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Wandern durch den Zauberwald

Wenn sich in Deutschland das Wintergrau über das Land senkt, lädt Madeira zum Wanderurlaub in kurzer Hose ein. Nicht umsonst wird die portugiesische Insel im Atlantik als »Insel des ewigen Frühlings« bezeichnet

  • Von Rasso Knoller
  • Lesedauer: 5 Min.

Wer mit Christa Dornfeld-Bretterbauer und Camillo unterwegs ist, geht nicht verloren. Christa lebt seit über zwanzig Jahren auf Madeira. Sie ist Chefin des kleinen Privathotels Quinta dos Artistas und als Wanderguide ist sie regelmäßig zu Fuß über die Insel unterwegs. Camillo ist ihr freundlicher Hund und bei ihren Ausflügen immer dabei.

Meist folgt die »Exil-Österreicherin« auf ihren Touren den weitverzweigten Levadas. Die für Madeira so typischen Bewässerungskanäle durchziehen die Insel auf einer Länge von mehr als 2500 Kilometern. Weil es im bergigen Norden häufig regnet, im Süden aber warm und trocken ist, kam man schon früh auf die Idee, das Wasser dorthin zu lenken wo man es braucht - nämlich auf die fruchtbaren Felder des Südens. Das geschieht ohne die Hilfe von Pumpen oder Hebewerken, ganz allein durch das natürliche Gefälle.

Immer am Kanal entlang

Die Levadas werden auch heute noch genutzt. Die Bauern bekommen für ihre Felder wöchentliche Wasserzeiten zugeteilt. Dann dürfen sie für ein paar Stunden die Schleusen öffnen und das kostbare Nass auf ihre Felder umleiten. Ein so ausgedehntes Kanalnetz muss aber auch regelmäßig gewartet werden. Deswegen hat man Wege gebaut, die die Levadeiros für ihre Kontrollgänge nutzen. Mit Schaufel und Harke bewaffnet, entfernen die »Kanalpfleger« Unrat aus den manchmal nur handbreiten Wasserläufen.

Inzwischen teilen sich die Levadeiros die Wege mit Wandergruppen, wie der von Christa. Freilich kann man auch allein unterwegs sein, dann hält man sich aber besser an die ausgeschilderten Routen. Ansonsten kommt man schnell vom rechten Pfad ab und geht im Labyrinth der Kanäle verloren. Christa kennt nicht nur jeden Wanderweg, sie scheint auch alles über Pflanzen zu wissen. Mal deutet sie auf eine bunte Blume. Mal zerreibt sie ein Blatt zwischen ihren Fingern und lässt ihre Mitwanderer daran riechen. Mal verweist sie auf einen seltenen Baum, mal auf noch seltenere Flechten an dessen Stamm. Mal ist vom Natternkopf, mal dem Zieringwer die Rede. Und dann wieder schwärmt sie tief einatmend vom intensiven Geruch des Oregano.

Auf den höchsten Gipfeln

Ganz oben auf den höchsten Gipfeln Madeiras, da gibt es keine Levadas mehr. Trotzdem führt Christa ihre Gruppen auch dorthinauf. Der Aufstieg zum Pico Ruivo, dem mit 1862 Metern höchsten Gipfel der Insel, führt zunächst durch Nebelfelder und Lorbeerwälder mit bis zu 600 Jahre alten Bäumen. Christa spricht von einem Zauberwald. Die Unesco, die den Wald im Dezember 1999 auf die Liste des Weltnaturerbes aufgenommen hat, sieht das etwas nüchterner und schreibt: »Der Lorbeerwald von Madeira ist ein herausragendes Überbleibsel eines früher weit verbreiteten Lorbeerwaldtyps, der vor 15 bis 40 Millionen Jahren einen Großteil Südeuropas bedeckt hat.« Auf Madeira erstreckt er sich über etwa 20 Prozent der Inselfläche und hat damit eine Ausbreitung von etwa 150 Quadratkilometern.

Über enge Pfade geht es den Berg hinauf. Die knorrigen Stämme sind von Moosen bewachsen, Bartflechten hängen von den Ästen. Vom Wind zerzaust sehen die Bäume damit ein wenig aus, als hätten sie einen alsbaldigen Friseurbesuch nötig. Farne drängen sich am Boden durch das Wurzelwerk, Wasser tropft von oben auf die Wanderer herab.

Irgendwann reißt dann der Nebel auf. Zwischen seinen Schwaden tauchen spitze Gipfel auf, bald schon gewinnt die Sonne die Oberhand. Der Schlussanstieg zum Gipfel wird von blauem Himmel eingerahmt. Der Blick nach unten ist spektakulär, der Nebel umschmeichelt die Hänge, weiße Baumleichen - Überbleibsel von verheerenden Waldbränden aus dem Jahre 2016 - wirken wie gespenstische Krieger, die den Berg hinaufsteigen. In der Ferne erkennt man den Pico do Ariero. Der ist 1818 Meter hoch, die Nummer drei unter Madeiras Bergen und leicht zu erkennen an dem »Ei« auf seiner Spitze - einer Radarstation der portugiesischen Luftwaffe. Wer nach dem Gipfelsturm noch Energien übrig hat, kann zu ihm hinüberlaufen. Drei bis vier Stunden ist man unterwegs.

Madeira gilt nicht als Badeinsel. Die wenigen Strände, die es gibt, bieten allenfalls groben schwarzen Sand und Kiesel. In Calheta und Machico haben sie deswegen etwas nachgeholfen und sich einen Strand mit marokkanischem Sand gebaut. Im Vergleich zu Porto Moniz ist das Baden dort aber ohnehin langweilig. Denn in dem Ort an der Nordküste der Insel flutet das Meer natürliche Lavabecken, die noch dazu von skurrilen Felsformationen eingerahmt werden. Während sich draußen die Wellen auftürmen, kann man in den natürlichen Pools gefahrlos schwimmen.

Ronaldo, Karl und Poncha

Die Inselhauptstadt Funchal zählt 110 000 Einwohner. An den berühmtesten Sohn der Stadt erinnert das CR7 Museo an der Strandpromenade. Es widmet sich dem Leben des mehrfachen Weltfußballers Cristiano Ronaldo und zeigt, hinter Panzerglas gesichert, alle Trophäen, die er gewonnen hat. An den Wänden hängen Unmengen seiner Trikots. Neben den lebensgroßen Ronaldo-Statuen nehmen die Fans gerne Aufstellung zum obligatorischen Selfie. Einer anderen Berühmtheit erweist man in der Wallfahrtskirche Nossa Senhora do Monte seine Reverenz. Hier ist Karl I., der letzte Kaiser von Österreich-Ungarn, begraben.

Weil die Kirche hoch über der Stadt liegt, kann man nicht nur den schönen Ausblick genießen, sondern gleich nebenan mit einen Korbschlitten wieder ins Zentrum hinunterbrausen. Das bekannteste Verkehrsmittel der Insel wird von zwei »Carreiros do Monte« gelenkt. Die Fahrer steuern ihre Gefährte mit bis zu 40 Stundenkilometern durch die engen Straßen. Trotzdem muss kein Passagier Angst haben. Jeder der 150 Korbschlittenfahrer ist ein Profi seines Fachs. Der Beruf wird meist in der Familie weitervererbt, und bevor der Sohn vom Vater übernimmt, hat er viele Lehrjahre hinter sich.

Die Korbschlittenfahrer müssen während der Arbeitszeit selbstverständlich nüchtern bleiben, viele ihrer Passagiere steuern aber nach der Talfahrt eine Poncha-Bar an, um dort das Nationalgetränk Madeiras zu verkosten. Poncha ist der für die Insel typische Zuckerrohrschnaps, der mit Honig und Zitrone vermischt getrunken wird. Angeblich soll das Getränk einst das Hausmittel portugiesischer Matrosen gegen Skorbut gewesen sein. So wurden die vitaminhaltigen Südfrüchte für lange Seereisen konserviert.

Noch mehr Alkohol gibt es in der bekannten »Blandy’s Wine Lodge«. Dorthin bringt auch Christa ihre Gäste. Hier kann man nämlich nicht nur den inseltypischen mit Branntwein angereicherten Madeirawein verkosten, sondern auch das Weinmuseum besuchen.

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