Achtung, Seuchengefahr!

Thomas Strohschneider macht sich Sorgen um den Ausverkauf der Krankenhäuser

  • Silvia Ottow
  • Lesedauer: 3 Min.

Mehr als 19 Millionen Mal im Jahr blickt ein Arzt sorgenvoll auf einen Patienten, dem er ambulant nicht mehr weiterhelfen kann. Dann bleibt nichts weiter übrig, als sie oder ihn in ein Krankenhaus zu überweisen. Eine Operation oder eine langwierige Behandlung durch erfahrene Spezialisten sollen die Gesundheit wiederherstellen oder wenigstens das Fortschreiten der Beschwerden verhindern.

Das Krankenhaus als letzte Hoffnung, Ort der Sehnsucht nach Hilfe und Heilung, Projektionsfläche für die glückliche Lösung medizinischer Probleme. Doch das war einmal. Trotz rasant wachsender wissenschaftlicher Erkenntnisse enttäuscht ausgerechnet diese hoch angesehene Einrichtung Krankenhaus den bedürftigen Menschen immer öfter - und hier sind nicht nur die spektakulären Fälle gemeint, in denen das gesunde Bein amputiert wird oder der Kranke sich mit einem todbringenden Keim infiziert. Der Stuttgarter Facharzt für Allgemein- und Gefäßchirurgie Thomas Strohschneider schlägt einen umfassenderen Bogen. Er macht sich Sorgen um dieses altbewährte System, sieht es vor dem Kollaps, dem Ausverkauf. Acht Jahre sammelte er Erfahrungen als Chefarzt für Gefäßchirurgie an einer privatwirtschaftlich geführten Klinik. Sein Fazit: Es gibt einen Paradigmenwechsel von einem sozial begründeten Gesundheitswesen hin zu einer ökonomisch dominierten Gesundheitsindustrie. Mit fatalen Folgen für die Erkrankten, aber ebenso für das medizinische, pflegerische und im Service tätige Personal.

Strohschneider hat gründlich analysiert, so etwa das System der Fallpauschalen, nach denen im Krankenhaus seit zwei Jahrzehnten gearbeitet wird. Es vereinheitlicht Krankheiten, ohne individuelle Bedürfnisse und Nöte zu erfassen. »Die knappe Kalkulation pro Fall verleitet dazu, Patienten mit immer mehr Diagnosen zu versehen und ihnen Eingriffe zu verordnen, die sich gut abrechnen lassen«, schreibt Strohschneider. Gleichzeitig dürfe der Aufenthalt der Patienten in der Klinik nicht zu lange dauern, weil er dann zu teuer würde und nicht mehr von der Pauschale gedeckt sei. Man mag sich kaum vorstellen, was diese Konstruktion für seltsame Blüten treibt: zu frühe Entlassungen; zusätzliche und vor allem überflüssige Eingriffe und nicht zuletzt die Beschäftigung ganzer Heerscharen von Abrechnungsexperten, die schauen, was aus dem kranken Menschenmaterial noch für Einnahmen generiert werden können. Einnahmen wohlgemerkt, die den Gewinn für die Krankenhausbetreiber maximieren sollen. Dies, so der Autor, sei alles andere als ein Naturgesetz, sondern in erster Linie eine politische Entscheidung. Die Anzahl der Kliniken in öffentlich-rechtlicher Hand sei auf 29 Prozent geschrumpft, der Anteil privater Träger habe sich zwischen 1991 und 2018 von 15 auf 37 Prozent mehr als verdoppelt.

Allein dieser Fakt sowie das Umherschwirren von Konzernbeauftragten, die nach günstig gelegenen Krankenhäusern mit einem profitablen Portfolio Ausschau halten, um sie aufzukaufen oder aus Konkurrenzgründen zu schließen, beweist doch, wie viel Geld man mit Krankenhäusern machen kann, wenn man nur skrupellos genug ist - hier sei nur an das Schließen von Kinderabteilungen gedacht, denn die sind teuer und versprechen wenig Rendite.

Strohschneiders schonungslose Untersuchung macht leider zu viel Angst, als dass man sie vor der Krankenhauseinweisung als Pflichtlektüre empfehlen könnte. Aber zu wissen, wie Kliniken von heute funktionieren, was geschieht, wenn sich Türen hinter einem schließen, kann nichts schaden. Der betroffene Mensch wird so vielleicht in die Lage versetzt, den gröbsten Unfug zu verhindern, der ihm angetan werden könnte. Für das Gesundheitssystem ist das schon schwieriger. Der Zug der Privatisierung ist allenthalben abgefahren. Wer ihn stoppen will, muss schon eine große Kelle in der Hand haben.

Thomas Strohschneider: Krankenhaus im Ausverkauf. Private Gewinne auf Kosten unserer Gesundheit. Westend-Verlag. 240 S., br., 18 €.

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