Die Linke in Erklärungsnot

Meldungen über mutmaßliche Fälle sexueller Gewalt in der Linken häufen sich

  • Von Max Zeising
  • Lesedauer: 3 Min.
Unter #LinkeMeToo kämpft die Linksjugend auch auf Twitter um Aufarbeitung aller mutmaßlichen Fälle sexueller Übergriffe.
Unter #LinkeMeToo kämpft die Linksjugend auch auf Twitter um Aufarbeitung aller mutmaßlichen Fälle sexueller Übergriffe.

Plötzlich und unangekündigt sei er aufgetaucht. Über ihren Balkon sei Adrian G., damals Anfang 40 und Mitarbeiter der Fraktion der Linken im Hessischen Landtag, in einer Nacht im Sommer 2018 in ihre Wohnung eingestiegen. Dann hätten sie diskutiert, ob er mit ihr schlafen dürfe. Sie, 24 Jahre jünger und in der Linksjugend in Wiesbaden aktiv, habe nachgegeben, damit er wieder abhaut. Einer von mehreren mutmaßlichen Fällen sexueller Übergriffe innerhalb der Linken, über die der »Spiegel« jüngst berichtete. Die Partei ist seitdem schwer belastet. Zugleich haben sich weitere mutmaßlich Betroffene an den parteinahen Jugendverband gewandt, immer mehr Namen möglicher Täter stehen im Raum. Und es ist längst nicht nur der Landesverband Hessen, der sich mit Vorwürfen konfrontiert sieht.

23 weitere Meldungen seit Freitag

Solid-Sprecherin Sarah Dubiel sprach am Montagmittag auf Anfrage von »nd.Der Tag« von 23 weiteren Meldungen seit Veröffentlichung des »Spiegel«-Artikels. Insgesamt hätten sich seit Februar etwa 50 mutmaßlich Betroffene bei ihr gemeldet, etwa gleich viele Täter soll es geben. Aus fast jedem Landesverband gebe es mittlerweile Schilderungen sexueller Übergriffen, so Dubiel, nur nicht aus Schleswig-Holstein und dem Saarland. »Man kann aber davon ausgehen, dass es auch dort zu Übergriffen gekommen ist«, sagt die Linksjugend-Sprecherin. Die Vorwürfe beträfen zumeist Männer mittleren Alters, die bestimmte Positionen innehaben – etwa in Vorständen – und entsprechend mit Macht ausgestattet sind. Auch Bundespolitiker und bekannte Namen seien darunter.

Die Schilderungen bringen die gesamte Partei in Erklärungsnot, darunter auch die Ko-Vorsitzende Janine Wissler. Die habe nämlich nach Darstellung des »Spiegel« eine Mail von jener Betroffenen aus dem Sommer 2018 unmittelbar nach der Tat erhalten: »Entschuldige das hier bitte, Janine, aber ich drehe endgültig durch, wenn Adrian nochmal nachts plötzlich auf meinem Balkon auftaucht und das romantisch nennt.« Wissler, die damals in einer Beziehung mit Adrian G. gewesen sei, soll von dem mutmaßlichen Übergriff gewusst, aber nichts unternommen haben. In einer Stellungnahme hatte die Ko-Vorsitzende geschrieben, sie nehme die Vorwürfe »sehr ernst«, zugleich hatte sie »die Unterstellung« zurückgewiesen, sie hätte bereits damals »Kenntnis über Vorwürfe von sexueller Belästigung und Machtmissbrauch« gehabt. Zwar bestätigte sie, Kontakt zu der Betroffenen gehabt zu haben, diese habe aber »nicht um Hilfe gebeten«. Sie sei »bestürzt« darüber, dass ihr unterstellt werde, sie hätte »irgendjemanden geschützt«.

Die Betroffenen kritisieren, dass sich die Partei bis heute nicht um eine ehrliche Aufarbeitung bemüht habe – stattdessen seien die Täter geschützt worden. Laut einem Tweet von Sarah Dubiel seien Aufklärungswillige sogar unter Druck gesetzt worden, nachdem man ein Vorstandsmitglied aus Hessen zum Rücktritt aufgefordert habe: »Als Dank wurde uns mit einem Ausschluss gedroht, weil wir der Partei schaden würden.«

Parteivorstand-Sitzung am Mittwoch

Die Linksjugend veröffentlichte unter dem Titel »Aktion für eine feministische Linke« einen offenen Brief, der inzwischen weit über 500 mal unterschrieben worden ist. Darin fordert der Jugendverband den »Rücktritt aller beteiligten Personen, die selbst Täter sind oder die von den Taten wussten und diese gedeckt haben«, außerdem eine »transparente und lückenlose Aufklärung aller Vorfälle«.

Der Parteivorstand kommt am Mittwochabend zu einer Sondersitzung zusammen – Ausgang offen.

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