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Fleisch? Tiere!

Der Aufruf »Befreiung hört nicht beim Menschen auf« will die Linke und das Fleisch zum Thema machen

  • Von Friederike Habermann
  • Lesedauer: 7 Min.
Welche Rolle sollten die Forderungen nach Tierrechten und Tierbefreiung in linken Kämpfen spielen?
Welche Rolle sollten die Forderungen nach Tierrechten und Tierbefreiung in linken Kämpfen spielen?

Didem Aydurmus (DA), Friederike Schmitz (FS) und Hannah Engelmann (HE) sind die Initiatorinnen des Aufrufs »Befreiung hört nicht beim Menschen auf«, der diesen Monat veröffentlicht wird. Dr. Didem Aydurmus ist Politikwissenschaftlerin und Mitglied im Parteivorstand der Linkspartei. Dr. Friederike Schmitz ist Philosophin und Autorin, aktiv u.a. im Bündnis »Gemeinsam gegen die Tierindustrie«. Hannah Engelmann ist Erziehungswissenschaftlerin und freie Referentin, aktiv u.a. im ILA-Kollektiv. Mit ihnen sprach Friederike Habermann. Der Aufruf erscheint am 17. Januar auf der Website befreiung-hoert-nicht-beim-menschen-auf.org.

Wie würdet ihr den Aufruf zusammenfassen, wenn ihr nur einen einzigen Satz sagen dürftet?

HE: Lasst uns die strukturelle Gewalt, die Tiere in unserer Gesellschaft zu Waren macht, benennen und bekämpfen – für eine Gesellschaft, die leidensfähige Lebewesen in all ihrer Unterschiedlichkeit achtet.

In dieser OXI-Ausgabe heißt der Schwerpunkt Fleisch. Freut ihr euch, dass das in der politischen Linken – ihr wendet euch im Aufruf explizit an »Genoss:innen« – ein Thema ist?

FS: Klar, das ist gut. Allerdings kommen im Begriff »Fleisch« die Tiere selbst gar nicht mehr vor. Wir wollen klar auch diese Opfer des Systems benennen: Schweine, Rinder, Hühner und andere Tiere erfahren krasses Leid, sie werden für Profitinteressen brutal ausgebeutet. Dieser Zustand steht im klaren Widerspruch zu linken Idealen wie Gerechtigkeit und Solidarität mit den Unterdrückten. Das wird aber von vielen linken Gruppen nicht anerkannt – sie positionieren sich nicht gegen die Ausbeutung der Tiere. Wir rufen dazu auf, das zu ändern.

Aber auch darüber hinaus wollen wir eine Debatte innerhalb der politischen Linken anstoßen über die Situation der Tiere in unserer Gesellschaft. Und darüber, welche Rolle die Forderungen nach Tierrechten und Tierbefreiung in linken Kämpfen spielen sollten.

Gab es einen Auslöser, warum ihr den Aufruf geschrieben habt?

HE: Das war kein einzelnes Erlebnis, sondern die geteilte Irritation darüber, dass wir als gesellschaftliche Linke der Tierindustrie so wenig entgegensetzen. Immerhin konzentriert sich dort so ziemlich alles, was wir ablehnen – Landnahme und Vertreibung, Entrechtung und Ausbeutung von Arbeiter:innen, Marktmacht und Profite bei wenigen Großkonzernen. Der Wirtschaftszweig leistet kräftige Beiträge zu Artensterben und Klimakatastrophe und kreiert nebenbei noch perfekte Entstehungsbedingungen für Viren und antibiotikaresistente Keime. Und das alles basiert darauf, fühlende Lebewesen kommerziell zu produzieren, zu nutzen und zu töten. Also, für mich war die Tierindustrie schon immer ein Lieblingsfeind. Und ich denke mir, bei näherem Hinsehen müsste es vielen anderen Linken ähnlich gehen.

DA: All diese Punkte sind wichtig und bieten viel Potenzial für Bündnisse. Im Aufruf haben wir einen besonderen Fokus darauf gelegt, Tiere als Betroffene von extremer Ausbeutung sichtbar zu machen. Sie kommen in zu vielen linken Gesellschaftsanalysen gar nicht vor.

Was kam bei euch zuerst: das Tierthema oder anderer politischer Aktivismus?

FS: Ich war eine Spätzünderin. Obwohl ich schon zu Schulzeiten Massentierhaltung schlimm fand, bin ich erst mit Mitte 20 vegan geworden, nachdem ich etwas über den brutalen Umgang mit Kühen in der Milchwirtschaft gelesen hatte. Kurz danach wollte ich auch über meinen eigenen Konsum hinaus etwas verändern und habe eigentlich erst dann gemerkt, wie viel mit unserer Gesellschaft generell nicht stimmt – das Thema Tierausbeutung hat mich politisiert.

HE: Bei mir war es umgekehrt: Erst kam ich als Jugendliche:r über Antifa und Anti-Atom-Bewegung dazu, Herrschaft generell kritisch zu sehen. Dann haben mich vegane Freund:innen damit konfrontiert, dass ich mit der Tierausbeutung ein krass ausgeprägtes Herrschaftsverhältnis ausblendete. Das war ganz schön unbequem, aber ich konnte die Kritik schließlich annehmen und bin heute sehr dankbar dafür.

Vegane Produkte gibt es ja jetzt überall, ist das nicht schon ein großer Fortschritt?

FS: Natürlich ist es gut, dass es immer einfacher und attraktiver wird, sich vegan zu ernähren. Aber die Tierindustrie läuft ja trotzdem auf Hochtouren weiter. Ein paar neue Produkte ändern daran nicht viel. Es braucht eine gesamtgesellschaftliche Transformation, die die Landwirtschaft insgesamt verändert, die Ausbeutung der Tiere verringert und dann beendet. Das zu fordern, wäre genau die Aufgabe der politischen Linken.

Einige Formulierungen sind recht scharf, habt ihr keine Angst, mit dem Aufruf Menschen vor den Kopf zu stoßen?

DA: Natürlich, wir leben leider in einer Gesellschaft, wo zwischen Sachkritik und Person nicht mehr getrennt wird. Gerade beim Thema Tierkonsum wird es oft sehr emotional. Ich glaube, dass das daran liegt, dass eigentlich niemand für Gewalt und Ausbeutung an fühlenden Lebewesen verantwortlich sein möchte. Der Aufruf ist eine Sachkritik, aber er verleitet eben auch dazu, die eigene Rolle zu sehen.

Man hört immer wieder von radikalen Tierrechtler:innen. Würdet ihr euch selbst so bezeichnen?

DA: Mir gefällt diese Benennung nicht. In einer Gesellschaft voller Gewalt und Ausbeutung, sowohl Menschen als auch Tieren und der Natur gegenüber, ist es natürlich radikal, das Gegenteil zu fordern und Mitgefühl und Frieden für alle leben zu wollen. Es geht dem System an die Wurzeln. Allerdings werden solche Konzepte ja vor allem verwendet, um berechtigte Anliegen zu diskreditieren und zu kriminalisieren. Umweltaktivist:innen und Tierrechtler:innen wurden in den letzten Jahrzehnten weltweit, aber vor allem in den USA, mithilfe von Antiterrorgesetzen überwacht und verurteilt. Antiterrorgesetze! Das ist eine verkehrte Welt, denn die Justiz schützt dann diejenigen, die mit der Zerstörung der Erde sehr viel Geld machen. Das eigentliche Verbrechen ist doch, Profite über Gemeinwohl und Menschlichkeit zu stellen.

Sprecht ihr euch dann eigentlich auch für einen Systemwechsel aus?

HE: Also, ich bin ja konservativ – ich finde es eine prima Vorstellung, weite Teile der Welt so weit intakt zu erhalten, dass Menschen dort auch noch leben können, wenn ich eine alte trans* Oma bin. Und ich glaube schon, dass wir dafür unser Wirtschaftssystem grundlegend verändern müssen. Wenn in dem Zuge dann auch Käfige und Schlachtanlagen Geschichte werden, ist das doppelt schön.

Ihr fordert: »Lasst uns zusammen kämpfen«. Was kann das konkret heißen, also wie könnten Bündnisse aussehen?

HE: Ein konkretes Beispiel wäre die strömungsübergreifende Solidarität mit der Aktionsgruppe Tear Down Tönnies, die nach einer erfolgreichen Schlachthof-Blockade mit absurden Schadenersatzforderungen überzogen wird. Da vereinen sich politische Repression und Klassenjustiz. Und das sollte alle Linken auf den Plan rufen, die mit direkten Aktionen oder zivilem Ungehorsam sympathisieren.

DA: Ein weiteres Beispiel ist das Bündnis Gemeinsam gegen die Tierindustrie. Manche der dort Aktiven sind vor allem wegen des Klimas dabei, andere wegen der Agrarökologie oder für die Tiere. Vielen liegen natürlich all diese Themen am Herzen, aber es müssen sich nicht alle zu jedem Teilaspekt einig sein. Wichtig ist das gemeinsame Ziel, die Tierindustrie zu schwächen und schließlich abzuschaffen.

Als Teil des Aufrufs formuliert ihr eine Reihe von »Fragen an unsere Bewegungen«. Was hat es damit auf sich?

FS: Wir wollten nicht nur allgemeine Thesen aufstellen, wie die, dass Tiere aus einem Herrschaftsverhältnis befreit werden müssen, sondern wir wollten auch konkrete Anregungen für Diskussionen geben. Zum Beispiel fragen wir, ob sich Veganismus als allgemeines Prinzip für linke Veranstaltungen etablieren ließe. Wir schlagen auch vor, Tiere beim Schreiben von Aufrufen und Papieren mitzudenken, wenn es zum Beispiel um Klimakatastrophe, Umweltzerstörung, Ausbeutung oder Gewalt im Kapitalismus geht – um sichtbar zu machen, dass nicht nur Menschen zu den Opfern des gegenwärtigen Gesellschaftssystems gehören.

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