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Der ferne Notarzt sieht durch die Augen des Sanitäters

Telemedizin soll das Leben in Brandenburg einfacher machen - so wie auch andere Ansätze der Digitalisierung

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.

Weil in Spree-Neiße nicht genug Notärzte wohnen, kommen auch welche von außerhalb zum Einsatz. Bei einem Unfall könne das bedeuten, dass der Rettungswagen innerhalb von fünf Minuten zur Stelle ist, der Notarzt erst nach einer halben Stunde, berichtet Maik Kähler. Er hat sich eine Lösung für das Problem überlegt und Fördermittel erhalten, um sein Projekt zu entwickeln.

In der Zeit, in der der Rettungssanitäter allein handeln muss, trägt er eine Spezialbrille, die sein Blickfeld in das Auto des Notarztes überträgt, der ihm schon während der Anfahrt Ratschläge erteilen kann. Durch die Brille hat der Sanitäter die Hände frei, um den Verletzten zu verbinden. Kähler hat das noch nicht voll entwickelte System schon in zwei Rettungswachen vorgestellt. Die älteren Sanitäter hielten es für gewöhnungsbedürftig, die jüngeren waren von der Technik begeistert, erzählt Kähler am Donnerstag bei einer Veranstaltung zu Brandenburgs Digitalprogramm 2025. Anderswo in Deutschland wird schon mit umgerüsteten Rettungswagen gearbeitet, in die sich ein Arzt aus einer Notdienstzentrale zuschalten kann. Doch da muss das Unfallopfer erst in das Fahrzeug gehievt werden - bei einem gebrochenen Rückgrat ein heikles Unterfangen. Kählers mobiles System hat da Vorteile.

Noch ein anderes Beispiel, wie die Digitalisierung Leben in diesem Fall zwar nicht retten, aber erheblich erleichtern kann, wird bei der Veranstaltung vorgestellt, die stilecht per Videokonferenz stattfindet: In Märkisch-Oderland entwickelten Bürger der Gemeinde Prötzel im Jahr 2017 die Pampa-App und damit eine Art digitale Mitfahrzentrale. Auf dem Lande, in der Pampa also, haben viele Familien einen Zweitwagen, weil ein Auto wegen schlechter Busverbindungen nicht ausreicht. Wenn Autofahrer jedoch Nachbarn mitnehmen, könnte auf den zusätzlichen Pkw verzichtet werden und Einwohnern ganz ohne Fahrzeug wäre auch geholfen, beschreibt Mitinitiator Martin Luge die Idee. 2018 ging eine Betaversion, also ein schon funktionsfähiges, aber noch verbesserungsbedürftiges Testprogramm an den Start. Bis 2020 wurde es 550-mal heruntergeladen. 200 Orte wurden vernetzt, 125 Kitas, 62 Schulen, 26 Bahnhöfe und sechs Krankenhäuser. Bei der Entwicklung der App wurden Bedenken berücksichtigt, etwa die Sorge: Wenn öffentlich einsehbar wäre, dass ich von 18 bis 20 Uhr unterwegs bin, könnte ein Einbrecher gefahrlos in mein Haus einbrechen und mich bestehlen.

Für kommerzielle Anbieter lohne sich eine Gegend wie Prötzel nicht, erläutert Martin Luge, der Pampa nach Auslaufen der einjährigen Finanzierung durch Fördermittel ehrenamtlich weiter betreut. Mit den Centbeträgen, die für geringe Distanzen abgerechnet werden könnten, wäre kein Profit zu machen. Darum ist die Pampa-App für ländliche Regionen interessant. Es gab Anfragen aus allen Teilen der Bundesrepublik.

»Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern der Mensch soll im Mittelpunkt stehen«, versichert der zuständige Staatssekretär Benjamin Grimm (SPD). So soll die Telemedizin die Gesundheitsversorgung besser machen und auf keinen Fall schlechter. Moderne Technik soll in den dünn besiedelten Regionen helfen, Distanzen zu überwinden. Und auch in der Landeshauptstadt Potsdam könne die Digitalisierung von Vorteil sein. Der Staatssekretär nennt als gutes Beispiel ein Straßenbahndepot der dortigen Verkehrsbetriebe, in dem die Fahrzeuge autonom in die Waschanlage steuern. Grimm meint: »Brandenburgische Tradition und digitale Moderne sind kein Widerspruch, sondern können sich hervorragend ergänzen.« Das Logo des digitalen Brandenburg ist ein Schattenriss des preußischen Königs Friedrich II. mit einem Tablet in der Hand. Im Dezember wurde ein Entwurf der Digitalisierungsstrategie 2025 vorgestellt. Jetzt wird er diskutiert.

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