Stalin konnte mit den Augen lächeln

»Frei« von Lea Ypi ist eine Reise in die Vergangenheit eines unbekannten Landes

  • Fokke Joel
  • Lesedauer: 4 Min.

Lea Ypi war elf Jahre, als sie den Boden unter den Füßen verlor. Auf den Straßen ihrer Heimatstadt Durrës in Westalbanien schrien die Demonstranten 1990: »Freiheit, Demokratie, Freiheit, Demokratie«. Gleichzeitig war das Donnern der Stiefel von Polizei und Soldaten zu hören. Ihre Eltern und ihre Großmutter hatten auf ihre Frage, was da gerade passiere, nur ausweichend geantwortet. Voller Angst rannte Ypi in den kleinen Park am Kulturpalast. »Als Stalin am Horizont erschien, wusste ich, ich war in Sicherheit. Er stand dort so feierlich wie immer mit seinem unscheinbaren Mantel, den schlichten Bronzeschuhen und der rechten Hand unterm Revers, als hielte er sich das Herz. (...) Sobald ich die Wange an Stalins Oberschenkel legte und versuchte, seine Knie vollständig zu umarmen, wurde ich unsichtbar.«

Lea Ypi ist heute Professorin für Philosophie an der London School of Economics. Ihr Buch über ihre Kindheit in Albanien, »Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte«, ist eine Reise in die unbekannte Vergangenheit eines unbekannten Landes. Denn noch immer spielt Albanien im europäischen Bewusstsein keine Rolle. Wer weiß schon, dass es das letzte stalinistisch regierte Land in Europa war?

»Was Stalin so besonders machte«, hatte die Lehrerin von Lea Ypi zur Klasse gesagt, »war seine Fähigkeit, mit den Augen zu lächeln. Ist das zu glauben? Mit den Augen lächeln?« An dem Tag, an dem sie sich zu Stalin in den Park am Kulturhaus flüchtet, schaut sie nach oben, will in seine lächelnden Augen sehen. Doch da war nichts mehr - die Demonstranten hatten bereits seinen Kopf abgeschlagen.

»Ich habe mich nie gefragt, was Freiheit bedeutet, nicht bis zu dem Tag, als ich Stalin umarmte.« Lea Ypi fühlte sich frei, in manchen Situationen, so dachte sie, hatte sie sogar zu viel Freiheit. Doch irgendwann ist die Kindheit mit ihrer Märchenwelt zu Ende. Das allumfassende Vertrauen verschwindet genauso wie die bösen Mächte unterm Bett. Allerdings hatte sich der Weg aus der Kindheit durch Unerklärliches angekündigt. Warum wollten ihre Eltern kein Bild von Enver Hoxha, dem langjährigen Diktator Albaniens, im Wohnzimmer aufstellen, nachdem »Onkel Enver« 1985 starb? Und warum redeten ihre Eltern so oft von Universitätsabschlüssen?

In der Schule war Lea Ypis Nachname schon immer ein Problem gewesen. Jedes Mal, wenn die Rede auf »den Verräter« Xhafer Ypi kam, der Albanien 1939 kampflos dem faschistischen Italien überlassen hatte, musste sie erklären, dass es nur ein Zufall sei, dass auch sie Ypi heiße. Denn nichts war in ihrer Kindheit wichtiger als »die Biografie«. Entweder man hatte eine gute oder man hatte eine schlechte. Hatte man einen Verräter in der Familie oder einen Bourgeois, hatte man zahlreiche Nachteile, wenn man nicht gleich im Gefängnis landete.

Lea Ypi erzählt von den Folgen des radikalen Umbruchs in Albanien nach der Wende. Davon, wie plötzlich Begriffe und Werte das Leben bestimmten, von denen sie in der Schule gelernt hatte, dass sie vom Klassenfeind stammten. Ein Begriff wie »die Zivilgesellschaft« trat plötzlich an die Stelle von »die Partei«.

»Liberalisierung« war ein neues Zauberwort - deren Folgen endeten dann, 1997, im sogenannten »Lotterieaufstand«, bei dem fast alle Albaner ihre Ersparnisse in einer Art landesweitem Pilotenspiel verloren. Die Folge war ein Bürgerkrieg, bei dem die leeren Patronenhülsen auf die Fensterbank vor Lea Ypis Zimmer flogen. Vorübergehend verlor sie ihre Stimme. Es sind extreme Erfahrungen, die in vieler Hinsicht paradigmatisch für den Zusammenbruch des Realsozialismus sind.

Dabei gelingt es Ypi, ihre Kindheitsgeschichte für den Leser so zu erzählen, dass er seine eigenen Erfahrungen in denen der Autorin wiederfindet. Gleichzeitig lässt sie keinen Zweifel an den Unterschieden, am Ausmaß von Demütigung und Leid, die diese Zeit für die Albaner bedeutete. »Wenn die Touristen uns besuchten«, schreibt sie über die Wende, »beruhte das Ganze wenigstens auf Gegenseitigkeit. Sie glotzten uns an, wir glotzten sie an. Wir lebten in getrennten Welten. Mit der Trennung war es nun vorbei, aber auf Augenhöhe waren wir nicht.«

Lea Ypi: Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte. A. d. Engl. v. Eva Bonné. Suhrkamp, 332 S., geb., 28 €.

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