug ihrer Aufgabe, Sauerstoff und Nährstoffe zu transportieren, nur noch unzureichend gerecht werden. Auch der Abfluss von Stoffwechselabfällen wie Laktaten funktioniert dann nicht mehr. »Erst wenn sich die geschwächten Muskeln zusammenziehen, sich verkürzen und ›sauer‹ werden, springen die Schmerzmelder an«, sagt der Facharzt.

Rückenschmerzen seien gewissermaßen ein Warnruf der Muskeln. Sie wollen bewegt werden, damit sich der Schmerzkreislauf nicht fortsetzt. »Bei chronischen Rückenschmerzen sollten Übungen unter physiotherapeutischer Anleitung durchgeführt werden«, empfiehlt der Orthopäde. Entspannung einerseits und zusätzlich Kräftigung der Muskulatur sei letztendlich Ziel der Therapie.

Zunächst gilt es, Verspannungen und muskuläre Dysbalancen zu lösen. »Häufig strahlen die Schmerzen weit aus«, erklärt der Münchner Physiotherapeut Holger Senf. Die Betroffenen reagieren oft erst auf die Signale, wenn Verspannungen aus den Lendenwirbeln lähmende Schmerzen bis ins Knie oder verspannte Halswirbel Kopf- und Kieferbeschwerden bis hin zum Tinnitus auslösen. In den vergangenen zehn Jahren hat der Therapeut bei seinen Patienten zwar ein zunehmendes Bewusstsein für ihre körperliche Fitness beobachtet. Durch Homeoffice während der Corona-Pandemie seien die Ansätze, sich etwa mit Yoga oder Pilates beweglich zu halten, jedoch wieder ins Hintertreffen geraten.

»Der Druck von außen und die dauerhafte Anspannung blenden das Körpergefühl erst einmal aus«, sagt Senf. Unmerklich verkrampft sich dann zusätzlich zur Fehlbelastung der Wirbelsäule auch noch das Zwerchfell. Die Atmung wird flach, und durch die verminderte Sauerstoffzufuhr fahren die Organe ihre Aktivität herunter. Als häufige Konsequenz nennt Senf Verdauungsprobleme bei Betroffenen, die zu Obstipation neigen. »Bewegung ist das beste Mittel«, so der Physiotherapeut. Er empfiehlt, den Tagesablauf zu dynamisieren, also zwischendurch aufzustehen, sich zu bewegen und die Muskeln zu dehnen.

Mit zunehmendem Alter zeichnen sich nicht nur Falten auf der Haut ab, auch die Wirbelsäule verändert sich. Deshalb rät Physiotherapeut José Sampedro besonders seinen älteren Patienten, ihre Muskulatur mit moderater, aber regelmäßiger Bewegung zu aktivieren, um die in die Jahre gekommenen Wirbel besser stützen zu können.

Zunehmend lassen sich aber auch Jugendliche, die unter schmerzhaften Verspannungen leiden, von dem gelernten Sportlehrer behandeln. Einem 14-jährigen Patienten etwa, der durch die Einschränkungen in der Coronazeit noch mehr Stunden täglich in angespannter Haltung mit Spielen vor seinem Computer verbringt, stellt der aus Spanien stammende Wahlmünchner eine schlechte Prognose: »Wenn sich der Junge in den nächsten zehn Jahren weiterhin so wenig bewegt, hat er mit Mitte 20 den Körper eines 50-Jährigen.« Kinder und Jugendliche müssten sich körperlich bewegen, damit sich ihre Muskulatur gut entwickeln kann, betont der Sportpädagoge und Physiotherapeut.

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