Beispielloser Fluss an Informationen

Washington füttert die Ukraine mit Geheimdienstanalysen – Russlands Generale sind bevorzugte Ziele

  • René Heilig
  • Lesedauer: 4 Min.

Der am 24. Februar begonnene und lange vorbereitete russische Angriffskrieg gegen die Ukraine sollte eigentlich ein schnelles und siegreiches Ende haben. Doch diese von Moskau gehegte Erwartung ist verflogen. Es gelang den Okkupanten nicht, Kiew zu erobern und in den nun attackierten östlichen und südlichen Gebieten der Ukraine kommen sie auch nicht voran. Ursache ist der effektiv ukrainische Widerstand. Sogar ein begrenzter Gegenschlag Kiews ist nach Ansicht von Nato-Analysten im Bereich des Möglichen. Auch dank immenser Unterstützung, die die Ukraine aus westlichen Staaten bekommt.

Dazu gehören nicht nur Waffen, Munition und militärisches Gerät, auch die Ausbildung von ukrainischen Militärs, die lange vor dem russischen Überfall begonnen hat, stärkt den Widerstand. Weniger im Blick der Öffentlichkeit ist die Unterstützung auf nachrichtendienstlichem Gebiet. Bereits im Vorfeld des russischen Einmarsches hätten die USA begonnen, der Ukraine militärisch verwertbare Fakten zukommen zu lassen. Zu Beginn des Krieges sollen US-Dienste vor dem bevorstehenden Angriff auf den Flughafen Hostomel nördlich von Kiew gewarnt haben. So konnte die Ukraine Reserven aufbieten, um die russischen Luftlandetruppen zu vernichten.

Nun bestätigten – laut »New York Times« (NYT) vom Mittwoch – hohe Beamte in Washington, dass die USA auch solche Informationen geliefert haben, die russischen Generalen zum Verhängnis wurden. Die ungewöhnlich hohe Anzahl getöteter Heerführer hat selbst bei Militärexperten Erstaunen ausgelöst, doch die anonymen Tippgeber der NYT lehnten Angaben darüber ab, wie viele Generäle mit Hilfe von US-Angaben getötet wurden. Der ukrainische Militärgeheimdienst spricht davon, dass man »etwa zwölf« an verschiedenen Fronten getötet habe.

Die Attacken gelangen, weil US-Dienste im Auftrag der Regierung in Echtzeit Aufklärungsergebnisse von den jeweiligen Schlachtfeldern zur Verfügung stellten. Sie beinhalten auch voraussichtliche russische Truppenbewegungen, was die Abwehr neuer Attacken erleichtert. Neben generellen Analysen der russischen Gefechtsformationen nutzen die US-Dienste Daten, die mit Hilfe von eigenen sowie kommerziellen Satelliten und von Bord der rund um die Uhr eingesetzten, bemannten wie unbemannten Aufklärungsflugzeuge gewonnen werden. Auch andere Nato-Verbündete stellen dem ukrainischen Militär Informationen in Echtzeit zur Verfügung, hieß es in Washington. Unlängst war in Berlin bekannt geworden, dass der Bundesnachrichtendienst (BND) an der Analyse abgefangener russischer Funkgespräche beteiligt ist.

»Der Fluss an verwertbaren Informationen über die Bewegungen der russischen Truppen, den Amerika der Ukraine zur Verfügung gestellt hat, ist beispiellos«, behaupten die Informanten der NYT. US-Aufklärer verschiedenster Ebenen konzentrierten sich darauf, den Standort und andere Details über mobile Hauptquartiere des russischen Militärs zu liefern. Obwohl die, wie es heißt, häufig ihren Standort wechselten, könnten die ukrainischen Dienste diese geografischen Informationen mit eigenen Erkenntnissen – darunter zahlreiche abgefangene Nachrichten sowie Berichte von Quellen in den Kampfgebieten – kombinieren. Danach würden zumeist Artillerieattacken oder Scharfschützeneinsätze befohlen. Auch die jetzt von den USA gelieferten »Switchblade«-Drohnen könnten künftig zur Identifizierung und Tötung einzelner Soldaten eingesetzt werden, betonen US-Militärs.

Die Weitergabe von Geheimdienstinformationen sei, so schreibt die »New York Times«, Teil der verstärkten US-Unterstützung. Sie umfasse schwere Waffen und andere Hilfe in zweistelliger Milliardenhöhe. Die anfängliche Zurückhaltung der USA bei der Unterstützung der Ukraine habe sich schnell geändert. In Washington ist man offenbar der Ansicht, dass Moskaus Möglichkeiten, den Krieg zu gewinnen, schwinden. Verteidigungsminister Lloyd J. Austin glaubt, Russland sei so geschwächt, dass es »die Dinge, die es beim Einmarsch in die Ukraine getan hat, nicht mehr tun kann«. Man gehe davon aus, dass der Krieg in eine neue Phase tritt. Die könne sich über Monate hinziehen.

Die US-Regierung und vor allem das Pentagon haben stets versucht, einen Großteil der ihr bekannten und weitergegebenen Informationen über die Kampfhandlungen in der Ukraine geheim zu halten. Man befürchtete, dass ein Bekanntwerden der Geheimdienstunterstützung in Moskau als Grund zur Eskalation des Krieges genutzt und Präsident Wladimir Putin zu noch größerer Unbesonnenheit bewegen könnte.

Dieses Risiko scheint weiter groß, denn unmittelbar nach den jüngsten Veröffentlichungen über die Geheimdienstkooperation betonte Adrienne Watson, eine Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrates, dass die Informationen »nicht in der Absicht zur Verfügung gestellt wurden, russische Generäle zu töten«. Im Gegenteil, es sei sogar verboten, Erkenntnisse zu den ranghöchsten russischen Führern an die Ukraine weiterzugeben, hieß es. Damit spielte man offenbar auf einen Angriff in der Ostukraine vom vergangenen Wochenende an. Ziel war der russische Generalstabschef und Putin-Vertraute Walery Gerasimow. Er soll nur knapp mit dem Leben davongekommen sein.

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