Halali und Misstöne

Zu viel Verbiss durch Wild gefährdet den Waldumbau - das geplante neue Jagdgesetz trifft aber auf Widerstand

  • Wilfried Neiße, Potsdam
  • Lesedauer: 3 Min.

Seit Jahren ist bekannt, dass nicht genügend Wild im brandenburgischen Wald geschossen wird. Mit einem geänderten Jagdgesetz will Agrarminister Axel Vogel (Grüne) nun zu deutlich höheren Abschusszahlen gelangen. Dabei hat er viele bewaffnete Gegner.

Kern der Gesetzesnovelle ist es, dass »Grundeigentümer mehr unmittelbare Einflussmöglichkeiten auf die Jagd bekommen«. Das war bislang das Vorrecht der Jagdgenossenschaften. Eigentümer kleiner Waldflächen waren gesetzlich gezwungen, diesen Genossenschaften die Jagd zu gestatten. An einer ungezügelten Ausbreitung des Wildes hat dies nichts geändert. Einhergehen soll die Novelle mit der Abschaffung der behördlichen Abschussplanung für Hirsche, Mufflons und Wildschweine. Zahlen will Vogel nicht mehr vorgeben. Sein Maßstab ist nur noch der halbwegs ungestörte natürliche Waldumbau. Die tierschützenden Hegegemeinschaften werden laut Gesetzentwurf künftig beschnitten. Sie dürfen von nun an »kein Hemmnis für eine effektive Bejagung des Schalenwildes sein«.

Als Vogel seine Ziele vor einigen Tagen im Landesjagdbeirat vorstellte, bekam er Gegenwind. Sein Plan, Waldeigentümern mit bestandener Prüfung die Jagd zu gestatten, wenn sie mindestens zehn Hektar Wald besitzen (bislang waren dafür 150 Hektar, in Ausnahmefällen 75 Hektar erforderlich), wurde von den Umweltverbänden Nabu, BUND, Grüne Liga, dem Waldbauernverband und dem Ökologischen Jagdverband zurückgewiesen. Sie fordern, faktisch allen Waldeigentümern die Jagd zu gestatten.

Kleine Waldbesitzer durften bislang nicht jagen, sondern waren verpflichtet, dieses Recht auf Jagdgenossenschaften zu übertragen. Die aber sind aus Sicht des Ministers nicht aktiv genug. Auch wenn im vergangenen Jahr rund 60.000 Rehe und etwa 100.000 Wildschweine abgeschossen wurden - so viele wie nie zuvor -, reiche es nicht. Die in Brandenburg wieder heimisch gewordenen Wölfe beeinflussen die Statistik kaum. Sie reißen nicht so viel Wild. Die Überzahl des Schalenwildes macht das Ziel des Waldumbaus von der Kiefernmonokultur zu Mischwäldern weitgehend zunichte. Junge Bäume werden einfach aufgefressen. Einzig dichte Zäune setzen hier Grenzen, aber die sind den meisten Waldeigentümern zu teuer.

»Jagd ist kein Selbstzweck«, sagt der Vorsitzende des Ökologischen Jagdverbands, Mathias Graf von Schwerin. »Insbesondere hat sie dem Interesse der Eigentümer und der Gesellschaft an klimastabilen, vitalen Wäldern zu dienen.« Für die Stärkung der Eigenverantwortung von Grundeigentümern tritt der BUND-Landesvorsitzende Carsten Preuß ein. Nur so könne der Umbau der Kiefernforste zu klimaangepassten Mischwäldern gelingen.

Ganz anders dagegen die Interessenverbände, deren Vorrecht die Jagd bislang ist. Als »untauglich« bezeichnete der Vorsitzende des Landesjagdverbands, Dirk-Henner Wellershoff, die vorgesehene Änderung des Jagdgesetzes und kündigte Widerstand an. »Wir wehren uns dagegen, dass der Landschafts-, Umwelt- und Tierschutz einer verfehlten Waldpolitik geopfert werden soll.« Aus Sicht des Landesbauernverbands ergibt sich aus den neuen Zielen der Jagdpolitik die Zerschlagung des Systems der Jagdgenossenschaften. »Mit der Schwächung der Jagdgenossenschaften durch die verschiedenen Besitzansprüche wird es nicht mehr möglich sein, in sinnvollen Flächendimensionen den Wildbestand in einem natürlichen Gleichgewicht zu halten«, sagte Jürgen Hammerschmidt, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft der Jagdgenossenschaften.

Aber eben daran zweifelt Minister Vogel. Das Schalenwild in seiner Gesamtheit übe durch einen zu hohen Bestand einen schädigenden Einfluss auf den Wald aus. »Wir brauchen Naturverjüngung, also natürlich nachwachsende Bäume, um den Wald klimastabil zu gestalten. Aber wir stellen fest, dass wir eine der höchsten Verbissquoten in Deutschland haben.«

Jäger sollen künftig ihre Schießfähigkeiten durch Übungsschießen verbessern und das nachweisen müssen. »Das ist erforderlich aus Gründen des Tierschutzes«, betont Minister Vogel. Angesichts der Tatsche, dass Wildtiere immer mehr in bewohntes Gebiet eindringen, soll es demnächst »Stadtjäger« geben. Besonders geschult, sollen sie »zwischen den Belangen der Wildtiere und der Menschen vermitteln«, so Vogel.

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