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Treffen sich Psychoanalyse und Kulturwissenschaft

Insa Härtel erklärt, warum die Psychoanalyse sich nicht nur für Subjekte auf der Couch interessiert und die Kulturwissenschaft immer wieder auf psychoanalytische Ansätze zurückgreift - und es trotzdem nicht ausschließlich harmonisch zugeht, wenn beide sich begegnen

  • Von Lilli Helmbold
  • Lesedauer: 6 Min.
Potenziale der Interdisziplinarität: Die Kultur auf der Couch
Potenziale der Interdisziplinarität: Die Kultur auf der Couch

Insa Härtel, in dem von Ihnen herausgegebenen und jüngst erschienenen Sammelband »Reibung und Reizung« wird ein mögliches Verhältnis von Psychoanalyse und Kulturwissenschaft ausgelotet. Sie leiten dieses Vorhaben mit der Feststellung ein, dass sich beide Wissenschaften mit der angstvollen Fantasie begegnen, sie könnten einander »verschlucken«, voneinander getilgt werden. Nun arbeiten Sie selbst als Professorin für Kulturwissenschaft an der International Psychoanalytic University Berlin (IPU). Entspricht es Ihren Erfahrungen, dass zwischen Psychoanalyse und Kulturwissenschaft eine Berührungsangst herrscht?

Insa Härtel
Insa Härtel

Dieses Buch war in gewisser Weise fällig: Seit gefühlten Ewigkeiten bewege ich mich in dem Spannungsfeld zwischen Psychoanalyse und Kulturwissenschaft, leite seit einer Reihe von Jahren den entsprechenden Studiengang an der IPU - und habe die Idee zu einem solchen Band entsprechend schon eine Weile mit mir herumgetragen. Nun ließ er sich endlich verwirklichen.

Ich gehe darin weniger von einer Berührungsangst zwischen Psychoanalyse und Kulturwissenschaft aus, solche Berührungen finden ja von beiden Seiten statt. Vielmehr wollte ich darauf hindeuten, dass solche Bezugnahmen nicht immer harmonisch sind. Das ist etwas, was die Frage der Interdisziplinarität in einem weiteren Sinn betrifft: Selbst wenn ein solches »Zwischen den Disziplinen« zwischenzeitlich sogar zu einem - wenn auch selten eingelösten - Leitbild erhoben wurde, ist das nicht einfach eine harmlose Angelegenheit. Das Fächerübergreifende enthält wortwörtlich einen »Übergriff« - was wiederum ein schillernder Begriff sein kann, der mich seit längerem beschäftigt. Hier meine ich damit, dass das Übergreifen auch Attacken oder narzisstische Mächtigkeitsfantasien im Gepäck haben kann, genauso wie Ängste vor Vereinnahmungen beziehungsweise vor Verlusten von »Eigenständigkeit« oder dem, was man fachlich zu besitzen meint.

Solche Dynamiken sind dann in der Tat auch in Institutionen der Psychoanalyse und Kulturwissenschaft zu finden. Zum Beispiel lässt sich innerhalb letzterer psychoanalytische Theorie als ein Ansatz zwar betreiben, mit »zu viel« Psychoanalyse kann man sich aber, so meine Erfahrung, auch in die Nesseln setzen. Oder wenn die Kulturwissenschaft - auch mit Recht - bestimmte Arten psychoanalytischer Interpretation beispielsweise von Filmen zurückweist, weil diese nicht selten die medialen Ebenen vergisst. Schon bei Sigmund Freud wird demgegenüber aber auch ein Modell angedacht, mit dem die Psychoanalyse ihr Forschungsmittel in anders gelagerten Fachgebieten quasi zur Verfügung stellt. Was genau genommen auch bedeutet, das »Eigene« ein Stück aus der Hand zu geben und »Verfremdungen« daran einzuräumen. Was natürlich ebenfalls nicht ohne ist!

Was lässt sich denn unter dem Versuch vorstellen, Psychoanalyse und Kulturwissenschaft zusammenzubringen? Wo sehen Sie wichtige Schnittpunkte?

Bei dieser Frage geht es schon im Detail los: Sucht man nach »Schnittpunkten« und setzt damit in gewisser Weise zwei zunächst voneinander getrennte Bereiche voraus? Oder denkt man die Durchdringung radikaler, indem man annimmt, dass beiderlei »Territorien« im Grunde noch durchlässiger sind beziehungsweise die territoriale Metapher gar nicht greift und man Innen- oder Außengrenzen nicht sicher ziehen kann? Das gilt gerade im Fall von Psychoanalyse und Kulturwissenschaft, denn bei beiden handelt es sich im Grunde um entdisziplinierende Unterfangen. Dass die Innen- oder Außenzuordnung nicht so einfach ist, zeigt sich schon daran, dass psychoanalytische Ansätze für die Kulturwissenschaften konstitutiv gewesen sind. Und daran, dass die Psychoanalyse umgekehrt ihr Instrumentarium von Anfang an auch dafür genutzt hat, kulturelle Phänomene und Prozesse in den Blick zu nehmen.

In dieser Verschränktheit wird dann ein produktiver und auch einzigartiger Blick auf kulturelle Dynamiken und Phantasmen möglich, das heißt auf Konflikthaftes, Ambivalentes, Abgewehrtes, wie es, um nur ein Beispiel zu nennen, im kulturellen Umgang mit Sexuellem zum Tragen kommt. Eine Frage könnte eben sein, was in diesem Umgang nicht aufgeht? Und umgekehrt kann eine inhärent kulturwissenschaftliche Perspektive auch das psychoanalytische Denken aufwirbeln, was beispielsweise Fragen des Geschlechterverhältnisses oder verschiedene Subjektivierungsformen betrifft.

Die angesprochene Durchlässigkeit scheint sich auch in der Form des Sammelbandes niederzuschlagen. So gibt es künstlerische Zeichnungen von Joy Ahoi/ Kyung-hwa Choi-ahoi und ein Bestiarium, ein Vokabular von zu »Reizworten« verkommenen Begriffen. Auch bekommt man den Eindruck, dass sich die Beiträge des Bandes gegenseitig kommentieren. Robert Pfaller stellt in seinen »Elementen des Freud’schen Materialismus« dar, wie die Triebe des Menschen selbst im Widerstreit liegen, sodass die Kultur als ein »Überbau« fungiert. Er kommt zu dem Schluss, dass nur in der Analyse der Kultur psychische Erscheinungen verstanden werden können. Demgegenüber hält Lilli Gast in ihren »Notizen zum psychoanalytischen Subjekt« gerade an einer Differenzierung zwischen psychoanalytischer Subjekt- und kulturwissenschaftlicher Gesellschaftsbetrachtung fest.

Die Kommentierungen beginnen witzigerweise - und ungeplant - schon bei den Beitragstiteln, da ein Beitrag mit »Das Unbehagen am Kaffeelöffel« und ein anderer mit »Kein Sex ohne Kaffee« überschrieben wurde! Ein koffeinhaltiges Buch also … Doch sind wechselseitige Kommentierungen auch ein beabsichtigtes Anliegen des Bandes. Denn es geht ja um die Frage, wie genau einzelne Fachvertreter*innen das Verhältnis zwischen Psychoanalyse und Kulturtheorie begreifen. Deshalb habe ich versucht, heterogene Autor*innen zu gewinnen, die zwar allesamt an der Fragestellung Interesse haben, dabei aber durchaus verschiedene Akzente setzen.

In der Zusammenschau war für mich eine der interessantesten Fragen, wie man das Potenzial der Psychoanalyse, über eine Individuumszentriertheit hinauszugehen, fokussiert. Und zwar ohne dabei in die Falle zu tappen, die Subjekte schlicht als kulturelle Effekte zu konzipieren - was manchmal eine Gefahr kulturwissenschaftlicher Perspektivierungen sein kann. Auf der anderen Seite wäre es genauso eine Falle, das Kulturelle einfach auf die psychische Verfasstheit der Beteiligten zurückzuführen - was psychoanalytische Betrachtungen manchmal nahezulegen scheinen.

Man kann dann zu der Schlussfolgerung kommen, dass psychoanalytische und kulturwissenschaftliche Perspektiven trotz aller Verbindungsstellen je eigenständig und unterschiedlich sind. Oder aber man kommt zu dem Schluss, dass diese Verwicklungen am besten ausgehend von einer unauflöslichen Verwobenheit im Zugang analysierbar sind. Etwa weil sich psychische Strukturen nur im Verhältnis mit den jeweiligen kulturellen Bildungen erschließen lassen - was schon Freud eindrucksvoll vorgeführt hat, beispielsweise in seinem Aufsatz über »Zwangshandlungen und Religionsübungen« aus dem Jahre 1907. Dort werden Merkmale der Zwangsneurose durch bestimmte Züge des religiösen Zeremoniells erläutert, und umgekehrt - ohne dabei Differenzen zwischen beidem zu negieren.

So betrachtet wären es genau die Wechselbeziehungen, die einen Erklärungswert generieren, ohne dabei das eine auf das andere zu reduzieren: Reibung und Reizung eben. Das Potenzial einer solchen Psychoanalyse, die sich inhärent als Kulturtheorie aufstellt - also einer psychoanalytischen Herangehensweise, deren zentraler Gegenstand nicht allein das Subjekt ist - liegt dann darin, die Verhältnisse von Subjekt und Kultur in ihrem Zusammenspiel und ihrer Konflikthaftigkeit analysierbar zu machen. Das ist das, wozu ich tendiere. Und im Grunde ist es ja eben das, worauf der Band insgesamt zielt: die automatische Assoziation, die sich bei vielen einstellt, wenn man »Psychoanalyse« hört - nämlich deren Zuständigkeit für individuelle psychische Prozesse - zu hinterfragen.

Insa Härtel (Hg.): Reibung und Reizung: Psychoanalyse, Kultur und deren Wissenschaft. Textem-Verlag, 156 S., br., 18 €.

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