Alt genug zum Blumenkaufen

In Japan werden kleine Kinder für eine TV-Sendung, die nun auf Netflix läuft, auf die Straße geschickt und sich selbst überlassen. Die seit Jahrzehnten populäre Serie zeigt nicht die Grausamkeit der Eltern, sondern mutige Kinder

  • Von Felix Lill
  • Lesedauer: 4 Min.
Harter Kleinkindalltag. In Japan werden 2-Jährige allein zum Einkaufen geschickt, um zu zeigen: Sie können es!
Harter Kleinkindalltag. In Japan werden 2-Jährige allein zum Einkaufen geschickt, um zu zeigen: Sie können es!

Das könnt ihr doch, oder?«, fragt die Mutter, nachdem sie ihrer fünfjährigen Tochter Sako und deren gleichaltriger Freundin Konatsu den Einkaufszettel erklärt hat. Eben haben sie noch mit Einhornkuscheltieren und Barbies gespielt. Jetzt sollen sie was für den Haushalt tun: »Ihr kennt doch das Hutgeschäft Tsuruya bei der Grundschule? Kauft dort mal je einen Hut in Größe M.« Und wenn sie schon auf dem Weg sind, sollen sie auch noch Früchte mitbringen, sagt die Mutter.

Die beiden Kinder nicken, ziehen sich ihre Masken ins Gesicht, schnallen sich leere Rucksäcke auf ihre Rücken und tapsen Hand in Hand auf die Straße. Während das Publikum vorm Fernseher gleich große Verwirrung oder Gefahr erwarten mag, meistern Sako und Konatsu ihre Aufgabe souverän. Über den Zebrastreifen, über eine stark befahrene Straße. Dann sagt Sako: »Größe M. Weißt du noch?« – »Ja«, nickt Konatsu, sie weiß noch. Im Hutgeschäft reiben sie zuerst Desinfektionsmittel in die Hände, lassen sich dann beraten und bezahlen. Nach dem Obsteinkauf geht›s schließlich zurück nach Hause. Geschafft.

In Japan sind es Bilder, die man manchmal live auf der Straße beobachten kann, vor allem aber regelmäßig über den Fernseher sieht. Die Serie »Hajimete no otsukai«, was auf Deutsch in etwa »Mein erster Auftrag« bedeutet, ist hier seit Jahrzehnten ein Quotenschlager. Kinder, die teilweise sogar erst zwei Jahre alt sind, werden mit Aufgaben betraut, die eigentlich nicht für Kinder bestimmt scheinen: Einkaufen, Botschaften an Nachbarn übermitteln und einiges mehr. Manchmal kommt es zu Tränen, aber in der Regel gibt es ein Happy End.

Das Gesamtprodukt ist derart happy und entzückend, dass es seit Kurzem auch für den Weltmarkt produziert wird. Die Onlinebezahlplattform Netflix hat »Hajimete no otsukai« für das internationale Publikum in »Old Enough!« umgetauft und machte aus den Episoden von je mehreren Stunden einzelne Folgen von etwa zehn Minuten und bewirbt sie seit einigen Wochen intensiv auf seiner Plattform. Und schon ist in mehreren Ländern eine Debatte entbrannt: Sei die Sendung nicht gefährlich, grausam, irgendwie insgesamt kinderfeindlich?

In Japan werden solche Fragen kaum gestellt. Das liegt nicht nur daran, dass die Sendung schon seit Anfang der 90er Jahre praktisch dem ganzen Land bekannt ist. Hier wirkt das Setup auch nicht so realitätsfern wie in vielen anderen Ländern. Das ostasiatische Land hat im internationalen Vergleich etwa kaum große Probleme mit Straßenkriminalität oder Verkehrsunfällen. Auch deshalb pendeln Kinder schon im jungen Alter mit der U-Bahn, wenn es der Schulweg erfordert.

Beim TV-Produkt »Hajimete no otsukai« geht es allerdings nicht nur um die Aufgaben, die Kinder bewältigen können, sondern um das Amüsement eines meist erwachsenen Publikums. Niedliche Protagonisten, eine heile Welt und ein kleines bisschen Spannung ohne große Fallhöhe – was allerdings eine Mischung ist, die auch anderswo funktioniert. Im deutschsprachigen Raum hatten schon TV-Sendungen Erfolg, in denen Kinder ihre erwachsene, reife oder altkluge Seite zeigten.

Von Mitte der 80er bis Mitte der 90er Jahre begeisterte etwa das aus den USA übernommene Format »Dingsda« ein großes Publikum. Kleinkinder sollten Prominenten komplizierte Begriffe erklären. Einige fielen auf Babysprache zurück, andere beeindruckten mit elaboriertem Vokabular. Wer von den Prominenten mehr Begriffe erriet, gewann den Wettbewerb. Die wahren Stars aber waren die Kinder. Vor vier Jahren legte die ARD die Sendung neu auf.

In Japan dagegen war »Hajimete no otsukai« nie weg. Und Netflix ist auch nicht das einzige Unternehmen, das das Konzept auf weiteren Märkten einführt. Schon vor einigen Jahren startete etwa der singapurische TV-Sender CNA eine Show unter dem Namen »Old Enough«, die genauso aufgebaut ist wie das japanische Original. »Wir dachten, es wäre doch spannend zu sehen, wie unabhängig Kinder in Singapur sind«, erklärte Poh Kok Ing, Produzent der Serie, den Entschluss.

Die Sendung deutete an, dass auch im für seine öffentliche Sicherheit bekannten südostasiatischen Stadtstaat die Kinder gut unterwegs waren. Ähnlich sieht es in Südkorea aus, wo auch schon Versionen des Konzepts umgesetzt werden. Da sagt der Vater seinem kleinen Sohn Sungjae: »Wenn du zum Metzger gehst und Schweinebacke bestellst, wird er dich fragen, wie viel. Und dann sagst du: ›Gib mir 600 Gramm!‹« Der kleine Sungjae wiederholt alles, übt einmal. Und macht sich auf den Weg.

Bei jeder dieser Episoden bleibt nicht nur der Eindruck zurück, dass junge Menschen schon zu einigem fähig sind, wenn man es ihnen nur zutraut. Im Ursprungsland Japan wie auch in Singapur und Südkorea offenbart sich zudem – trotz regelmäßiger Safety-Checks vor der Produktion – die hohe öffentliche Sicherheit. So könnten die großen Aufgaben für die kleinen Menschen auf dem Weltmarkt noch einmal mehr beeindrucken.

Verfügbar auf Netflix

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