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  • Truppenverstärkung im Ukraine-Krieg

Die Nato war vorbereitet

Umfangreiche Truppenverstärkungen an der Ostflanke – sie werden wohl von Dauer sein

  • Von René Heilig
  • Lesedauer: 4 Min.

Üble Aussichten. Auch wenn sich der Krieg einhegen lässt, wird Europa in eine sicherheitspolitische Eiszeit zurückgeworfen. Auf Dauer. Das hat nicht nur mit der Entscheidung des russischen Präsidenten zur Alarmierung seiner atomar bewaffneten sogenannten Vergeltungstruppen zu tun. Derzeit befinden sie sich auf der ersten von vier Alarmierungsstufen. Dass die USA und andere Nuklearmächte nicht gleichfalls in Alarmismus verfallen, sollte nicht täuschen. Sie sind bereit, auch wenn ein hoher Pentagonbeamter am Sonntag nur sagt, »dass wir weiterhin auf unsere Fähigkeit vertrauen, uns selbst, unsere Verbündeten und unsere Partner zu verteidigen. Das gilt auch für den Bereich der strategischen Abschreckung...« Kein Zweifel, die Nato war auf die Zuspitzung der Lage vorbereitet. Unmittelbar nach Russlands Angriff auf die Ukraine aktivierte der Rat des Bündnisses die 2020 erneuerten Verteidigungspläne für die Ostflanke der Allianz. Sie erhöhen die Befugnisse der militärischen Befehlshaber, verkürzen die Mobilisierungszeit von schnellen Eingreiftruppen, sichern, dass Verstärkung jeder Art bis zu den russischen Grenzen nachgeführt wird.

Jenseits aller Absprachen machen die USA »ihr Ding«, vor allem um sich die behäbigen Absprachen im Bündnis zu sparen. Washington verlegte bislang rund 10 000 Soldatinnen und Soldaten samt Kampf- und Transporthubschraubern nach Polen. Neben zahlreichen bemannten und unbemannten Aufklärungsmaschinen fliegen dort wie über dem Baltikum unter anderem modernste F-35-Stealth-Kampfflugzeuge. Sie werden in der Luft von bis zu sechs britischen KC-135 Stratotankern versorgt. In Litauen, Lettland und Estland, wo zusätzlich zu den dort stationierten Nato-Battlegroups 800 US-Fallschirmjäger ausgeladen wurden, stehen gleichfalls US-Kampf-Hubschrauber, die ihre eigentlichen Standorte in Deutschland haben. Verstärkt wurden auch die britischen und kanadischen Kampfkontingente. Es besteht kaum Aussicht, dass die Kontingente in absehbarer Zeit abgezogen werden, denn mit Moskaus Angriffskrieg wurde der Nato-Russland-Vertrag obsolet. Denkbar wäre so auch, dass der Westen taktische Atomwaffen an den Grenzen zu Russland stationiert.

Deutschland verstärkte seine Kampftruppen derzeit ebenfalls. Zu der von der Bundeswehr geführten Nato-Battlegroup in Litauen, zu der bislang rund 600 deutsche Soldatinnen und Soldaten gehörten, kamen gut 360 mit ihrem Material hinzu. Sie gehören hauptsächlich zu den Aufklärungs-, Artillerie- und ABC-Abwehrkräften.

Die Marine setzte drei Kriegsschiffe in Marsch. Die Korvette »Erfurt«, die eigentlich für den UN-Einsatz in Libanon geplant war, verstärkt nun den ständigen Nato-Einsatzverband Nord- und Ostsee. Im Mittelmeer soll die Fregatte »Lübeck« zu dem dortigen Nato-Einsatzverband hinzustoßen. Ob das bereits im Mittelmeer befindliche Minentauchereinsatzboot »Bad Rappenau« – wie geplant – ins Schwarze Meer einläuft, ist unklar. Gleichfalls mit einem Auftrag versehen wurde das Flottendienstboot »Alster«. Es soll mit BND-Experten an Bord elektronische Aufklärung von der russischen Exklave Kaliningrad und vor St. Petersburg betreiben. Möglicherweise wird es von einem U-Boot begleitet.

Es könnte sein, dass die deutschen Schiffe in der Ostsee US-Zerstörern begegnen, die mit dem Aegis-System ausgestattet sind. Sie sind Teil eines Flugabwehrriegels, den die Nato an den russischen Grenzen aufbaut. Um den Nachschub vor Luftangriffen zu sicher, verlegt die Bundeswehr »Ozelot«-Systeme zur litauischen Hafenstadt Klaipeda. Das im polnischen Słupsk-Redzikowo geplante ständige Raketenabwehrsystem dürfte kurz vor der Inbetriebnahme stehen, das Schwestersystem im rumänischen Deveselu ist bereits aktiv. Auf »halbem Weg« wird die Bundeswehr nun »Patriot«-Raketen stationieren. Die Absprachen mit der Slowakei sind getroffen. Sie betreffen auch eine deutsche Jägerkompanie mit »Boxer«-Transportpanzern, aus der eine zusätzliche von Deutschland befehligte Nato-Battlegroup erwachsen soll. Die Niederlande, Polen und Tschechien werden die Einheit verstärken, zur der auch deutsche Cyberkräfte gehören werden. Auch die Luftwaffe zeigt nahe der russischen Grenzen Präsenz. Zu den drei bereits im rumänischen Konstanza stationierten »Eurofightern« kamen drei weitere hinzu.

Derzeit trainieren deutsche Soldatinnen und Soldaten für die Nato Response Force 2022–2024, die Eingreiftruppe, deren Alarmierungszeiten verkürzt wurden. Ab 2023 bilden sie die Hauptmacht der VJTF, also der sogenannten Speerspitze der Nato.

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