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Dorf soll Dorf bleiben

Die TV-Prominente Maren Gilzer will Bürgermeisterin von Oberkrämer werden. Die Reaktionen vor Ort sind verhalten

  • Von Mischa Pfisterer und Rainer Rutz, Oberkrämer
  • Lesedauer: 7 Min.

Es ist kalt und ungemütlich an diesem Januarnachmittag in Oberkrämer, Ortsteil Schwante, im Landkreis Oberhavel. Der guten Laune von Waltraud Rudolph-Zejewski tut das keinen Abbruch. »Unsere Maren, die ist doch super, oder?«, sagt das quirlige FDP-Mitglied, das extra aus Glienicke/Nordbahn angereist ist, zu »nd«. »Unsere Maren« - das ist die ehemalige TV-Berühmtheit Maren Gilzer, die für die FDP als Bürgermeisterkandidatin in der 12.000-Einwohner-Gemeinde Oberkrämer ins Rennen geht. Für die Wahl am Sonntag rühren die Liberalen seit Monaten die Werbetrommel, tingelt die 61-Jährige seit Wochen durch die sieben Ortsteile.

So auch an diesem Nachmittag in Schwante. Ein Termin am Rande eines trostlosen Parkplatzes eines Discounter-Supermarkts. Es gibt Glühwein, Pfannkuchen und einen von der Firma der Unternehmerin Maren Gilzer hergestellten »natürlichen Vital Trunk«. »Hier, probieren sie doch mal«, sagt die pensionierte Grundschullehrerin Waltraud Rudolph-Zejewski. Angereist ist neben »nd« noch ein Fernsehteam. Aufnahmen hier, Interview dort. Allein: Die zu umwerbenden Wähler bleiben aus. Laufkundschaft in dem Sinne gibt es nicht. Und wenn, dann lassen sie sich nicht bewegen, die Straßenseite zum improvisierten Werbestand der FDP zu wechseln.

Die Kandidatin Gilzer, seit 2017 in der FDP, tritt im Kampf um den Chefinnenposten in der Gemeindevertretung von Oberkrämer am Sonntag gegen sechs Konkurrentinnen und Konkurrenten an. Eine Stichwahl im Februar ist sehr wahrscheinlich. Gilzer ist dabei überzeugt, bei der Wahl abzuräumen. »Ich bin nicht naiv und weiß, es könnte in die Richtung gehen«, sagt sie zu »nd«.

Die Liberalen setzen klar auf den Promi-Bonus. Schließlich kennt man Gilzer wahlweise als Gewinnerin der Trash-Sendung »Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!« von 2015, als langjährige Krankenschwesterndarstellerin der TV-Serie »In aller Freundschaft« oder aus den 90er Jahren als ewig lächelnde und zumeist stumme Buchstaben-Umdreherin in der Dauerwerbesendung »Glücksrad«. Nachdem der bisherige Bürgermeister im September vergangenen Jahres bekannt gegeben hatte, sein Amt aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig zur Verfügung zu stellen, habe FDP-Kreischef Uwe Münchow zu ihr gesagt: »Das traue ich dir zu, das Amt hier zu übernehmen - weil, die brauchen in Oberkrämer ja einen neuen Bürgermeister«, so Gilzer. »Und dann habe ich mir das überlegt übers Wochenende, und dann habe ich gesagt: Ja!«

Für den munteren, aber mit Blick auf die Wählergewinnung eher unergiebigen Termin in Schwante hat sich Gilzers Team mit Linda Teuteberg Unterstützung aus der Bundespolitik geholt. Die FDP-Bundestagsabgeordnete und Brandenburger Ex-Landeschefin Teuteberg sagt über die Kandidatur der Ex-Dschungelkönigin Gilzer: »Wir sind ja kommunal recht stark vertreten in Brandenburg. Wir haben hier einige Bürgermeister. Umso besser ist es, wenn sich da auch vielfältige Kandidaten für die FDP engagieren und antreten.«

Was Teuteberg nicht sagt: Die FDP ist in Oberkrämer alles andere als »recht stark« vertreten. Nämlich gar nicht. Bei der Wahl zur Gemeindevertretung 2019 holten die Liberalen gerade mal 1,9 Prozent. Nach Auskunft von FDP-Kreischef Münchow gibt es genau ein Mitglied in Oberkrämer. Nicht unbedingt das, was man eine große Basis nennen kann.

Auch die gebürtige Berlinerin Gilzer wohnt nicht in Oberkrämer, sondern im benachbarten Hennigsdorf. Sie sagt, das sei ein Vorteil in der 1998 aus sieben Ortsteilen zusammengezimmerten Gemeinde Oberkrämer: »Ich gehöre nicht zu einem bestimmten Ort, den ich dann vielleicht bevorzugt behandeln könnte. Ich bin nicht in einem Verein, wo man mir vorhalten könnte, sie unterstützt diesen Verein mehr als unseren. Ich bin ein neutraler Mensch.« Und tatsächlich ist sie sympathisch und zugewandt.

Am Abend stellt Gilzer bei einer Online-Diskussion mit den anderen Bewerberinnen und Bewerbern um das Amt auch - nun ja - durchaus eigene Ideen für die Zukunft der Gemeinde vor. Ja, der Öffentliche Nahverkehr müsse ausgebaut werden, und auch bei den Schulen müsse sich etwas tun. Ginge es nach ihr, bekäme die Gemeinde aber dazu noch »einen eigenen Fernsehsender«. Zudem habe sie »die Idee, einen Radiosender zu etablieren, wo man einmal in der Stunde darüber informiert, was gerade in der Gemeinde neu geplant ist, was es für neue Dinge gibt, und der Bürger kann dann da auch direkt anrufen und seine Meinung zu den Themen sagen«.

Sie wolle stets wissen: »Wo drückt hier der Schuh?« Die Leute, erklärt sie dieser Zeitung, sollen auf sie zukommen können und sagen: »Wir brauchen hier wirklich eine verkehrsberuhigte Zone. Oder was auch immer. Oder was für den Lärmschutz.«

In der Gemeinde stellen seit 2008 die Bürger für Oberkrämer (BfO) den - nun abtretenden - Bürgermeister, auch in der Gemeindevertretung ist die Wählervereinigung stärkste Kraft. Gilzer sagt: »Wenn etwas so lange an der Macht ist, entwickeln sich dann auch Interessensgemeinschaften. Oftmals an den Bedürfnissen der Bürger vorbei, werden einzelne Projekte unterstützt und bei anderen sagen sie, das interessiert uns aber nicht.«

Ähnlich, aber anders drückt es Ingke Purrmann aus, die am Sonntag als »parteifreie« Kandidatin ins Rennen geht. »Es besteht in Oberkrämer eine Lücke zwischen Bürgern, Verwaltung und Politik«, sagt die selbstständige Medien-Unternehmerin zu »nd«. »Leute aus der Gemeinde haben zu mir gesagt: Das ist nicht mehr mein Oberkrämer. Ich habe damit abgeschlossen.« Die Menschen würden nicht mehr gern an Sitzungen der Ortsbeiräte teilnehmen wollen, das jedenfalls ist der Eindruck der 42-Jährigen.

Sie wolle der Wählervereinigung BfO gar nicht in die Kniekehlen treten. »Die BfO haben extrem viel für Oberkrämer getan.« Aber es sei über die Jahre auch »viel kaputtgemacht« worden. »Eigene Ideen einzubringen, ist zum Teil unerwünscht. Man kommt sich manchmal vor wie ein Bittsteller. Dabei ist das Engagement da. Wir haben ein tolles Vereinsnetz, wir haben Leute, die anpacken wollen, mit viel Liebe zum Ort.« All das bringe aber wenig, wenn man nicht gehört werde. »Es gibt eine große Frustration.«

Hinzu komme »die fehlende Transparenz und die schlechte Informationskultur«. Beispiel Flächennutzungsplan: Der ist im Dezember 2020 geändert worden. »Aber auf der Webseite von Oberkrämer finden sie dazu nichts. Hier steht nach wie vor der Flächennutzungsplan von 2008 drauf.« Oberkrämer wachse, das wüssten alle. Aber wo ein nächstes Neubaugebiet entstehen soll? »Das ist dann schon alles beschlossen. Es gibt keinen Dialog«, sagt Purrmann.

»Die Kommunikation mit den Bürgern muss auf jeden Fall verbessert werden. Dafür werde ich mich einsetzen«, sagt auch Wolfgang Geppert. Der 54-jährige Polizeibeamte ist Mitglied in der Gemeindevertretung Oberkrämer, Vorsitzender des Sozialausschusses, Mitglied im Ortsbeirat Bötzow, seit Jahren. Er tritt für die Freien Wähler an - unterstützt von den Grünen. Geppert sagt zu »nd«: »Ich begrüße das ausdrücklich, dass die Bürger von Oberkrämer die Wahl zwischen so vielen Kandidaten haben.«

Dass die Gemeinde, die überregional allenfalls mal Erwähnung findet, wenn auf der nahen A10 ein schwerer Unfall passiert ist, dank der FDP-Kandidatin Maren Gilzer plötzlich in allen Medien auftaucht - von RTL über den »Spiegel« bis zur »Bunten« -, findet Geppert in Ordnung. Er sagt: »Ich freue mich über die mediale Aufmerksamkeit, die Oberkrämer gerade erfährt - das ist aber nur ein Nebenaspekt.« Zur Kandidatur von Maren Gilzer möchte er sich nicht äußern. Nur so viel: »Alle haben ihre Vor- und Nachteile.«

Bürgermeisterkandidatin Ingke Purrmann ist da direkter. Sie sagt: »Es geht im Wahlkampf von Maren Gilzer mehr um Maren Gilzer als um Oberkrämer. Das ist Boulevard-Aufmerksamkeit. Ich möchte eine andere Aufmerksamkeit.« Etwa, dass Oberkrämer in Berlin oder Potsdam als »Vorzeigegemeinde« in Sachen Nachhaltigkeit und Wirtschaftstransformation wahrgenommen wird.

Gilzer sagt, sie nehme das alles ernst. Sie wolle sehr wohl die kommenden acht Jahre Bürgermeisterin sein: »Jetzt habe ich die Chance, Bürgermeister zu sein, und da möchte ich natürlich auch beweisen, dass es geht, wirklich etwas anders zu machen, dass man die Bürger ernst nimmt.«

Fernsehsender, Radiosender: In besagter Online-Diskussion vor ein paar Tagen hat der SPD-Kandidat Dino Preiskowski möglicherweise den Satz gesagt, der den Bürgermeisterinnen-Träumen von Gilzer letztlich dann doch entgegenstehen könnte: »Mein Credo ist: Dorf soll Dorf bleiben.«

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